Schriftgestalter Hermann Zapf

Der Romeo des Alphabets

Von Hannes Hintermeier

Hermann Zapf, Herr im Reich der Buchstaben

Hermann Zapf, Herr im Reich der Buchstaben

08. November 2008 Die Welt ist voller Zapf, und niemand bemerkt es. In unserem digitalen Universum ist die Information auf der Basis von Null und Eins abgelegt. Aber sichtbar und sinnvoll wird sie für den Menschen erst, wenn sie Schrift geworden ist. Über die ästhetische Seite einer Schrift aber macht sich ein Durchschnittsleser keine Gedanken, Lesbarkeit genügt. Die Schrift ist Mittel zum Zweck, Inhaltstransporter. Aber es gibt Schriftgestalter, die die Kunst der Einheit von Form und Inhalt auf die Spitze getrieben haben. Zu dieser Kategorie zählt ein Mann, der weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit in Darmstadt lebt und an diesem Samstag neunzigsten Geburtstag feiert: Hermann Zapf. Nie gehört? Aber gelesen, milliardenfach. Denn Zapf ist eine Legende seiner Zunft, zweihundert Alphabete in allen möglichen Sprachen hat er entwickelt.

Seit siebzig Jahren arbeitet er für die Firma Linotype. „So lange hält das keiner außer mir aus“, scherzt er beim Gespräch in einem seiner Arbeitszimmer. Das ganze Haus ist in gewisser Weise Werkstatt und Bibliothek. Dreißig von bislang siebenundfünfzig Ehejahren hat Zapf hier mit seiner Frau, Gudrun Zapf von Hesse, verbracht. Ein großzügiger Bungalow nahe der Mathildenhöhe, am Klingelschild ein handgeschriebenes Z. Im Inneren viele Bilder- und Bücherwände, sogar die Schiebetüren sind als Buchstaben ausgestaltet. „Ich habe ja die Konkurrenz im eigenen Haus“, scherzt der agile Neunzigjährige und spendiert seiner Frau ein verschmitztes Lächeln, denn diese ist ebenfalls Schriftgestalterin und Kalligraphin - und obendrein eine Buchbinderin von Rang. Die beiden teilen nicht nur das Geburtsjahr 1918, sondern auch die Leidenschaft für die schöne Schrift.

„Ich wollte kein Graphiker sein“

Die Typographien an der Wand stammen von einer Kollegin: Zapfs Ehefrau Grudrun Zapf von Hesse

Die Typographien an der Wand stammen von einer Kollegin: Zapfs Ehefrau Grudrun Zapf von Hesse

Dieser außergewöhnliche Lebensweg war Hermann Zapf nicht vorgezeichnet. Am 7. März 1933 wurde sein Vater von der SA abgeholt und nach Dachau gebracht. Als SPD-Mitglied und Gewerkschafter hatte er sich wiederholt mit dem Gauleiter Streicher angelegt. Als Zapf senior nach drei Wochen heimkehrte, sprach er nie mehr ein Wort über diese Zeit. Die Familie aber galt den Nationalsozialisten als belastet, niemand wollte den Sohn als Lehrling einstellen. Aber dann fand er - am Ende des Alphabets im Telefonbuch - die Firma Karl Ulrich & Co., die es politisch nicht so genau nahm. So wurde der Filius 1934 Retuscheur. Von seinem Vater sagt er heute, der habe „Glück gehabt im Vergleich zu dem, was manchen Nachbarn in der Nürnberger Vorstadt alles zugestoßen ist“.

Vom Traumberuf Techniker - „Ich wollte kein Graphiker sein“ - war Zapf aber unverändert fern. Bis sein Lehrherr das Talent erkannte. Und schon mit zwanzig entwarf Zapf, zwischenzeitlich nach Frankfurt übersiedelt, für die Schriftgießerei D. Stempel AG seine erste und einzige Frakturschrift, die Gilgenart. Bis heute hat sich Hermann Zapf die Zuneigung zu dieser 1941 von den Nationalsozialisten verbotenen Schrift erhalten. Damit war das Schicksal der vermeintlichen „Judenletter“ (Martin Bormann) besiegelt: Nach Kriegsende blieb ihr Ruf ruiniert, und die Umstellung auf die Antiqua hatte dazu geführt, dass viele Druckereien ihre Letternbestände hatten einschmelzen müssen. Den Krieg übersteht Zapf als Wehrmachts-Kartograph in Dijon und Bordeaux, dann schlägt die Stunde des wissbegierigen Schreibarbeiters: Als künstlerischer Leiter der Druckerei entfacht Zapf bei D. Stempel ein Kreativitätsfeuerwerk.

Dutzende berühmter Schriften entwickelt

Er entwickelt Dutzende von berühmten Schriften, darunter die Palatino Antiqua, die Aldus, die Optima Antiqua, die Medici, die Sequoyak Sillabary, ein Alphabet für die amerikanischen Cherokee-Indianer. Und mit der Zapf Dingbats ist jeder in Berührung gekommen, der Symbolzeichen am Computer benutzt hat. Vor gut zehn Jahren ist mit der Zapfino eine kalligraphisch anmutende Schreibschrift entstanden, die für Visitenkarten und Einladungen gedacht war. Heute schreiben damit Leute, die den Anschein guter Handschrift erwecken wollen, auf dem Computer - „und auf Reisebussen habe ich sie auch schon gesehen“, berichtet ihr Schöpfer. Wirklich stört ihn das nicht, denn dass in dieser Branche hemmungslos kopiert wird, ist er gewohnt.

Im Jahr 1960 tritt Zapf die erste Gastprofessur in Pittsburgh an, von 1977 an bekleidete er für elf Jahre eine Professur für „Typographic Computer Programs“ am Rochester Institute of Technology. Wie so oft bei technischen Revolutionen, sagt Zapf, habe man in Deutschland viel zu lange gehofft, der Bleisatz werde mit den neuen Druckverfahren eine friedliche Koexistenz eingehen. Es sei anders gekommen, innerhalb weniger Jahre habe der Fotosatz verdrängt, was fünfhundert Jahre als im Grunde unverändertes Handwerk tradiert worden sei.

Ein Alphabet für Nigeria

An diesem Punkt ist Hermann Zapf ganz entschieden unsentimental. Denn auch bei der nächsten Revolution ist er wieder ganz vorn dabei, darf bei Xerox in die Entwicklungsabteilungen, kennt den Apple-Gründer Steve Jobs „so ziemlich von Anfang an“, wird von Microsoft angefragt. An Aufträge aus aller Welt ist er da schon gewöhnt; hat er doch das Kunststück absolviert, für den afrikanischen Staat Nigeria, auf dessen Gebiet vierhundert Sprachen gesprochen werden, ein einheitliches Alphabet zu entwickeln. Wie man zu solchen Spezialaufträgen kommt? „Man ist nicht ganz unbekannt“, sagt Zapf mit einem feinen Lächeln.

Es ist diese Bescheidenheit, auf die Dinge zu blicken, die einen sofort einnimmt für diesen Mann, der für seine Berufung alles gegeben hat. Er habe „eben Glück gehabt, diese ganze Spanne der technischen Entwicklung erleben zu dürfen“. Nur im eigenen Land, da war der Prophet, der „bloß um die Ecke hätte gehen müssen“, gelegentlich nicht so gefragt. An der Technischen Hochschule Darmstadt etwa, da habe man ihm, als er 1972 einen Lehrauftrag erhielt, mehr oder weniger deutlich den Vogel gezeigt: „Der mit seinen Computern, der spinnt, hieß es immer.“

Im Herzen ein Amerikaner

Richtig gut ist Zapf auf diese Innovationsbremser noch immer nicht zu sprechen. Im Herzen ist er wohl ein Amerikaner geworden, auch wenn man seinen Erzählungen die fränkische Färbung noch anhört. So oft hat er den Atlantik überquert, dass er nicht mehr daran denken mag. Aber an den Amerikanern sei kein Weg vorbeigegangen. Sie hätten immer begeistert reagiert, fachlich neugierig. Und sie geben ihm bis heute das Gefühl dazuzugehören, auch wenn er mit Rücksicht auf seine Frau einen Lehrstuhl in Texas in letzter Minute ausgeschlagen, aber die beim Dinner überreichte wandgroße texanische Flagge behalten habe.

Senatus Populusque Romanus . . . Der Ausgangspunkt von Zapfs Schaffen steht aber im alten Europa, mitten in der Hauptstadt der Welt: die Antiqua-Inschrift auf der Trajanssäule in Rom. Im Grunde sei die ganze Schriftkultur der letzten zweitausend Jahre eine Fortentwicklung jener Inschrift. „Wir dürfen uns nichts einbilden“, sagt Zapf, Rom wirke bis heute fort, „weil die Römer - ganz ohne Kunstschulen - ein Gefühl für die richtigen Winkel hatten“. Wer auf den Schultern solcher Riesen stehe, wolle sich nicht als Künstler gerieren. „Wir sind Zulieferer, würde ich sagen.“

Und wer führt seinen Weg in die Zukunft der Schrift fort? Gibt es einen Meisterschüler? Zapf verneint und überlegt lange. Schließlich nennt er den aus Belgrad stammenden, in Hamburg lehrenden Jovica Veljovoc. Und auch diese Frage muss ein Kalligraph beantworten - was denn aus der Handschrift werden wird, wenn alle Welt nur noch tippt oder künftig Spracheingabe betreibt? „Zweitausend Jahre Schriftkultur gehen im Augenblick als Ballast über Bord.“ Hier spricht er wieder, der unsentimentale Hermann Zapf, dessen Augen noch immer blitzen, wenn er sich erinnert. „Mit welchen Pfoten die heute schreiben“, sein Sohn übrigens auch. Aber die Enkel, immerhin, die bemühten sich. Das Zapf-Gen scheint durchgekommen zu sein. Wäre sonst auch tragisch.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Helmut Fricke

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