26. Januar 2008 Das Berliner Nobelhotel, in dem das folgende Interview mit Alastair Fothergill stattfindet, ist nicht gerade die natürliche Umgebung für einen Naturfilmer wie ihn. Dennoch kommt der Engländer wie in seinem Dokumentarfilm Unsere Erde sofort zur Sache. Es geht schließlich ums Ganze - down to earth.
Nach all den Vorbereitungen, der fünfjährigen Drehzeit unter Extrembedingungen mit mehreren Teams, dem für eine Naturdokumentation gewaltigen Budget von vierzig Millionen Euro - warum ist Ihr Film eigentlich so kurz?
Finden Sie neunundneunzig Minuten zu kurz? Das freut mich. Ich hatte eher die Sorge, dass er zu lang ist. Die Sache mit Naturdokumentationen ist, dass sie keine augenfällige dramatische Handlung haben so wie Spielfilme. Ein Gegenbeispiel wäre vielleicht Die Reise der Pinguine, die sich auf einen sehr schmalen Ausschnitt der Tierwelt konzentriert. Wir aber wollten von Anfang an einen Film über den ganzen Planeten machen. Da ist es schwierig, einen Erzählfaden zu finden, der die Leute bei der Stange hält. Wenn man das bedenkt, sind neunundneunzig Minuten doch ziemlich lang. Der Film hat viel gekostet - durch die schiere Größe des Projekts, die abgelegenen Drehorte, die Probleme der Technik. Ehrlich gesagt hätten wir den Film ohne die begleitende BBC-Serie nie machen können. Er wäre zu teuer gewesen.
Gibt es in der Serie auch Haupt- und Nebenrollen unter den Tieren, so wie im Film?
Nein. Die Serie konzentriert sich auf Lebensräume, nicht auf einzelne Tiere. Im Fernsehen bekommen sie nie die ganze globale Geschichte, die dreidimensionalen Charaktere.
Gibt es eine zwangsläufige Entwicklung von den Naturdokumentationen im Fernsehen zu dieser großen, epischen Kinoform?
Das würde ich nicht sagen. Soweit ich weiß, hat noch nie ein Film so auf die ganze Erde geschaut, wie es Unsere Erde macht.
Wie individuell sind eigentlich Ihre tierischen Charaktere? Am Anfang sieht man eine Eisbärenmutter mit ihren Jungen, am Ende des Films stirbt ein Eisbär. Ist das der gleiche Bär?
Nein. Sie können einen einzelnen Eisbären nicht über einen längeren Zeitraum verfolgen. Die Szene, in der der Eisbär die Walrosse angreift, wurde in Kanada gedreht, die Sequenz, in der die Bärenmutter mit ihren Jungen die Eishöhle verlässt, in der norwegischen Arktis. Wir geben den Bären ja auch keine Namen. Die Frage ist aber: Bedeutet das, dass das Publikum dadurch weniger emotionalisiert wird?
Bei mir bedeutet es das nicht.
Das ist das Entscheidende. Was ist der Unterschied zwischen Kino und Fernsehen? Die große Sache des Kinos ist doch, dass es das Publikum mitreißt. Im Kino öffnen Sie sich auf eine Weise, die beim Fernsehen nicht möglich ist. Die große Herausforderung bei Unsere Erde bestand darin, über den ganzen Planeten zu reden und gleichzeitig die Leute an unsere drei Hauptcharaktere zu binden - das Gleichgewicht zwischen der Erdgeschichte und der Tiergeschichte zu finden.
Ich dachte, Sie wollten nicht, dass wir den Eisbären als Individuum sehen, weil wir dann am Ende des Films noch mehr geschockt wären. Es ist schrecklich, den Jäger im Angesicht seiner Beute an Schwäche sterben zu sehen. Es ist der Umsturz der natürlichen Ordnung.
Ich weiß. Deshalb haben wir es ans Ende gestellt. Wir wollten, dass die Leute mitempfinden, was es bedeutet, ein Eisbär zu sein. Man muss die Tiere nicht menschenähnlich machen, um das zu erreichen. Die Natur ist eindrucksvoll genug.
Haben Sie Angst, der düstere Schluss von Unsere Erde könnte den kommerziellen Erfolg des Films gefährden?
Nein. Wir haben das Klimaproblem ans Ende gestellt, weil wir wollen, dass das Publikum nachdenklich aus dem Kino geht. Aber es soll den Film trotzdem genießen können. Er soll keine Schulstunde sein. Glauben Sie, dass er nicht kommerziell genug ist?
Für mich ist es mehr eine Elegie als ein Lobgesang auf die Erde. Ein Blick auf das, was uns gerade verlorengeht. Aber vielleicht ist gerade das die Qualität dieser Bilder: dass sie uns traurig machen, weil sie so schön sind.
Als wir vor fünf Jahren mit dem Drehen anfingen, hatte ich das Wort Klimakatastrophe noch nie gehört. Al Gores Dokumentation Eine unbequeme Wahrheit kam ins Kino, als wir gerade mit der Arbeit fertig waren. Als wir in den Schneideraum gingen, waren wir uns der Klimaproblematik natürlich bewusst. Aber das hat unseren Blick auf das Filmmaterial nicht entscheidend verändert. Es war mehr ein Hintergrundgedanke. Ich bin kein Umweltschützer, ich bin Naturfilmregisseur. Ich will die Leute mit der Schönheit der Natur anstecken. Es gefällt mir, dass Sie den Film für eine Elegie halten. In gewisser Weise ist er das, er zeigt den Leuten, wie schön es da draußen ist. Die meisten Leute wissen das nicht, sie haben den Kontakt dazu verloren.
Waren Sie dabei, als der Eisbär starb?
Nein.
Was haben Ihnen die Leute erzählt, die dabei waren?
Sie waren sehr bewegt. Der Kameramann, der die Szene gefilmt hat, arbeitet oft mit Eisbären. Er hatte dieses Tier ungefähr vier Wochen lang begleitet. Wir wussten, dass die Eisbären im August, am Ende der Saison, sehr hungrig werden und anfangen, auch Walrosse zu attackieren. Dennoch war es für ihn eine gewaltige Überraschung, den Bären sterben zu sehen. Viele Leute haben später gefragt, warum er ihn nicht gefüttert hat. Seine Antwort war immer dieselbe: Was wollt ihr? Wollt ihr, dass ich das Walross erschieße? Die erste Regel bei Naturfilmen ist, dass man sich niemals einmischen darf. Nie. Überlasse die Natur sich selbst! Und selbst wenn Sie es wollten, könnten Sie praktisch nichts erreichen. Eine Winzigkeit, das ändert nichts. Das heißt aber nicht, dass Sie nicht gerührt sind. Natürlich ist man gerührt.
Was können wir denn tun, um die Eisbären zu retten? Die Wildnis, die Sie zeigen, ist doch zum Untergang verurteilt.
Dieser Pessimismus ist möglicherweise berechtigt. Gleichzeitig gibt es auch Grund zum Optimismus. Vor fünf Jahren waren Umwelt- und Klimafragen noch Probleme zweiter Klasse. Jetzt stehen sie an der Spitze der Prioritätenliste. Viele Leute reden darüber, viele große Firmen denken darüber nach. Ich kriege jeden Monat Anrufe von Unternehmen, die mich vor ihren Entscheidungsträgern sprechen lassen wollen. Ob es zu spät ist, weiß ich nicht. Was ich aber weiß, ist, dass die Natur eine enorme Widerstandskraft hat. Sehen Sie sich die Ozonschicht an: Wir haben Fluorkohlenwasserstoffe verboten, und sie erholt sich. Aber es ist klar, dass die sieben Milliarden Menschen, die heute auf der Erde leben, nicht erwarten können, einen Lebensstil wie in den Vereinigten Staaten zu haben. Das ist die zentrale Herausforderung. Wie das ausgehen wird, weiß ich nicht. Aber als Regisseur denke ich: Geh da raus und filme, was passiert. Wenn alles verschwindet, sollten wir wenigstens eine Erinnerung daran haben.
Sie würden also auch den allerletzten Eisbären filmen, wenn es irgendwann so weit kommt.
Das wäre ziemlich deprimierend. Aber ich mache weiter Bilder von der Natur, weil ich glaube, dass vieles, was ich jetzt aufnehme, für meine Enkel nicht mehr da sein wird.
Gibt es auch deprimierende Fakten, die Sie absichtlich nicht im Film erwähnen? In anderen Naturdokumentationen erfährt man zum Beispiel, dass die Zahl der Karibus in Alaska stark abgenommen hat. Sie zeigen dagegen eine große, kraftstrotzende Herde.
Ich wollte keine Umweltaktivisten vor die Kamera holen, die erklären, was mit den Karibus nicht stimmt, die über die Pipelines, die Ölpolitik der Bush-Regierung und das Auftauen der Permafrostböden reden. Ich bin kein Journalist, das ist nicht mein Job. Wir wollen eine bestimmte Atmosphäre im Kino schaffen, die Stimmung einer Welt ohne den Menschen. Die meisten Tiere verbringen ihr ganzes Leben, ohne einen Menschen zu Gesicht zu bekommen. Wale wandern durch einen Ozean, der zum allergrößten Teil menschenleer ist. Obwohl wir fast sieben Milliarden sind, gibt es immer noch verdammt viel Wildnis dort draußen. Sie können zwölf Stunden lang über den Taiga-Wald in Sibirien fliegen, ohne ein Auto zu sehen, eine Straße, ein Licht. Der Ozean macht achtundneunzig Prozent des Lebensraums unserer Erde aus, und es gibt nur sieben Tauchboote auf der ganzen Welt, die tiefer als einen Kilometer tauchen können. Da ist noch sehr viel Raum da draußen.
Wie haben Sie die Jahreszeiten-Schwenks gemacht, bei denen Zeitraffer und Kamerabewegung kombiniert sind?
Dafür gibt es ein spezielles System. Es heißt motion-control rig und ist sehr raffiniert: Sie gehen zum Beispiel um eine Eiche herum und nehmen sie auf. Sie müssen diese Bewegung in jeder der vier Jahreszeiten auf identische Weise machen. Sie legen Schienen um den Baum herum, wählen eine Aufnahme aus, und der Computer speichert genau diese Aufnahme. Wenn Sie drei Monate später wiederkommen, drücken Sie auf den Knopf, und der Computer macht exakt dieselbe Kamerabewegung noch einmal, drei- oder viermal. Es ist eine wundervolle Technik, und wir verwenden sie ziemlich oft. Der eigentlich Held des Films ist ja die Sonne. Wir wollten sie so filmen, wie man es noch nie gesehen hat. Nach der Karibu-Jagd gibt es eine Sequenz, in der die Sonne während des Polarsommers zu sehen ist, wie sie am Horizont immer auf- und absteigt, ohne unterzugehen. Das sind sechsunddreißig Stunden, komprimiert in ein paar Sekunden Film.
Zurück zu den Karibus. Als das Karibu-Junge von dem Wolf, der es verfolgt hat, eingeholt wird, blenden Sie aus. Warum?
Es war dieselbe Entscheidung wie bei dem Elefanten, über den die Tiger herfallen. Ich wollte einen Familienfilm drehen. Warum soll man das Töten und Fressen zeigen? Jeder weiß, was passieren wird. Es gibt nur eine Jagdszene in dem Film, die bis zum Schluss gezeigt wird, mit dem Geparden und dem Streifengnu. Das war eine sehr bewusste Entscheidung. Wir haben Zeitlupe verwendet und eine wunderschöne Frauenstimme darübergelegt. Wir wollten, dass sich die Leute das anschauen und denken: was für ein schönes Raubtier, perfekt an seine Umwelt angepasst.
Ich komme wieder zu dem sterbenden Eisbären zurück: Das Bild lässt mich nicht los.
Aber das ist keine blutige Szene. Es ist schön anzuschauen und sehr bewegend; der Räuber gibt auf, und die Walrosse entspannen sich. Ich habe so etwas nie zuvor gesehen: dass sich das größte Raubtier auf der Erde einfach hinlegt, die Augen zumacht und stirbt. Welche Version des Films haben Sie gesehen?
Die deutsche.
Die Filmverleiher in Großbritannien hatten das Gefühl, dass dieser Schluss zu traurig ist. Sie haben auf einem anderen Ende bestanden. Deshalb haben wir eine kurze Szene eingefügt, in der zwei Eisbärenjunge zu sehen sind. Im Grunde sagen wir damit, dass die zwei Jungen vom Anfang des Films überlebt haben, während der Vater stirbt. Mir tat diese Änderung leid, denn sie bricht die Stimmung des Films. Ich liebe den Schnitt von dem sterbenden zu dem im Meer schwimmenden Eisbären. Sie haben recht, es ist erschütternd. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand aus dem Film kommt und sagt: Schau ihn dir nicht an, das Ende ist zu traurig. In Frankreich hat der Film fast eineinhalb Millionen Zuschauer gehabt, er ist dort die erfolgreichste Naturdokumentation aller Zeiten.
Wie also können wir die Eisbären vor dem Aussterben bewahren? Sollen wir sie in die Antarktis transportieren?
Das wäre eine sehr, sehr dumme Idee. Aber es würde ihnen sicher gefallen. Sie würden alle Pinguine auffressen!
Das Gespräch führte Andreas Kilb.
Text: F.A.Z., 26.01.2008, Nr. 22 / Seite Z6
Bildmaterial: F.A.Z. - Burkhard Neie
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