Erste Hilfsflüge nach Burma

Seuchengefahr im Katastrophengebiet steigt

Ungewisse Zukunft: Obdachlose in einer Notunterkunft in einem Kloster in Kaw Hmu, 100 Kilometer südwestlich von Rangun

Ungewisse Zukunft: Obdachlose in einer Notunterkunft in einem Kloster in Kaw Hmu, 100 Kilometer südwestlich von Rangun

08. Mai 2008 Wegen der bisher blockierten Hilfslieferungen nach Burma befürchtet die Organisation Care den Ausbruch von Cholera, Typhus und Malaria im durch den Zyklon „Nargis“ verwüsteten Katastrophengebiet. „Wir haben dafür alle Bedingungen“, sagte Nothilfekoordinator Wolfgang Tyderle am Donnerstag. „Verschmutztes Wasser, Leichen, hohe Luftfeuchtigkeit. Sobald diese Krankheiten in Massen ausbrechen, sind sie kaum noch unter Kontrolle zu bringen.“ Vor allem im schwer getroffenen Irrawaddy-Flussdelta sei die Lage dramatisch. Die deutschen Hilfsorganisationen rufen in einem dringenden Appell zu Spenden auf.

„Ich hoffe, die Deutschen lassen die Menschen in Birma mit ihrem Schicksal nicht allein“, sagte der Präsidenten des Deutschen Caritasverbandes, Peter Nehrer. „Es ist schwierig zu helfen, aber es ist möglich. Das zeigen die lokalen Mitarbeiter unserer Partner. Wir werden die Spenden auch für den Wiederaufbau benötigen. Die Menschen stehen vor dem Nichts.“ (siehe Spendenkonten: Hilfe für die Zyklon-Opfer)

Viele weitere Opfer durch Infektionen?

„Die Menschen sind ohnehin geschwächt, und dann sind schon Durchfallerkrankungen akut lebensgefährlich“, warnte Tyderle, dass Seuchen und Erkrankungen leichtes Spiel haben werden. „Da muss man mit vielen, vielen Opfern rechnen.“ Trotz des internationalen Drucks auf die Militärregierung rechnet die Hilfsorganisation weiter mit großen Problemen beim Einfliegen von Material. Die ursprünglich gemeldete Annahme von Hilfslieferungen aus den Vereinigten Staaten durch die burmesische Junta wurde im Laufe des Donnerstags schließlich als „Missverständnis“ bezeichnet. Um die Versorgung von Tausenden, die derzeit auf sich gestellt sind, zu verbessern, müssen laut Tyderle nun auch Lkw-Transporte aus dem Nachbarland Thailand organisiert werden. Bisher würden vor allem Hilfsgüter aus Katastrophenlagern verteilt.

Immerhin hatte die Militärregierung in Burma zuvor die ersten größeren internationalen Hilfsflüge nach der Unwetterkatastrophe in dem südostasiatischen Land erlaubt. Vier Flugzeuge mit dringend benötigten Lebensmitteln starteten daraufhin im Auftrag des UN-Welternährungsprogramm (WFP) nach Rangun. Es sei wichtig, die Hungernden und Obdachlosen so schnell wie möglich mit Fertiggerichten zu erreichen, erklärte die UN-Organisation.

Rice: Rein humanitäre Krise

Zuvor hatte es scharfe internationale Kritik an massiver Behinderung der Hilfseinsätze durch die Militärregierung in Rangun gegeben. UN-Generalsekretär Ban Ki-moon appellierte an die Junta, der internationalen Unterstützung den Weg zu ebnen. Die amerikanische Außenministerin Condolezza Rice sagte: „Das ist keine politische Angelegenheit, sondern es handelt sich um eine humanitäre Krise.“

UN-Untergeneralsekretär John Holmes beklagte, dass viele UN-Mitarbeiter nach wie vor auf Einreisegenehmigungen warteten. Mehrere asiatische Länder haben bereits mit der Lieferung von Hilfsgütern begonnen. Nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR hängen Tonnen von Hilfsgütern für die Opfer der Wirbelsturmkatastrophe in Burma an der Grenze des Landes fest. Die Militärjunta habe noch keine Einfuhrerlaubnis für Lastwagen mit 22 Tonnen Hilfsgütern erteilt, sagte Janet Lim, die Asien-Verantwortliche des UNHCR in Genf.

Haus von Oppositionsführerin beschädigt

Der Zyklon „Nargis“ könnte in Burma nach Einschätzung einer amerikanischen Diplomatin 100.000 Menschen das Leben gekostet haben. 95 Prozent der Gebäude in den betroffenen Gebieten seien zerstört, sagte Shari Villarosa, die Leiterin der amerikanischen Botschaft in Rangun.

Nach offiziellen burmesischen Angaben stieg die Zahl der Toten auf knapp 23.000, mehr als 42.000 Menschen gelten demnach als vermisst. Rund eine Million wurden obdachlos und hausen nun in zerstörten Hütten oder Notzelten. Weite Teile des Irrawaddy-Deltas stehen immer noch unter Wasser. Deshalb rechnen anscheinend auch die Behörden inzwischen mit weit mehr Toten als offiziell angegeben . Allein im Bezirk von Labutta müsse mit 80.000 Toten gerechnet werden, sagte ein Armeevertreter der Nachrichtenagentur AFP. Dutzende der 63 Ortschaften rings um die Stadt seien regelrecht ausradiert worden.

Schwer beschädigt wurde auch das Haus von Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi. Der Wirbelsturm habe Teile des Dachs des Bungalows weggerissen, in dem die Politikerin unter Hausarrest steht, berichtete ein Nachbar am Donnerstag. Die Nobelpreisträgerin habe in ihrem beschädigten Haus keinen Strom und auch keinen Generator.

Berlin besorgt

Auch die Bundesregierung sei „sehr besorgt angesichts der immer größeren Ausmaße der Katastrophe“ in Burma, erklärte Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) in Berlin. „Deutschland hat seine Hilfe angeboten und steht für weitere Hilfe bereit“, fügte er hinzu. „Ich appelliere nochmals an die Behörden in Myanmar, allen Helfern ungehinderten Zugang zu den Katastrophengebieten zu gewähren und eine effektive internationale Hilfsoperation zu ermöglichen.“ (siehe Video: Steinmeier zur Lage im Katastrophengebiet)

Die Partei der unter Hausarrest stehenden burmesischen Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi erklärte, die Opfer des Zyklons bräuchten dringend internationale Hilfe. Die Hilfe internationaler Organisationen wie der Vereinten Nationen sei dringend nötig, erklärte die Nationale Liga für Demokratie (NLD) in Rangun

Der Wirbelsturm „Nargis“ war am Freitagabend vom Golf von Bengalen kommend am Delta des Irawadi-Flusses auf das südostasiatische Land getroffen und hatte auf seinem Weg nach Osten eine Schneise der Zerstörung hinterlassen.

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, F.A.Z., REUTERS

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