Von Christina Hucklenbroich
11. Mai 2008 Die Not ist groß: Im Irrawaddy-Delta, wo der Zyklon am schlimmsten gewütet hat, irren die Menschen auf den zerstörten Straßen umher, sind unendlich viele Verletzte, Obdachlose und verwaiste Kinder unterwegs in die größeren Städte. Das berichtet der japanische Unicef-Mitarbeiter Osuma Kunii, einer der wenigen ausländischen Beobachter, die es geschafft haben, in das Gebiet zu gelangen. Nach seinen Schilderungen ist gut eine Woche nach dem Sturm "Nargis" die Lage im Delta unverändert dramatisch. Hunderttausende sind immer noch ohne Zugang zu sauberem Trinkwasser und übernachten unter freiem Himmel.
Die Weltgesundheitsorganisation WHO befürchtet nun den Ausbruch ansteckender Krankheiten wie Cholera und Diphtherie. Außerdem sind nach Berichten einheimischer Ärzte Blutvergiftungen und Wundinfektionen weit verbreitet, weil viele Verletzte ihre Wunden nicht versorgen lassen können. Hilfsorganisationen verteilen Tabletten zur Wasserentkeimung, Lebensmittel und Plastikplanen. Sorgen machen den Helfern weitere Regenstürme, die Burma in der kommenden Woche erreichen sollen.
Preise nach oben geschossen
Leicht verbessert hat sich die Situation in Rangun. "Die Atmosphäre in der Stadt ist ruhig, aber geschäftig", sagt Ralph Dickerhof von der Deutschen Welthungerhilfe am Samstag dieser Zeitung. Ihm ist es am Freitagabend gelungen, nach Burma einzureisen. "Die Menschen in Rangun sind immer noch dabei, Sturmschäden zu beseitigen - vor allem umgestürzte Bäume." Zurzeit würden neue Strommaste aufgestellt, viele Menschen müssten aber nach wie vor ohne Elektrizität auskommen. Wer ein dieselbetriebenes Notstromaggregat besitze, nutze natürlich das, sagt Dickerhof. "Aber längst nicht jeder hat so ein Gerät, und Benzin verknappt sich auch. Die Preise sind um 300 Prozent nach oben geschossen." Mittlerweile sei schon von Rationierung die Rede. Strom sei besonders wichtig für die Menschen in Rangun, weil das Trinkwasser über Generatoren nach oben gepumpt werde, fügt Unicef-Mitarbeiter Osuma Kunii hinzu.
Die Vereinten Nationen haben unterdessen ihre Hilfslieferungen wiederaufgenommen. Nachdem die Militärjunta Hilfsgüter beschlagnahmt hatte, hatten die UN ihre Unterstützung am Freitag vorübergehend eingestellt. "Angesichts der humanitären Krise sind wir einfach verpflichtet, weiterzumachen", sagte Marcus Prior, der Sprecher des Welternährungsprogramms, in Bangkok.
Hilfe erreicht endlich Sturmopfer
Weitere Lebensmittelhilfen haben am Sonntag die hungernden Überlebenden des Zyklons in Birma erreicht, nachdem Straßen von Trümmern und umgestürzten Bäumen geräumt worden sind. Die Junta akzeptiert zwar Sach- und Geldhilfen aus dem Ausland, will aber nicht das Personal, um dies zu managen. Die Militärregierung will alle gespendeten Lieferungen selbst verteilen.
Noch immer aber bekommen ausländische Helfer, die schon im Land sind, kaum Einreisegenehmigungen für die Gebiete außerhalb Ranguns. "Die Dörfer im Deltagebiet wurden geradezu weggeschwemmt, überall liegen Leichname", berichtet Osuma Kunii von Unicef. "Die Flüchtlinge finden in erster Linie Unterschlupf in Schulen und Klöstern." Nur langsam können Hilfsorganisationen zusätzliche Auffanglager aufbauen. Unicef wird in den Lagern so schnell wie möglich sogenannte "Child-friendly Spaces" einrichten, wo Kinder, die in der Sturm-Katastrophe ihre Eltern verloren haben, betreut werden. Innerhalb des Auffanglagers könne dann auch nach Verwandten gesucht werden. Allein in der Ortschaft Myaing Mya schätzt Unicef die Zahl elternloser Kinder auf 2000.
Militär will Hilfen selbst verteilen
Beobachter gehen davon aus, dass durch den Sturm viel mehr Menschen gestorben sein könnten als bisher bekannt. Die Vereinten Nationen rechnen mittlerweile mit bis zu 100.000 Todesopfern und rund 1,9 Millionen Menschen, die von Hunger, Durst und akuter Seuchengefahr betroffen sind. Ungeachtet dessen waren die Menschen in Burma am Samstag zur Abstimmung über eine neue Verfassung aufgerufen, mit der die Militärjunta ihre Macht zementieren will. Nur in den am schlimmsten von der Katastrophe getroffenen Bezirken darf in zwei Wochen nachgewählt werden.
Unterdessen pocht das burmesische Militär weiterhin darauf, die Hilfsgüter selbst zu verteilen. Darauf wollen sich die Vereinten Nationen jedoch nicht einlassen. Das Flüchtlingshilfswerk UNHCR hat am Samstag einen Konvoi mit Zel-ten und Plastikplanen für 10.000 Menschen über die thailändische Grenze in Richtung Rangun starten können. Die beiden Lastwagen seien allerdings etwa einen Kilometer hinter der Grenze vom Militär in ein Kloster dirigiert worden, berichtete das ZDF, das die Wagen mit versteckter Kamera drehte. Ein Armeemajor sagte den Reportern, dass das Material erst am heutigen Sonntag weitergeleitet werde. Und auch ein weiteres Problem ist geblieben: Es ist nach wie vor schwierig, Visa für professionelle Helfer zu erhalten.
Ausländische Beobachter unerwünscht
Das Schicksal der Bürger Burmas hängt heute und wohl auch in nächster Zukunft von 12 Männern in Uniform ab. Die Offiziere bilden den "Staatsrat für Frieden und Entwicklung". Hier werden alle Entscheidungen gefällt, auch die, gegenüber ausländischen Helfern sogar in Zeiten der Katastrophe die Türen geschlossen zu halten. An der Spitze des Gremiums steht der 75 Jahre alte General Than Shwe. Dem Spezialisten für psychologische Kriegführung wird nachgesagt, er sei besonders unnachgiebig gegenüber allen Formen der Opposition im Land. Anderen Einflüssen sind die Militärs aber offenbar durchaus zugänglich. Ihnen wird eine Neigung zum Aberglauben nachgesagt, die sich in manch seltsam anmutender Entscheidung niederschlug. Den Kontakt zur Bevölkerung meiden die Herren freilich. Deutlichster Ausdruck dieser Haltung war vor einigen Jahren die Verlegung des Regierungssitzes aus der alten Hauptstadt Rangun in das weit im Landesinneren gelegene Naypidaw. Dort residiert der "Staatsrat" hinter hohen Mauern. Völlig von der Welt abgekapselt haben sich die Militärherrscher freilich nicht. Vielmehr haben sie einen ausgeprägten Sinn fürs Ökonomische. Am Handel mit Edelhölzern, Edelsteinen und auch Rauschgift sollen sie kräftig partizipieren. Dieses schöne Leben sehen Than Shwe und die Seinen offenbar in Gefahr, wenn zu viele Ausländer einen Blick hinter die Kulissen werfen können. Dass derweil Landsleute wegen ausbleibender Hilfe ums Leben kommen, bleibt im Weltbild der Junta unberücksichtigt. pes.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: dpa
