Von Martin Wittmann
17. Mai 2008 Nur hin oder auch wieder zurück? Der Motorradfahrer reinigt seine Sonnenbrille vom Staub der Straße. Hin und zurück! Der Chauffeur nickt seinem Kollegen zu, setzt Brille und Helm auf, und macht mit seinen Händen ein Zeichen in die Luft, als würde er etwas abstempeln. Das Ziel, die Brücke nahe der thailändischen Stadt Mae Sort, gilt als Ort, wo sich Farangs, Besucher aus dem Westen, einfach und schnell ihr thailändisches Touristen-Visum verlängern lassen. Wenn sie die Gebühr von 500 Baht, umgerechnet etwa zehn Euro, zahlen und ihren Reisepass als Pfand am Grenzposten hinterlassen, dürfen sie für einen Tag nach Burma. Allerdings ist der Aufenthalt auf das burminische Dorf Myawaddy beschränkt, was den meisten Farangs aber egal ist. So lange sich bei der Ausreise am Abend ihr Visum mit dem Abstempeln durch den Grenzbeamten verlängert, hat sich die Reise gelohnt.
In den vergangenen zwei Wochen waren die Farangs keine Langzeittouristen oder Aussteiger, die an der Grenze um Einlass baten, sondern Katastrophenhelfer und Journalisten. Sie wollen weder lokale Erzeugnisse in dem burmesischen Dorf kaufen, noch wollen sie weitere vier Wochen in Thailand verbringen. Sie wollen die Opfer des Zyklons unterstützen, der am 2. Mai über das Land hergefallen ist, und sie wollen berichten über die Überlebenden des Wirbelsturms. Den allermeisten wird es verweigert. "Aber den einen Tag im Dorf", sagt die uniformierte Frau hinter der Glasscheibe des Grenzpostens so freundlich wie bestimmt, "den können sie haben. Morgen."
Trügerische Harmonie
Über der Freundschaftsbrücke bei Mae Sot biegt sich ein Regenbogen. Der harmonische Schein könnte nicht trügerischer sein. Die Brücke zwischen Burma und Thailand hat traurige Berühmtheit erlangt, sie ist zum Sinnbild für die zynische Politik der burminischen Militärjunta geworden. Umsonst wollen die Helfer, die vergeblich auf ihre Einreisegenehmigung warten, während sie im Land jenseits der Brücke gebraucht werden, aber nicht gekommen sein.
"Wir haben seit dem ersten Tag des Zyklons von vier Ländern aus erfolglos Visa beantragt. Jetzt haben wir die Hoffnung aufgegeben, jemals nach Burma zu kommen", sagt etwa Michael Larsen von der nichtstaatlichen Hilfsorganisation "Global Medic". Um nicht ohne jegliches Wirken nach Kanada zurückzukehren, bildet er mit seinen fünf Landsleuten nun Thais aus, die später den Opfern von Wirbelsturm und Junta helfen sollen, wenn die Einreisebestimmungen von Burmas Machthabern wieder gelockert werden. Wenige Kilometer von der Freundschaftsbrücke entfernt lassen sie neben Anlagen zur Wasserwiederaufbereitung 1,9 Millionen bakterienvernichtende Tabletten, Antibiotika und Mittel gegen Wurmbefall in der Mae-Tao-Klinik zurück.
Mehr Dorf als Krankenhaus
Diese Klinik gleicht mehr einem Dorf denn einem Krankenhaus. Wellblechdach über einfachen Ziegelhäusern, zwischen denen Kinder spielen und Pick-ups fahren. 200 bis 400 Flüchtlinge, Migranten und Waisenkinder, die meist unter gefährlichsten Bedingungen aus Burma fliehen, kommen täglich in die Klinik. Sind es nicht mehr geworden, seit "Nargis" riesige Flächen der früheren Reiskammer Asiens zerstört hat? "Nein, bisher merken wir keinen Unterschied", sagt eine Mitarbeiterin der Klinik.
Zwar habe sich mit der Not der Burmesen ihr Wille zur Flucht nach Thailand gefestigt. Aber sie hätten alles verloren und kein Geld mehr, um sich die Reise zu leisten. Sie würden es ohnehin nur schwerlich über die Grenzen schaffen. Weshalb Grenzen? Ist es nicht nur der Moei-Fluss unter der gesicherten Brücke, den die Burmesen zu überqueren hätten? Nein, die Junta habe die betroffenen Provinzen im Land abriegeln lassen. Eine Grenze könne ohne Geld und Hilfsmittel vielleicht überquert werden. An mehreren Grenzen aber scheitere man.
Wir sind alle Buddhisten
Auch im Ort selbst sei alles beim alten, sagen die Thais. Viel ist nicht los. Mae Sot lebt nicht vom Tourismus, wie die rein thailändische Beschriftung an den Straßenschildern, die wenigen Internet-Cafés, die verwunderten Blicke der Kinder, das schlechte Englisch ihrer Eltern zeigen. Das Verhältnis zu Burma sei nicht immer so entspannt gewesen wie jetzt, sagt der Taxifahrer. Viele Verbrechen hätten die Burmesen früher den Thais angetan. "Aber wir sind alle Buddhisten!" Deshalb leide er mit den Opfern, deshalb dürfe Thailand vereinzelt Helfer und Hilfsgüter über die Brücke schicken. So weit haben es die Kanadier nicht geschafft. So nah an der Grenze mussten sie aufgeben. Ihr Einsatz, der keiner sein durfte, endet heute.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP
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