Wein- und Champagnerprobe

Flaschen Nummer 328 und 275

Von Andreas Platthaus

14. Mai 2008 Darf man noch träumen, wenn man gerade einen fünfundfünfzig Jahre alten Süßwein, eine Trockenbeerenauslese, die auf den schönen Namen Kreuznacher Narrenkappe hört, getrunken und ihn frisch vorgefunden hat wie am ersten Tag? Oder zuvor zwei Flaschen von dem in den achtziger Jahren durch den Glykolskandal schwer in Verruf geratenen Gut Pieroth probiert hat, die aus den Jahren 1923 und 1928 stammen (Bechtheimer Hasensprung und Gau-Odernheimer Petersberg), und auch diese zu Zeiten der Weimarer Republik gekelterten Weine in höchst ansprechender Form erlebte, obwohl der ältere nur eine normale Auslese war?

Ja, man darf noch träumen, denn sowohl der von den Preußischen Staatsweingütern erzeugte Erbacher Markobrunn Cabinett von 1933 als auch die Trockenbeerenauslese der gleichen Lage von 1938 wirken wenig charaktervoll - und das bei der berühmtesten Lage des Rheingaus. Andererseits: Was soll man aus diesen deutschen Jahren auch erwarten?

Ein Jüngling von 1998

Nach den ersten Flaschen, die bei einer Probe alter Weißweine, zu der sich im Untertürkheimer Weingut Wöhrwag ein Liebhaberkreis versammelt hat, kommt eine Pause, die mit einem Jüngling bestritten wird, einem Champagner von Jacques Selosse von 1998. Selosse ist ein kleines Gut, das aber in den letzten Jahren immer wieder zu den besten gezählt wird, auch wenn die gerade erst aus Finnland nach Deutschland importierte Hochglanzzeitschrift „Fine - Das Weinmagazin“ bei der Auflistung von Weinen als lohnenden Kapitalanlagen in der Kategorie Champagner das übliche Quartett aus Krug, Roederer, Bollinger und Salon nennt - wobei deren beste Abfüllungen immerhin noch ergänzt werden um den Clos des Goisses von Philipponnat.

Qualitativ gehört der Selosse auch in diese Riege, obwohl er einfacher wirkt als der Krug von 1988, der ihn als Pausenfüller begleitet. Aber für einen Blanc de Blancs, also einen Champagner, der nur aus hellen Trauben gewonnen wird, kann er im Vergleich die notwendig fehlende Komplexität durch einen herrlich weinigen Geschmack egalisieren. Kapitalanlage? Humbug, selbst wenn Selosse noch populärer würde. Ungetrunkene große Weine sind ein Skandal, auch wenn der kleine Kreis bei Wöhrwag davon profitiert, dass frühere Generationen einige Flaschen aufgespart haben.

Individuelle Leidenschaften und Funde

Einer der nicht unerheblichen Reize des Untertürkheimer Treffens ist es, dass zur Abwechslung immer wieder individuelle Leidenschaften und Funde zum Zuge kommen. So ist für eine raffinierte Champagnerauswahl ebenso gesorgt wie für einen exquisiten kleinen Block aus roten Burgundern. Beides ist ungleich schwerer zusammenzustellen als etwa eine gelungene Bordeaux-Weinprobe, weil die Spitzenflaschen meist nur in winzigen Mengen oder in Deutschland so gut wie gar nicht verfügbar sind. Längst haben wohlhabende Chinesen und Russen ihre Leidenschaft für die berühmtesten französischen Namen entdeckt, und so hat das Champagnerhaus Krug jetzt eine neue Marke lanciert, die alle Maßstäbe dessen sprengt, was junger Wein kostet.

Dieser Clos d'Ambonnay ist Krugs erster Blanc de Noirs (ein Champagner, der nur aus dunklen Trauben gekeltert wird), geerntet in einem einzigen Weinberg, der an Krug lediglich so viel Lesegut liefern kann, dass es für dreitausend Flaschen reicht. Diese lagern auf unbestimmte Dauer in den Kellern, denn wie beim spanischen Rotwein Vega Sicilia Unico entscheidet der Hersteller, wann er die Weine für verkaufswürdig hält. Als erster Clos d'Ambonnay ist nun der Jahrgang 1995 freigegeben worden: für 2500 Euro - pro Flasche, versteht sich, und wohlgemerkt als Händlerpreis.

Preisbildung als Zufallsprodukt

Solche Champagner werden ihren Weg in den Untertürkheimer Weinkreis nicht finden, denn sie werden niemals günstig zu finden sein, während man alte deutsche Weißweine, die auf Auktionen bisweilen auch spektakulär teuer werden, immer noch durch Zufall an Orten entdecken kann, wo sie vergessen wurden. Oder man hat sie ehedem selbst günstig erstanden und aufbewahrt wie den Markobrunn Cabinett von 1933, der die letzten dreieinhalb Jahrzehnte im Keller des Initiators der Runde zugebracht hatte. Paradoxerweise ist es deshalb zwar nicht leichter, aber günstiger, alte Weine zu finden, von denen niemand genau weiß, wie viele Flaschen noch existieren. Dreitausend werden es jedenfalls niemals sein, denn deutsche edelsüße Weine können im günstigsten Fall in Größenordnungen von einigen hundert Litern erzeugt werden. Deshalb kennt das breite Publikum sie kaum, und die Preisbildung ist meist ein Zufallsprodukt.

Als Raritäten der Probe muss man somit eher ansehen, was zwischen den alten Weißweinen getrunken wurde. Zum Abschluss etwa eine Flasche Krug Collection von 1985. Dieser Champagner, in Mengen von immerhin rund fünftausend Flaschen hergestellt, lagert mindestens zwölf Jahre, bevor er verkauft wird. Sofern man noch Einzelflaschen des zuletzt ausgelieferten Jahrgangs 1985 erwerben kann, kosten sie derzeit mehr als fünfhundert Euro. Und wie es um den Preis des einzigen ausländischen Weißweins dieses Tages, eines Corton-Charlemagne von Leroy von 1996, steht, möchte man gar nicht wissen. Das Etikett weist 870 abgefüllte Flaschen aus (wir tranken Nummer 328) - und das bei einem der begehrtesten Weingüter des Burgunds. Wie schön, dass es von dem im gleichen Jahr gekelterten Chambolle Musigny les Charmes satte acht Flaschen mehr gab (unsere war 275).

Man darf noch träumen

Viel schmeichelnder als dieser Rotwein kann Burgunder kaum sein. Doch auch da darf man noch träumen. Das berühmteste (und teuerste) Gut im Burgund ist Romanée-Conti. Auch dort erzeugt man Mengen, die der Nachfrage keinesfalls gerecht werden, und dennoch gab es vom Romanée-St.-Vivant des Jahres 2003, der als weiterer Rotwein-Pausenfüller mit zwei Clos de Vougeot von Leroy ausgeschenkt wurde, elftausend Flaschen. Es ist erstaunlich, wie sich die Eleganz dieses Weins selbst im Vergleich mit dem Chambolle behauptet und sogar einen auch 2003 hergestellten Leroy-Kraftbolzen wie den Nuits-St.-Georges deklassiert. Aber von dem gibt es wiederum nur knapp zweitausend Flaschen, und deshalb dürfte er kaum weniger gesucht sein.

Was all die Krugs, die Leroys und die Edelsüßen von Prüm (die noch nicht erwähnt wurden, aber unter anderem mit vier Wehlener Sonnenuhren aus den achtziger Jahren in Qualitäten von der Beerenauslese bis zur Langen Goldkapsel vertreten waren) dem eigenen Geldbeutel abverlangen würden, wenn sie hier nicht mit Finderstolz von Freunden serviert würden, die einen Großteil ihrer Freizeit auf die Weinjagd verwenden würden, das ist auch Stoff zum Träumen - zum Albträumen. Wir wüssten gar nicht, was Wein sein kann.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP

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