FAZ.NET-Fernsehkritik: Maischberger

In Würde altern?

Von Matthias Hannemann

Johannes Heesters:  „Ich lebe weiter, als ob ich noch achtzig wäre”

Johannes Heesters: „Ich lebe weiter, als ob ich noch achtzig wäre”

28. November 2007 Bei einem Rollator liegt es wohl nahe, dass hier Dinge in Bewegung geraten könnten. Daher fiel auch das Schild bald auf, das die nach einer Gehhilfe benannte britische Band „The Zimmers“ in die Kamera hielt, während die nicht mehr ganz so taufrische Truppe (Durchschnittsalter: 78) im Frühjahr, in den legendären Abbey Road Studios, zu „My Generation“ ansetzte.

Der Original-Titel von „The Who“ hatte es 1965 auf Platz zwei der britischen Charts geschafft, die „Zimmers“ stürmten ebenfalls die Hitparaden - und auf dem Schild, vorschnell als skurriler Gag aufgefasst, stand dieser Appell: „Don´t write me off“. Schreibt mich nicht ab, nur weil ich alt bin.

Sandra Maischberger wollte die “Wahrheit über das Alter“ erfahren

Sandra Maischberger wollte die "Wahrheit über das Alter" erfahren

Die Sache mit dem Altern, schwante einem gnädigst Nachgeborenen schon damals, könnte womöglich so rockig gar nicht werden, nicht einmal im Bunde mit allen Riesters und Rürups dieser Welt. Denn zwar sagt einer wie Johannes Heesters, derzeit in den Vorbereitungen zum 104. Geburtstag vertieft: „Ich lebe weiter, als ob ich noch achtzig wäre“, man dürfe sich eben „nur nicht gehen lassen“, etwas Gymnastik und selbst heimliche Zigaretten passen in den Wochenplan ja noch irgendwie hinein.

Demenz, Gebrechlichkeit, Entmündigung

Aber selbst er, der auf der Bühne noch prächtiger zu schmettern vermag als seine mindestens hundertfünzig Jahre jüngere Begleitung am Flügel, gab nun Dienstagabend bei Sandra Maischberger zu bedenken, man müsse natürlich schon gesund sein, um in Würde altern zu können. Er sagte es wie nebenher.

In Würde? Genau das wäre sie gewesen: die „Wahrheit über das Alter“, nach der Frau Maischberger zu fahnden versprochen hatte. Merkwürdigerweise aber war in ihrer Gesprächsrunde, weil die Moderatorin Derartiges vor lauter Höflichkeit nicht anzuschneiden wagte und allenfalls auf einen „The Zimmers“-Ausschnitt setzte, von den wirklich Furcht einflößenden Aspekten des Themas, vom Umgang mit Demenz und Gebrechlichkeit etwa oder von der Praxis der „fürsorglichen Entmündigung“, nicht die Rede.

„Vorgeführt wie ein Tanzbär“?

Simone Rethel-Heesters, die sich für eine Initiative namens „Alter in Würde“ engagiert, wies in aufrichtiger Empörung noch einmal Vorwürfe zurück, ihr Mann werde auf der Bühne bloß noch „vorgeführt wie ein Tanzbär“.

Alle Gäste sprachen wohlfeil selbst über den Tod und das Ewige Leben („Der Tod“, meinte Heesters sehr trocken, „heißt Tod, weil dann alles vorbei ist“), forderten mehr Verständnis für das Bedürfnis ein, auch im hohen Alter noch einer sinnvollen Tätigkeit nachgehen und am prallen Leben, sofern es geht, weiter teilnehmen zu dürfen. Alles wichtig, alles richtig.

Rockende Gehhilfen werden nur der Anfang sein

Der alte Mann mit Ehefrau Simone Rethel-Heesters: “Er wird nicht vorgeführt“

Der alte Mann mit Ehefrau Simone Rethel-Heesters: "Er wird nicht vorgeführt"

Die übergeordnete Frage Maischbergers aber, „wie sich das anfühlt“, drang nicht durch, wurde im Grunde nur mit Blick auf die Rüstigen gestellt, die auch im zehnten Lebensjahrzehnt noch 126 Treppenstufen vom Fluss in die Stadt emporsteigen, die flüssig denken, Erinnerungen ans Töpfern und Dreigroschenoper-Singen weitergeben oder eben, der mittlerweile erblindete „Jopie“ Heesters wollte darauf nicht verzichten, so tapfer singen und so lange warten können, dass selbst ein Auftritt in der holländischen Heimat, der erste Auftritt seit dem Krieg, endlich in greifbare Nähe zu rücken beginnt.

Wie fühlt es sich an, in diesem Land achtzig, neunzig, hundert zu sein? Das Fernsehen sollte sich schon aus praktischen Gründen einmal an den Gedanken gewöhnen, wie man künftig fesselnde Live-Übertragungen aus deutschen Pflegeheimen in Szene setzen könnte. „I'm not trying to cause a big sensation“, singt die Rentner-Band aus Britannien, “I'm just talking about my generation“.

Auch das neue Lied, das Johannes Heesters an seinem Geburtstag nächste Woche darbieten und als Maxi-CD veröffentlichen wird, trägt den Titel „Generationen“. Rockende Gehhilfen und altersreife Entertainer werden nur der Anfang sein.

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

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