Von Martin Kämpchen, Santiniketan
06. Mai 2008 Die kleine Universitätsstadt Santiniketan liegt hundertfünfzig Kilometer nördlich von Kalkutta im Distrikt Birbhum. Er ist traditionell trocken und besitzt nur wenig Industrie. Hunderte von Dörfern sind vom Reisanbau abhängig. Noch vor dreißig Jahren zeigte sich der Wohlstand einer Bauernfamilie in Santiniketan darin, dass sie ein Fahrrad besaß. Heute hat jede eins, vielleicht zwei, dazu häufig einen Generator für die Wasserpumpe. Sogar Motorräder sind keine Seltenheit, die schulisch gebildeten Bauernsöhne besitzen alle ein Mobiltelefon. Die reicheren Dörfer teilen sich sogar einen Traktor, der beim Feldanbau das Ochsengespann ersetzt. Es hat also Entwicklung gegeben. Trotzdem heißt es seit einigen Wochen in den Dörfern der Gegend, die Bauern sähen fatalen Zeiten entgegen.
Die Inflationsrate in Indien liegt bei rund 7,5 Prozent. Zur Zeit gibt es kein wichtigeres innenpolitisches Thema. Der Preisanstieg umfasst beinahe alle Grundnahrungsmittel - Reis und Weizen, Speiseöl und Dal (Linsen) - und will nicht mehr im jahreszeitlichen Rhythmus sinken. Die offizielle gesamtindische Statistik gibt an, Reis sei in den letzten drei Monaten um 24 Prozent teurer geworden, Weizen um 17 Prozent. Die Politiker erklären dies mit der globalen Nahrungsmittelkrise und verordnen dem Volk Ruhe. Die städtische Mittelklasse mag die Teuerung auffangen können. Wie steht es aber mit der armen Bevölkerung, mit den Bauern und Tagelöhnern in den Dörfern?
Von der Regierung im Stich gelassen
Kamal Biswas, ein Kleinbauer in Raipur, bezahlt für ein Kilo Reis von der gröbsten Sorte 12 Rupien; im Vorjahr waren es 10 Rupien. Der Preis von Senföl, dem in Bengalen üblichen Speiseöl, ist von 65 Rupien im Vorjahr auf 80 Rupien gestiegen. Für Dal bezahlt Kamal heute 49 Rupien, letztes Jahr waren es 34 Rupien. Letzten Winter hatte er auf eine reiche Kartoffelernte gesetzt, investierte Saatkartoffeln, Pestizide und Düngemittel und stellte Tagelöhner an, die mit ihm die Felder bestellten. Im gesamten Distrikt gab es daraufhin eine Kartoffelschwemme, worauf die Preise so tief sanken, dass der Verkauf sich nicht lohnte. Die Kartoffeln in der eigenen Hütte zu lagern ist bei den klimatischen Verhältnissen und den zahlreichen Insekten und Mäusen unklug. Der Ausweg wären die großen Kühlhäuser unweit des Dorfes gewesen. Dort kostet aber die Lagerung so viel Miete, dass auch ein günstiger Preisanstieg keinen Gewinn erwirtschaftet hätte. Also hat er die Kartoffeln wieder untergegraben. Kamal fühlt sich von der Regierung im Stich gelassen: Sie überlässt die Bauern den Kräften des Marktes, schützt sie weder vor Preisverfall noch Preisanstieg.
In diesem Jahr, klagt Kamal, war es schon im April so heiß wie sonst nur im Mai, bis 40 Grad und darüber. Die Hitze treibt den Stromkonsum in die Höhe. Stromsperren bis zu vier oder fünf Stunden täglich, sogar nachts! Doch die Bauern brauchen Elektrizität für ihre Pumpen, die das Wasser für die zweite Reisaussaat auf die Felder leiten. Noch einen Monat lang sind sie auf Strom angewiesen. Kamal erzählt nicht ohne Schadenfreude vom Marsch einer Bauerngruppe zum Elektrizitätswerk. Sie verprügelte alle Beamten, deren sie habhaft werden konnte, und zog triumphierend ab. Aber Gewalt garantiert den Bauern keinen Strom.
Fehlt der Strom, verdorrt die Ernte
Diese zweite Reisernte ist das Zeichen des hart errungenen bescheidenen Wohlstands der kleinen Bauern. Damit können sie ihren eigenen Bedarf decken und noch einen kleinen Reisvorrat anlegen, den sie verkaufen, wenn der Preis auf der Spitze steht. Sie bauen auch Winterweizen und Senf an, beides kommt in der trockenen Jahreszeit mit einem Minimum an Bewässerung aus. Doch fehlt der Strom, verdorrt die Ernte, bevor sie reif wird.
Gokul Hansda stammt aus einer Bauernfamilie; er gehört dem Ureinwohner-Stamm der Santals an. Seine Eltern sind Analphabeten, aber er hat die Schule besucht, dann sogar die Universität in Santiniketan und leitet nach dem Magister eine Privatschule für Santalkinder. Gokul kennt die Situation der Dörfer. Er sagt, die Bauern leben schon im Alltag ohne Reserven und kommen bei jedem wirtschaftlichen Engpass in Not. Mit den Felderzeugnissen ist auch die Feldbestellung teurer geworden. Der Preis für Saatgut, Düngemittel und Pestizide ist so enorm gestiegen, dass sich manche Bauern eine zweite Aussaat auf ihrem Feldbesitz nicht mehr leisten können. Gokul sieht voraus, dass bald nicht wenige Bauern beginnen werden, entweder Anleihen bei Geldverleihern und Banken zu machen, die sie später kaum zurückbezahlen können. Oder sie verkaufen Teile ihres Feldes. Der Boden ist inzwischen so teuer geworden, dass sich ein Verkauf lohnt. Großbauern werden die Hände danach ausstrecken. Aber damit schmälert ein kleiner Bauer für sich und seine Nachkommen unwiederbringlich seine wirtschaftliche Basis.
Selbstmordwelle unter Bauern
Allein in den Provinzen Maharashtra, Gujarat und Andhra Pradesh haben in den letzten fünf bis sechs Jahren hunderttausend verzweifelte Bauern den Freitod gewählt, weil sie ihre Bankschulden nicht mehr begleichen konnten. Als Mitte März die Regierung die Schulden der Kleinbauern, die bis zu zwei Hektar Land besitzen, annullierte, rühmte sie sich der enormen Kosten, die sie damit übernahm. Doch schon damals sagten Experten, dass die bloße Annullierung den ärmsten Bauern wenig helfen werde. Die bessergestellten Bauern profitieren am meisten von dem Schuldenerlass, weil die ärmeren keine Bankanleihen bekommen. Sie gehen zum Geldverleiher, der Wucherzinsen fordert. Das eigentliche Problem, nämlich eine ständig fallende Produktivität des Ackerlandes, hat die Regierung noch nicht angepackt. Noch ist unklar, ob der drastische Rückgang der Felderträge auch auf den District Birbhum in West-Bengalen zukommt, mitsamt den katastrophalen sozialen Folgen.
Vor wenigen Tagen gab die indische Regierung bekannt, dass die Produktion von Getreide in diesem Jahr um schätzungsweise 10 Millionen Tonnen ansteigen werde. Außerdem prophezeiten die Meterologen einen ausgeglichenen Monsunregen ab Juni. Wenn diese Schätzungen tatsächlich eintreffen, hieße das ein überdurchschnittlicher Anstieg der Getreideproduktion. Aber das bezweifeln zahlreiche Experten. In den Tageszeitungen wird zum erstenmal seit einem Jahrzehnt wieder das hohe Bevölkerungswachstum diskutiert, man erwägt den Ankauf von Weizen im Ausland, Experten raten zum Exportstopp für Getreide und zur Verringerung anderer Exporte. Man spekuliert über die Verbindung von verfrühtem Sommer und Klimawechsel. Innerhalb von wenigen Wochen fühlt man sich in jene Zeit zurückgeworfen, als Indiens Wirtschaft noch nicht boomte, als noch nicht von Indien als Supermacht und Wirtschaftstiger die Rede war. Mit einem Mal scheint die Erkenntnis auf, dass dieser Wirtschaftsboom, real, wie er ist, nur eine kleine Bevölkerungsschicht begünstigt, jedoch auf dem Land, wo die Nahrung des Einmilliardenvolkes wächst, bisher keine dramatischen Veränderungen bewirkt hat.
Die Tricks der Großbauern
Die Medien suchen die Schuld auch in den Mängeln des Verteilungssystems und in der Korruption. Das Horten von Nahrungsmitteln ist seit je ein Trick der Großbauern und Mittelsmänner, den Markt zu ihren Gunsten zu regulieren. Schon vor einem Jahr gab es an mehreren Stellen West-Bengalens Unruhen und Gewalt, weil die Besitzer staatlicher Rationshops, die Grundnahrungsmittel zu subventionierten Preisen abgeben, ihre Vorräte gehortet, Teile davon an den freien Markt verkauft hatten und darum den Armen nicht regelmäßig ihre Rationen aushändigen konnten. Insgesamt sieht man wieder einer Zeit stärkerer und notwendiger Regulierung und Kontrolle durch die Regierung entgegen, einer Zeit, die man glaubte, überwunden zu haben.
Sona Murmu ist ein Bauernsohn in Ghosaldanga, einem kleinen Stammesdorf acht Kilometer von Santiniketan entfernt. Nach dem Tod des Vaters hat er die Verantwortung für seine fünf Brüder übernehmen müssen. Zwar ist er nicht der älteste, doch hat er das College besucht; Bildung zählt mehr als Alter. Er weist darauf hin, dass nur jene Bauern, die selbst auf ihren Feldern arbeiten, heute noch von deren Erträgen leben können. Wer Feldarbeiter zum Tageslohn einstellen muss, dem bleibt nicht viel, denn die festgelegten Tageslöhne fressen den Profit auf. Heute ist es nicht mehr leicht, Feldarbeiter anzuwerben, weil es die meisten Tagelöhner bevorzugen, in den umliegenden Kleinstädten im Baugewerbe zu arbeiten. Das ist weniger anstrengend. Sona kann seine Felder nur darum profitabel verwalten, weil zwei seiner Brüder ganz mit dem Feldanbau beschäftigt sind.
Wer ernährt die Bevölkerung?
Seit letztem Jahr hat die Regierung in Neu-Delhi ein landesweites Projekt zur Armutsbekämpfung eingesetzt, demzufolge jedem Bauer hundert Tage pro Jahr bezahlte Arbeit garantiert ist. Obwohl seine Brüder bei dem Programm mitarbeiten und täglich 75 Rupien nach Hause bringen, beklagt Sona die Nebenwirkung dieses ehrgeizigen und ungeheuer kostspieligen Regierungsprogramms. Die Arbeiter und Bauern werden von ihrer privaten Feldarbeit abgezogen und lassen sich für ein paar Arbeitsstunden einen vollen Tageslohn auszahlen. Das Programm steigert die Sicherheit der armen Bevölkerung. Doch der Landwirtschaft gehen diese Arbeitskräfte verloren.
Sona zeigt auf die Hunderte von Löchern, die an der Wegböschung ausgehoben worden sind. Als die Zeit kam, junge Bäume hineinzupflanzen, erzählt Sona, war der Regierung das Geld ausgegangen. Dieses Hunderttageprogramm wird die Landwirtschaft korrumpieren, warnt er. Wer wird die wachsende Bevölkerung ernähren, wenn die Bauern kein Vertrauen mehr in den Ertrag ihrer Felder besitzen? Diese Frage beschäftigt alle.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa
