Von Martin Wittmann
15. Mai 2008 Joe Lowry raucht wieder. "Seit einer Woche." Seit dem Tag also, an dem er nach Rangun geflogen ist, um sich ein eigenes Bild von der Lage im Katastrophengebiet zu machen. Verheerend sei dieses Bild, sagt der Pressesprecher des Internationalen Roten Kreuzes nach seiner Rueckkehr nach Bangkok.
Er habe Burmesen gesehen, denen während des Zyklons "Nagris" der mit 100 Stundenkilometer durch die Luft wirbelnde Sand die Haut aufgerissen habe. Obdachlose, die neben ihrem Heim ihre Familie, ihre Jobs, ihr ganzes Leben verloren hätten. Nur die auf den Flüssen treibenden Leichen, auf die er sich vor der Reise eingestellt habe - die seien ihm erspart geblieben. "Denn in die am stärksten betroffenen Gebiete wurde ich erst gar nicht gelassen." Ob er nicht wütend sei wegen der Steine, die den ausländischen Helfern von der Militärjunta trotz des Leids im Land in den Weg gelegt werden? "Unser Job ist es nicht wütend zu sein, sondern das Beste aus der Situation zu machen."
Hohe Logistikanforderung
Weniger diplomatisch ist Stefan Kuhne-Hellmessen, der an diesem Tag wie der Ire Lowry im fünften Stock des Ocean Towers in Bangkok sitzt. Ein solch kontraproduktives Verhalten wie das der Regierung Burmas habe er in den 14 Jahren, die er nun schon beim Roten Kreuz arbeite, noch nie erlebt. Eigentlich koordiniert er den Wiederaufbau der 2004 vom Tsunami zerstörten Gebiete in Sri Lanka. Nach "Nagris" wird er aber für die Logistikplanung in Burma gebraucht.
Die Arbeit sei bei dieser Naturkatastrophe ungleich schwerer. Während sich die Zerstörung durch den Tsunami auf zwar lange, aber sehr schmale Küstenstreifen beschränke, seien im Irrawaddy-Delta wie bei einem Erdbeben umfangreiche Flächen betroffen. Da zudem die Infrastruktur stark beschädigt sei, sei der Weg in die am stärksten getroffenen Gebiete beschwerlich. Und nun bedroht auch noch eine neue Unwetterfront im Süden Burmas die Hunderttausende Opfer des Zyklons, und die Meteorologen warnen am Donnerstag vor sturzflutartigen Regenfällen im Irrawaddy-Delta.
Zu wenig Bilder
Warum aber ist trotz dieser alarmierenden Lage die Spendenbereitschaft der Menschen im Verhältnis zu der Naturkatastrophe 2004 eher gering? Zum einen habe Nagris die touristischen Gebiete im Land verschont, die auch die Leute im Ausland kennen. "Zum anderen denke ich, dass der CNN-Effekt fehlt", sagt Kuhne-Hellmessen.
Die wenigen, meist heimlich aufgenommenen Bilder aus Burma rufen nicht die Empathie hervor, die etwa die vielen Fernsehbeiträge aus den vom Tsunami betroffenen Ländern bewirkten. Auch Gerüchte, die Hilfsgüter kämen nicht bei den Opfern an, trügen zu der verhaltenen Spendenbereitschaft bei. "Ich kann aber versichern, dass alle Güter des Roten Kreuzes bei den Bedürftigen angekommen sind."
Zu wenig Helfer
Zwei bis drei Flüge am Tag kann das Rote Kreuz nach Burma schicken. Das sei zwar immer noch mehr als die meisten anderen Hilfsorganisation. Ausreichend sei das allerdings nicht. Außer Hilfsgütern fehlten in Burma nicht nur schweres Gerät, das das Abladen der Pakete erleichtern könnte, und Lastwagen, die der Zyklon unbrauchbar zurückgelassen habe oder deren Fahrer bei dem Wirbelsturm umgekommen seien. Es fehlt vor allem an Helfern.
Zur Zeit befinden sich 20 Mitarbeiter des Roten Kreuzes in Burma (vier dort ständig tätige und 16 hinzugezogene). Ginge es nach Kuhne-Hellmessen, würden es um ein Vielfaches mehr sein. Aber die Behörden in Burma prüfen jeden Mitarbeiter langwierig. Um die Chancen zur Einreise wenigstens einzelner Helfer zu erhöhen, beantragt das Rote Kreuz immer nur für zwei oder drei Mitarbeiter gleichzeitig Visa. "Wenn wir denen 50 Anträge hinlegen, bekommen wir die unbearbeitet wieder zurück." Nun wolle sich die Hilfsorganisation vermehrt um Einreisegenehmigungen für asiatische Freiwilige bemühen, denen die burminischen Behörden vielleicht mehr Vertrauen schenken.
Trinkwasser-Aufbereitung
Bisher habe das Rote Kreuz unter anderem vier Anlagen zur Aufbereitung von Trinkwasser nach Burma bringen können, die jeweils etwa eine Million Liter am Tag reinigten. Das viele Wasser, das der Wirbelsturm über die Landstriche getrieben habe, sei das größte Problem im Katastrophengebiet, sagt Lowry. Zum einen sei es verdreckt, zum anderen locke es Moskitos an, die Malaria übertragen. Und es mache die Böden weich.
Wichtig sei es daher, den Opfern ein stabile Unterkunft zu stellen. "Die Hütten aus Bambus und Palmenblättern, die die Menschen dort aus der Not heraus gebaut haben, werden beim nächsten Sturm wieder weggespült." Das bedeute nicht nur mittelbare Gefahr für die Bewohner, sondern erschwere auch die Arbeit des Roten Kreuzes: Bedürftige, die ständig ihren Wohnort wechselten, müssten von den Mitarbeitern immer wieder aufs Neue gesucht werden. "Und mit dem drohenden Monsun wird alles nochmal schlimmer", sagt er auf dem Weg zum Zigarettenkauf, als dicke Regentropfen aus Bangkoks düsterem Himmel fallen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa
