29. April 2008 Die Diskussion über die Rolle der Finanzinvestoren beim Anstieg der Nahrungsmittelpreise wird zunehmend lebhafter geführt. Am Dienstag protestierten Anhänger des globalisierungskritischen Netzwerkes Attac vor einer Filiale der Deutschen Bank in der Frankfurter Innenstadt gegen die Spekulation mit Agrarrohstoffen.
Dass ausgerechnet die Deutsche Bank als Symbol für die "Geschäftemacherei mit dem Hunger" herhalten musste, hatte sie dabei selbst provoziert. Während die Branche normalerweise sehr darauf bedacht ist, eine Schuld der Finanzinvestoren an den steigenden Nahrungsmittelpreisen zu widerlegen, stieß die Deutsche Bank Bäckereikunden in den vergangenen Wochen mit der Nase darauf. Auf Brötchentüten warb sie für einen "Agriculture Euro Fonds" mit dem Slogan: "Freuen sie sich über steigende Preise?"
Freuen sie sich über steigende Preise?
Zwar hat die Bank diese Werbeaktion mittlerweile eingestellt. Im Internet versucht Deutsche Bank X-Markets, der Spezialist für strukturierte Geldanlageprodukte, jedoch immer noch mit dieser Strategie um Privatanleger zu werben. Unter der Überschrift Attraktive Perspektiven" weist die Bank auf die Vorteile einer signifikant steigenden Weltbevölkerung" und historisch niedriger Lagerbestände an Agrarrohstoffen" für das eigene Vermögen hin.
Während sich die Attac-Aktivisten über die Steilvorlage" freuten und sich medienwirksam über den blanken Zynismus" dieser skandalösen Werbung" angesichts von Hungerrevolten in Haiti, Bangladesch und Westafrika ärgerten, zeigte der Protest erste Wirkung: Ein Kunde der Deutschen Bank ärgerte sich so sehr über die ungeschickte Kampagne, dass er sein Konto bei der Deutschen Bank sofort kündigte. Auch wenn das ein Einzelfall sein mag - immer mehr Menschen reagieren empfindlich auf die Idee, dass der Hunger der Einen den Gewinn der Anderen begünstigen könnte.
Über die vergangenen drei Jahre haben sich die Weltmarktpreise für Weizen, Reis, Mais und Sojabohnen mehr als verdoppelt. Das lockte auch Spekulanten auf diese Märkte, die an physischen Lieferungen eigentlich gar kein Interesse haben. Waren dies zunächst vor allem wenig regulierte Hedge-Fonds, so hat sich die Investorenbasis inzwischen deutlich verbreitert. Seit etwa einem halben Jahr wird auch deutschen Privatanlegern aktiv der Markt für Agrarrohstoffe als Anlagethema angeboten. Der größte deutsche Anbieter von Publikumsfonds, DWS Investments, ist schon mit einem entsprechenden Aktienfonds auf dem Markt.
Rufe nach internationaler Regulierung
Andere bekannte Investmentgesellschaften wie etwa Allianz Global Investors stehen in den Startlöchern. Allerdings investieren diese Aktienfonds zumeist in Unternehmen, die einen Beitrag zu einer größeren Effizienz der Landwirtschaft und damit auch zu einer besseren Versorgung der Bevölkerung in den Schwellenländern leisten. Insofern tragen sie eher zur Lösung des Problems der hohen Preise für Agrarrohstoffe bei und nicht zur Verschärfung.
Direkten Zugang zur Spekulation auf steigende Rohstoffpreise bekommen Privatanleger im Normalfall über Anlagezertifikate oder passiv geführte Fonds wie den in die Kritik geratenen Agricultural Euro" der Deutschen Bank. Diese Anlageprodukte basieren zumeist auf einem Index, der die Preisentwicklung der zugrunde liegenden Rohstoffe nachvollzieht. Der Agrarrohstoff-Fonds aus der Investmentbankabteilung der Deutschen Bank vollzieht beispielsweise die Wertentwicklung eines hauseigenen db Agriculture Euro Index nach, der sich aus sieben der weltweit wichtigsten Nahrungsmittel zusammensetzt. In einer historischen Simulation legte dieser Index seit Anfang 2002 jährlich um gut 12 Prozent zu.
Die Gegner der Rohstoffinvestments fordern, die wilde Spekulation" müsse durch internationale Regulierung beendet werden. Wie diese Regulierungen aussehen sollen, vermochte Jutta Sundermann vom Attac-Agrarnetz jedoch nicht näher zu spezifizieren. Sie verweist auf das vermeintliche Allheilmittel einer Börsenumsatzsteuer. Zu der Frage, woher die dringend notwendigen Investitionen in die Agrarindustrie stammen sollen, wenn nicht von Finanzinvestoren, vermochte Sundermann ebenfalls nichts zu sagen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP