Burma

Hinter den Fassaden gärt es

Von Jochen Buchsteiner, Rangun

Nahrung ist inzwischen ausreichend vorhanden

Nahrung ist inzwischen ausreichend vorhanden

12. Juni 2008 Als der Sturm kam, sind wir auf die Straße gerannt“, erzählt die alte Frau. „Kurz danach stürzte unser Haus zusammen.“ Sie kauert mit ihrer Tochter auf einer Pritsche und kratzt mit der Hand das Mittagessen aus der Schale. In der Klosterhalle stapeln sich Reissäcke und Wasserflaschen. Draußen im Hof schneiden Frauen Zwiebeln. Mehr als 800 Leute aus der Umgebung holen sich hier täglich eine Ration ab.

Man muss nicht bis ins Irrawaddy-Delta reisen, um menschlicher Not zu begegnen. Das buddhistische Meditationszentrum, das die alte Frau aufgenommen hat, liegt nur dreißig Autominuten vom Stadtkern Ranguns entfernt. Auf den Grundstücken nebenan ragen Baumstümpfe aus der Erde, abgeknickte Palmen säumen die Wege, Bewohner reparieren Dächer und Fenster. Mindestens 150 Häuser wurden in diesem Vorort zerstört, als der Zyklon in der Nacht zum 3. Mai über das Land fegte. Hier, an den Toren der Metropole, wird aber auch die Not der Regierung deutlich: Kann sie die Folgen der Naturkatastrophe meistern, ohne das Volk weiter gegen sich aufzubringen? „Alles, was wir jetzt brauchen, bekommen wir doch von den Mönchen“, sagt die alte Frau. „Die Regierung ist viel zu verschlafen.“

Leichen treiben in Flüssen

Oberflächlich ist in Burmas größter Stadt der Alltag zurückgekehrt. Schon zwei Tage nach dem Taifun waren die Straßen geräumt, Wasser- und Stromleitungen instandgesetzt. Geschäfte, Büros, Hotels und Restaurants sind schon lange wieder geöffnet. Aber hinter den Fassaden gärt es. Die Gespräche kreisen um die Lage im Zentrum des Katastrophengebiets, aus dem nur wenige Informationen dringen. Weil die Regierung die Zufahrtsstraßen mit Kontrollposten abgeriegelt hat, schürt sie das Misstrauen. Berichte über die Situation der Opfer haben so eine politische Dimension bekommen, denn sie entscheiden über Glaubwürdigkeit und Effizienz der Militärregierung oder über das, was von beidem übriggeblieben ist.

Unlängst tauchten die ersten Privatfotos aus dem Delta auf. Sie zeigten Leichen, die angeblich noch vier Wochen nach dem Sturm in Feldern lagen und in Flüssen trieben. Videos, die in Rangun zirkulieren, belegen Streitigkeiten zwischen Sturmopfern und Soldaten. Letzteren wird darin vorgeworfen, zu wenig Hilfsgüter herbeizuschaffen und Obdachlose aus Übergangslagern zurück in die Ruinen ihrer Dörfer zu treiben.

Die Informationen auf dem DVD-Schwarzmarkt korrespondieren mit den Berichten, die viele Burmesen hören, wenn sie auf ihren Transistorradios die landessprachlichen Programme der BBC oder der „Voice of America“ einstellen. Viel Wahres ist da zu hören, etwa dass manchen internationalen Organisationen noch immer der Zugang verwehrt wird oder mit Hilfsgütern beladene Schiffe abdrehen mussten, weil sie keine Ankergenehmigung erhalten haben. Aber manches wird in den – meist von Exilburmesen betreuten – Rundfunkbeiträgen übertrieben. „Dass die Junta hier zynisch ihr Volk sterben lässt und nichts für die Menschen tut, entspricht einfach nicht den Tatsachen“, sagt ein westlicher Botschafter.

„Mehr Hilfe wäre wünschenswert“

Das ganze Ausmaß der Tragödie will auch fünf Wochen nach dem Taifun niemand beziffern. Aber die offizielle Zahl von 130.000 Toten und zwei Millionen Betroffenen wird als realistische Schätzung wahrgenommen. „Die Lage ist nicht erfreulich, aber auch nicht mehr außer Kontrolle“, berichtet ein junger burmesischer Arzt, der nach sieben Tagen Hilfseinsatz aus Labutta zurückgekehrt ist, einer Kleinstadt im äußersten Südwesten des Deltas, die der Sturm mit voller Kraft erwischt hat. Nahrung, Trinkwasser, Medikamente und Kleider seien inzwischen ausreichend vorhanden, es fehle nur an weiteren Notunterkünften, sagt der Mediziner, der normalerweise Abstand zur Militärjunta hält und deshalb anonym bleiben will.

Die Fotos, die der Arzt geschossen hat, zeigen eine Zeltstadt für mehr als 2000 Sturmopfer, die die Regierung zusammen mit dem Welternährungsprogramm (WFP), der Unicef und zwei privaten Hilfsorganisationen betreibt. Allein in Labutta, das vor dem Sturm 25.000 Einwohner zählte, gebe es fünf solcher Camps. Täglich landeten Armeehubschrauber mit neuen Hilfsgütern auf dem Gelände. Seuchen seien nicht ausgebrochen, versichert er, allerdings verbreiteten sich wegen der beengten Verhältnisse – 15 Leute teilen sich jeweils ein kleines Zelt – harmlosere Krankheiten. Und völlig unbehandelt seien Traumata.

„Mehr Hilfe wäre wünschenswert“, sagt der Mediziner, „aber man muss sich auch genau ansehen, welche Organisationen jetzt Sinnvolles beitragen können.“ Ähnlich argumentiert Daw Seng Raw, die die burmesische „Metta-Entwicklungsstiftung“ in Rangun leitet. Weil ihre Organisation seit mehr als drei Jahren Tsunami-Wiederaufbauhilfe leistet, war sie als eine der wenigen im betroffenen Gebiet, als der Wirbelsturm und die anschließende Flutwelle das Delta heimsuchte. Jetzt ist „Metta“ mit 150 Mitarbeitern nach eigenen Angaben die größte Hilfsorganisation im Katastrophengebiet. Frau Raw berichtet von „regelmäßiger Koordinierung mit den Regionalkommandeuren“ und verteidigt die restriktive Genehmigungspolitik der Behörden. „Unkontrollierte Hilfe würde womöglich auch Schaden anrichten“, meint die Sozialarbeiterin.

Viele Helfer reisen heimlich ein

Das Versprechen an UN-Generalsekretär Ban Ki-moon, die internationalen Helfer ins Land zu lassen, hat die Junta nur bedingt gehalten. „Die Regierung baut hier eine Hürde nach der anderen auf“, klagt der Mitarbeiter einer großen europäischen Hilfsorganisation. Auch er will seinen Namen nicht gedruckt sehen, weil er „inkognito“ eingereist ist, mit einem Touristenvisum. Dutzende, wenn nicht Hunderte sitzen derzeit wie er in Rangun fest und suchen nach Wegen, ins Delta zu reisen.

Voraussetzung für eine Genehmigung ist ein offizieller Aufenthaltsstatus, der aber nur bewilligt wird, wenn die ausländische Hilfsorganisation einen burmesischen Partner vorweisen kann. Da nur drei Dutzend internationale Organisationen in Burma registriert sind, reisen viele Helfer heimlich ein, um die nötigen Kontakte zu knüpfen.

Um dann ins Katastrophengebiet zu gelangen, muss die Partnerorganisation einen Antrag beim Innenministerium in Naypidaw stellen. Im Erfolgsfall wird dieser noch einmal von der Armee geprüft, und erst wenn diese zustimmt, geht der Erlass an die Regionalkommandos im Irrawaddy-Delta. „Angeblich soll es so funktionieren“, sagt der Helfer, „aber das wissen wir auch nur vom Hörensagen.“

Im August könnte es kritisch werden

Mehr noch als die Sorge vor einem Helferchaos treibt die Junta die Angst vor Kontrollverlust um. „Die Generäle betrachten ihr Land durch eine ganz andere Brille als wir“, erklärt eine europäische Diplomatin. „Sie sehen in allem nur den Sicherheitsaspekt und nehmen das Leben als eine permanente Kampf-Konstellation wahr.“ In manchen Kreisen wird darüber debattiert, inwieweit dem Rechnung zu tragen sei. „Wer die Sicherheitsparanoia der Junta kennt, sollte vielleicht nicht so töricht sein, die Hilfsgüter mit Kriegsschiffen herbeizuschaffen“, meint ein langjähriger Beobachter mit Blick auf Washington und Paris.

Die Generäle befürchten nicht zu Unrecht, dass ihnen ein Missmanagement gefährlich werden könnte. „Alle Revolten, die wir in Burma hatten, wurden von Studenten oder Mönchen angeführt – und alle scheiterten“, sagt ein regierungskritischer Journalist in Rangun. „Vielleicht führt erst ein Aufstand zum Ziel, der von Bauern und Fischern angeführt wird.“ Der Journalist prophezeit wegen der Zerstörungen im Delta eine Reisknappheit für August oder September. „Dies könnte ein kritischer Moment für die Junta werden.“

Mit gemischten Gefühlen verfolgen die Generäle die unübersichtlichen Eigeninitiativen. Nicht nur die Klöster, auch viele Privatleute sammeln für die Opfer und leisten Aufbauhilfe. Die überwältigende Hilfsbereitschaft nutzt der Junta insofern, als sich die Stimmung unter den Betroffenen verbessert. Zugleich fürchtet sie aber, dass die Menschen im Delta aufgewiegelt werden könnten. In der vergangenen Woche verhaftete sie den beliebten Schauspieler und Regisseur Maung Thura, bekannt als „Zarganar“, nachdem er mit mehr als 200 Künstlern Hilfsgüter ins Katastrophengebiet gebracht hatte. Vorgeworfen wird ihm unter anderem, die Reisbauern auch mit Transistorradios ausgestattet zu haben, wissen Freunde des Verhafteten. Für ein ähnliches „Delikt“ saß Zarganar schon im Herbst drei Wochen in Haft; damals hatte er den protestierenden Mönchen in Rangun Wasser und Informationen gebracht.

Journalisten werden als „Krähen“ bezeichnet

Aber nicht nur Privatpersonen unter Dissidenzverdacht geraten ins Visier der Soldaten. Ein europäischer Koch, der in einem Ranguner Restaurant angestellt ist, begann vor zwei Wochen, mit privaten Spenden eine Siedlung im Delta wieder aufzubauen. Als er am Wochenende mit neuem Material in das Dorf fahren wollte, stoppten ihn Soldaten an einem neuen Kontrollposten. Obwohl er von Burmesen begleitet wurde, die Verwandtschaft im Dorf haben, zwangen ihn die Soldaten zur Umkehr. „Wir sind hier immer halbwegs zurechtgekommen mit der Regierung“, sagt der Koch, „aber jetzt koche ich vor Wut.“

Dem Unmut der Menschen versucht die Junta mit Propaganda entgegenzutreten. Die Staatszeitung „Das neue Licht von Myanmar“ schrieb in der vergangenen Woche von „skrupellosen Elementen“, die gefälschte Informationen verbreiteten und so das Ansehen Burmas schädigen wollten. Kurz darauf veröffentlichte die Zeitung einen zweiseitigen Kommentar, der Rechtfertigungen mit neuen Angriffen verknüpfte. Während die Regierung alles tue, um den Wiederaufbau „systematisch“ voranzutreiben, gehe es dem Westen um die Ausplünderung des Landes, hieß es. Burmesen, die die Erfolge der Regierung nicht anerkennen wollten, bezeichnete das Staatsorgan als „Verräter“, westliche Journalisten als „Krähen“.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

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