30. April 2008 Die Preisentwicklung von landwirtschaftlichen Produkten sorgte in den vergangenen Wochen und Monaten für Schlagzeilen. Von Nahrungsmittelknappheit oder gar -krise war und ist sogar die Rede.
Schlagzeilen lassen sich rasch prägen. Ob sie auch die Fakten wiedergeben, ist eine andere Frage. Das folgende Interview mit Joachim von Braun versucht Antworten zu geben. Der Agrarökonom von Braun ist Generaldirektor des International Food Policy Research Institute in Washington D.C. und beschäftigt sich schon seit Jahren intensiv mit der Materie.
Er sieht die Agrarpreise getrieben von zunehmender Nachfrage in Verbindung mit einer schwachen Angebotsreaktion. Längerfristig gebe es noch Produktionspotentiale, die sich nutzen ließen. Die interessantesten fänden sich vor allem in Afrika.
Die Preisentwicklung bei Agrargütern sorgte in jüngster Zeit für Furore. Es war und ist die Rede von Nahrungsmittelkrise und von Knappheit. Ist es wirklich eine?
Aus der Sicht armer Leute ist es eindeutig eine Krise und eine Knappheit. Immerhin ist der Preis für Reis inzwischen um ein Mehrfaches gestiegen, der Weizenpreis liegt selbst nach der jüngsten Korrektur rund 60 Prozent über dem Vorjahr und der von Mais rund 65 Prozent. Menschen die von Löhnen abhängig sind und die einen Dollar am Tag verdienen können sich eine gesunde Ernährung nicht mehr leisten. Von diesen Menschen gibt es weltweit rund eine Milliarde.
Die Preise sind innerhalb kurzer Zeit sehr stark gestiegen. Worauf lässt sich das zurückführen?
Hauptfaktor eins ist starkes Wirtschaftswachstum in Asien - und darüber freuen wir uns. Nummer zwei ist der hohe Ölpreis, der die Kosten der Landwirtschaft und die Produktion von Bioenergie getrieben hat. Das sind die Nachfragefaktoren. Auf der Produktionsseite liegt die Ursache in der Vernachlässigung der Investitionen im Agrarsektor. So trifft eine starke Nachfrage auf eine schwache Angebotsreaktion und daraus hat sich die Preisreaktion ergeben.
Sie sprachen die geringen Investitionen an. Gilt das Argument für alle Regionen?
Die trendmäßig gesunkenen Agrarpreise über die vergangenen Jahrzehnte haben dazu geführt, dass private Anleger weltweit keinen Anreiz sahen, in die Rohstoffproduktion zu investieren. Auch staatliche Investitionen und die Programme der internationalen Entwicklungsbanken sind in den vergangenen Jahren stark zurückgeschraubt worden. Aus dieser Konstellation haben sich immer geringere Produktivitätszuwächse ergeben - und die haben uns nun eingeholt.
Ist aufgrund der nun hohen Preise die Umkehr dieses Trends zu erwarten und gibt es überhaupt noch Potentiale, die man heben kann?
Ja, aber nicht auf die Schnelle. Vorangeschritten sind China und Indien durch ihre massiven Ausweitungen von öffentlichen Investitionen von 20 beziehungsweise 30 Prozent in diesem Jahr in ihren Haushalten. Die Weltbank hat nach langem Abwärtstrend im vergangenen und im laufenden Jahr auch wieder mehr in den Agrarsektor investiert. Ebenso hat die asiatische Entwicklungsbank neue Pogramme aufgelegt. Der private Sektor investiert ebenfalls. Und wenn man mit Bauern in Äthiopien, Bangladesch oder sonst wo spricht, so besteht eine Bereitschaft zum Investieren auch ganz unten und ganz klein. Aber sie läuft in Schwierigkeiten wegen mangelhafter ländlicher Finanzierungs- und Bankensysteme. Alleine aus ihren Ersparnissen können die Kleinbauern der Welt, die nun reagieren wollen und müssen, das nicht schultern.
Ist es nicht so, dass aufgrund der hohen Nahrungsmittelpreise die Bereitschaft der Banken zunimmt oder zunehmen sollte, für solche Investitionen Kredite zu geben?
Ja, wenn wir nicht so eine Irritation in der Bankenwelt hätten, könnten wir davon ausgehen. Leichten Herzens wird von den Banken in den ländlichen Sektor nicht investiert, denn dazu braucht es spezialisiertes Wissen. Banker, die heute Häuser oder Pipelines finanziert haben, sind nicht so schnell in der Lage, morgen komplexe Investitionen mit den 400 Millionen Kleinbauern der Welt zu tätigen.
Das heißt, Sie sind eher skeptisch, dass es rasch zu einem Wandel kommen wird?
Ich bin eher skeptisch, was die Finanzierungsseite angeht. Die großen Agrarbanken, auch die Europas, haben sich bisher in den Entwicklungsländern kaum engagiert. Deswegen wird es Zwischenlösungen geben müssen, zum Beispiel Subventionsprogramme für Dünger, bis wir vernünftige Finanzierungsstrukturen und marktorientierte Lösungen haben.
Wenn nun investiert wird, wie, wo und in welcher Form wird sich das konkret bemerkbar machen? Wo wird Nachfrage generiert auf der anderen Seite?
Im großen Stil im Bereich Wasserwirtschaft, Bewässerung und in Wasser sparenden Technologien. Zweitens im ganzen Bereich Knowledge und Innovation. Also in Beratungsdienstleistungen, die neueste Forschungsergebnisse zu den Bauern bringen. Drittens in Marktinformationssysteme. Das sind Programme, die Kleinbauern zur Kooperation und zur Anbindung an die verarbeitenden und vermarktenden Organisationen verhelfen. Das ist alles service- und softwareintensiv und es geht nicht nur um Trucks, Wege und Maschinen.
Inzwischen erlebt gelegentlich die These von Thomas Malthus eine Renaissance, nach der der Planet gar nicht genügend Nahrungsmittel abwerfen würde, um die wachsende Bevölkerung ernähren zu können. Sehen Sie das auch so oder sind Sie eher optimistisch?
Von jetzt 6,6 Milliarden Menschen auf circa 8,5 bis neun Milliarden Menschen innerhalb der nächsten Generation, also bis ins Jahr 2050, zu kommen und mit dem Klimawandel und dem damit zusammenhängenden Agrarproduktionsproblem - nämlich Wasserknappheit und Dürre - fertig zu werden, wird schwer sein und erfordert ein völlig neues Niveau in der Landwirtschaft und der nachhaltigen Entwicklung.
In den vergangenen Jahrzehnten konnte der Ertrag je Flächeneinheit kontinuierlich gesteigert werden. Lässt sich dieser Trend nicht mehr so fortsetzen?
Die Ertragssteigerung je Flächeneinheit ist von circa drei bis vier Prozent pro Jahr vor 20 Jahren auf jetzt ein bis zwei Prozent heruntergegangen. Wir haben immer noch positive Flächenertragszuwächse, aber immer geringere. Das ist angesichts des Bevölkerungswachstums- und Wohlstandsthemas nicht genug.
Ist es nicht denkbar, dass mit zunehmenden Investitionen auch der Produktivitätsfortschritt sich wieder beschleunigen könnte?
Ja unbedingt. Das ist jedoch eine Funktion des Volumens und der vernünftigen Art dieser Investitionen.
Können Sie das genauer erklären?
Da kommen wir zurück auf das Thema, wofür das Geld jetzt eingesetzt werden muss und wo die hohen Produktivitätserwartungen sind. Das ist überwiegend auf den Standorten, die heute schon bewirtschaftet werden und nicht durch zusätzliche Fläche. Die Fläche, die zusätzlich zur Produktion von Feldfürchten verwendet werden könnte, ist relativ marginal. Das heißt, pro Einheit an eingesetztem Kapital lassen sich nur geringe Erträge erwirtschaften. Wir müssen also mit guter Innovation auf den bestehenden Flächen die Erträge erhöhen und das kostet Geld.
… ist aber machbar?
Ja, das ist machbar. Die Faktorproduktivität in China ist wesentlich höher als in den anderen Regionen der Welt, unter anderem weil die Chinesen wesentlich mehr für Forschung und Entwicklung auf diesem Gebiet ausgeben als viele andere Regionen, die sich entwickeln. You get what you pay for - das gilt auch für diesen Bereich.
Wo sehen Sie in diesem Bezug die größten Chancen beziehungsweise die größten Potenziale, sie sich noch heben ließen?
Erstaunlicherweise eher in Afrika als in Asien. Afrika erzielt bisher sehr niedrige Erträge. Die grüne Revolution, also die Steigerung der Flächenerträge, ist dort überfällig. So ist es auch nicht erstaunlich, dass Afrikas landwirtschaftliches Wachstum in den vergangenen drei, vier Jahren immer zwischen fünf und sechs Prozent lag, höher als in jeder anderen Region. Aber um das Wachstum auf diesem Niveau zu halten, wird das nun mehr Investitionen in die ländliche Infrastruktur erfordern und das ist teuer.
Reichen Infrastrukturmaßnahmen oder muss der ganze Prozess nicht auch politisch begleitet werden? Immerhin ist die landwirtschaftliche Produktion zum Beispiel in Zimbabwe in den vergangenen Jahren massiv zurückgegangen.
Zimbabwe ist ein schrecklich trauriges Beispiel. Gott sei dank sind solche Fälle von massivem Regierungsversagen und von Armut steigernder Politik in den vergangenen Jahren zurückgegangen. Die politische Situation in Afrika in der Hinsicht ist viel besser als vor zehn Jahren. Aber der politische Rahmen ist entscheidend für den landwirtschaftlichen und insgesamt den wirtschaftlich Erfolg in Afrika.
Wie stark ist der Einfluss nach Ihrer Meinung, den in den vergangenen Wochen spekulative Anleger auf die Preisentwicklung von Agrargütern genommen haben?
Es ist ein durchaus signifikanter Einfluss, der in der Bewertung allerdings nicht übertrieben werden sollte. Viele Warenterminbörsen haben inzwischen ihre Regulierung verstärkt und machen dadurch das Spekulieren teurer und dadurch weniger interessant. Im ersten Quartal des laufenden Jahres hat die Agrarterminbörse in Chicago etwa ein Drittel mehr Futures-Kontrakte registriert als vor einem Jahr. Das ist eine signifikante Steigerung. Man darf allerdings nicht vergessen, dass hinter dieser Spekulation reale Prozesse stehen: Erstens die Knappheit, über die wir gesprochen haben. Und zweitens handelspolitische Entscheidungen, wie die Exportstopps, die das Spekulieren erst interessant gemacht haben.
Subventionen und Protektionismus - in wieweit verzerren sie das Geschehen an den Märkten?
Die Verzerrungen in den Agrarmärkten der Neuen Welt kommen von den Exportländern, die nervös geworden sind und die ihre Grenzen zugemacht haben. Das hat die Preise weiter nach oben getrieben.
Das gilt vor allem mit Blick auf den Reismarkt?
Das gilt für Vietnam bei Reis und für Kasachstan und die Ukraine bei Weizen. Die Preisvolatilität hat aufgrund solcher politischer Entscheidungen zugenommen. Das schürt automatisch das Interesse von Terminhändlern. Ohne politischen Einfluss wäre die Volatilität niedriger und dann hätten wir auch weniger Spekulation. Die Spekulanten finden wir so auch in den Regierungen.
Die Düngemittelpreise sind in den vergangenen Monaten dramatisch gestiegen …
… fürchterlich ...
… welche Effekte wird das haben?
Marktversagen in den ärmsten Ländern. Denn die Bauern, die keinen Zugang zu Krediten haben, können sich das nicht leisten - und das ist die Mehrheit. Die Händler wissen das und kaufen erst gar keinen Dünger. Das führt dazu, dass die, die es sich leisten könnten, auch keinen Dünger kriegen können. So läuft das zum Beispiel im südlichen Äthiopien, wo ich mir das neulich habe erzählen lassen.
Das heißt, auch solche Effekte werden die Preise hoch halten?
Das ist eine andere Frage. Die Welt will zwar mehr düngen, aber sie könnte das ja auch effizienter machen.
Das Gespräch führte Christof Leisinger
Text: @cri
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