Vereinte Nationen

Ban sucht die Balance

Von Andreas Ross

27. Juli 2007 Ban Ki-moon mag vieles können - Generalsekretär der Vereinten Nationen wurde er, weil er manches nicht kann. Die wichtigste Unfähigkeit, die ihm den Weg nach New York ebnete, ist die zur mitreißenden Moralpredigt.

Vor allem die Vereinigten Staaten wollten verhindern, dass Kofi Annans Nachfolger in die Rolle des „weltlichen Papstes“ schlüpfen würde, für die der Ghanaer 2001 mit dem Friedensnobelpreis prämiert worden war. Anfangs lästerten die Amerikaner über all die asiatischen „Langweiler“, die sich um das Amt bewarben. Später aber erkannte Washington im kargen Charisma des koreanischen Karrierediplomaten einen Vorzug und unterstützte ihn. Kein wandelndes Weltgewissen, sondern ein robuster Reformer sollte die Weltorganisation in Ordnung bringen.

Immer wieder „Missverständnisse“

Gut ein halbes Jahr nach Bans Amtsantritt fragen sich allerdings auch Amerikaner, ob ein besserer Kommunikator nicht auch ihre Anliegen erfolgreicher durchsetzen könnte. Zwar mag man in Washington zufrieden vermerken, dass Ban nicht ins Rampenlicht drängt. Vor dem G-8-Gipfel etwa stahl der Ehemalige Annan mit seinem Projekt für Afrika seinem Nachfolger mühelos die Schau. Doch scheinen selbst die mächtigsten UN-Staaten irritiert über die Undurchdringlichkeit des Nebels, der Bans Entscheidungen oft umwabert.

Sein erst kürzlich gebilligter Plan zur Restrukturierung der Abteilungen für Friedenssicherung und Abrüstung wäre beinahe gescheitert - nicht, weil viele Mitgliedstaaten ihn falsch gefunden hätten, sondern weil sie sich überrumpelt fühlten. Ban war als südkoreanischer Außenminister gehorsame Mitarbeiter gewohnt. Jetzt bedeuten ihm noch die Botschafter der kleinsten Mitgliedstaaten, der Generalsekretär habe ihnen zu dienen - nicht umgekehrt.

Hinzu kommen immer wieder „Missverständnisse“, die aus den von Ban kaum gesuchten, bisweilen aber unvermeidbaren Begegnungen mit der Presse erwachsen. So musste Ban umgehend zurücknehmen, dass er einer Blauhelmtruppe im Gazastreifen aufgeschlossen gegenüberstehe. Nicht nur distanzierten sich allerlei Mitgliedstaaten aus Angst vor einem Selbstläufer wie voriges Jahr im Libanon. Auch der Untergeneralsekretär für Friedensoperationen, Guéhenno, fiel Ban mit der Binsenweisheit in den Rücken, die Vereinten Nationen könnten Friedenssicherung nur da betreiben, wo es überhaupt einen Frieden zu sichern gebe.

Entschlossen im Kampf für Darfur

Das etwas holprige Englisch des Asiaten, der einst in Harvard studierte und als UN-Generalsekretär auch die diplomatischen Zwischentöne ohne Dolmetscher treffen muss, nährt manche Unklarheit, doch das erklärt nicht alles. An seinem zweiten Tag im Amt kommentierte Ban die Hinrichtung Saddam Husseins mit der Bemerkung, jeder Staat entscheide selbst, wie er es mit der Todesstrafe halte - welche die UN ächten. Und der naive Versuch, Umweltprobleme als Ursache des Darfur-Kriegs darzustellen, ohne auf Khartums Rolle bei der Bewaffnung der Reitermilizen einzugehen, wurde als Gefälligkeit für Baschir gelesen.

Dabei ist Ban gerade den Darfur-Konflikt mit einer Entschlossenheit angegangen, die New Yorker Diplomaten Respekt abverlangt. Ban hat Sudans Präsident Baschir lang bearbeitet. An seinen Erfolgen in Darfur will Ban sich messen lassen. Dass im fünften Jahr dieser Krise die Vereinten Nationen immer noch weit davon entfernt sind, des Elends Herr zu werden; dass bis Jahresende bestenfalls ein paar Blauhelmbataillone die überforderte afrikanische Friedenstruppe verstärken werden, ist nicht Ban anzulasten, sondern Peking, Khartum und den zersplitterten Milizen (sowie den klimatischen Widrigkeiten, die den Militäreinsatz extrem erschweren).

Ban macht keine Anstalten, den Vereinten Nationen neue Prioritäten aufzuzwingen; eine von manchen befürchtete Konzentration auf den Korea-Konflikt auf Kosten Afrikas ist nicht zu erkennen. Vielmehr ist Ban immer wieder in Afrika und Nahost unterwegs und scheut auch in Gesprächen mit Baschir oder dem Syrer Assad nicht das deutliche Wort.

Zähnefletschen hinter den Kulissen

Das Fernsehbild aus Bagdad, das einen sich ängstlich duckenden Ban zeigte, als eine Rakete in der gesicherten „Grünen Zone“ einschlug, erzählte insofern die falsche Geschichte. Freilich erlebt Ban tagaus, tagein die engen Grenzen seiner Macht, die auch Annan nicht weit zu dehnen wusste. Annan hat die Öffentlichkeit zu mobilisieren versucht - doch kläglich war am Ende der Anblick des Generalsekretärs, dessen Mahnungen niemand mehr lauschen mochte. Ban fletscht die Zähne hinter den Kulissen - doch Präsidenten wie der Syrer Assad oder der Iraner Ahmadineschad wissen, dass er allein nicht zubeißen kann.

Vergessen scheint heute, dass Ban noch etwas mit Annan gemeinsam hat: Auch der Afrikaner galt anfangs als Freund, wenn nicht Vasall Amerikas. In New York klagen viele Staatenvertretungen, Ban sei dem Weißen Haus hörig. Nur die amerikanische gibt sich vom Gegenteil überzeugt. Die Amerikaner mussten erleben, dass Ban nach Rücksprache mit seinen koreanischen Beratern Personalvorschläge abwies, die Washington wichtig waren. Kofi Annan hat am Ende seiner Amtszeit um Amerikas Unterstützung gebettelt, denn auch er musste nach seiner Rüge des „illegalen“ Irak-Einmarschs lernen, wie wenig er ohne Washingtons Wohlwollen ausrichten kann.

Ban ist weitergegangen und hat im Gespräch mit der F.A.Z. kürzlich den Beitrag Amerikas zur „Stabilisierung des Iraks“ gewürdigt. (Siehe auch: UN-Generalsekretär Ban Ki-moon im Interview) Ist auch das eine unbedachte Äußerung, die viele Mitgliedstaaten verprellt und obendrein den Stimmungswandel in Washington verkennt? Oder ein Vorgeschmack auf ein gedeihlicheres Zusammenwirken mit Amerika? Viel Spielraum hat der Generalsekretär nicht.



Text: F.A.Z., 26.07.2007, Nr. 171 / Seite 1
Bildmaterial: AP, dpa

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