Selbstversuch „iPhone“

Auch Harry Potter wäre beeindruckt

Von Jordan Mejias

Jetzt will man es auch anfassen - das iPhone

Jetzt will man es auch anfassen - das iPhone

07. Juli 2007 Wer bei der Revolution mitmachen will, muss Schlange stehen. Und auch, wer erst mal nur zugucken will, muss sich anstellen. Warten, warten, warten. Die neuen Revolutionäre haben viel Geduld. Sogar dass sie als New Yorker von Natur aus ungeduldig zu sein haben, vergessen sie im Apple Store, ob auf der Fifth Avenue oder in SoHo, solange ihnen die Möglichkeit winkt, irgendwann das revolutionäre Objekt ihrer Begierde doch in der Hand zu halten.

Bloß in der Hand halten, sonst fast nichts, will auch ich das iPhone, egal welches, das mit den vier oder den acht Gigabytes - wer wäre in einer solchen Lage schon wählerisch? Aber die Fans, die sich um den Tisch mit den diebstahlsicher verankerten Vorführgeräten scharen, weichen nicht so schnell. Ausverkauft ist das Ding ohnehin, wie ich am Abend zuvor entdecken musste. Auf der Website von Apple hatten alle zehn Läden im Bundesstaat New York das rote Lämpchen angeknipst, was heißen soll: Morgen früh keine Revolution vorrätig. Vielleicht am Nachmittag wieder. Oder übermorgen. Offensichtlich setzen die Marketingstrategen auf Verknappung, um den Hype womöglich über den Sommer zu retten. Was für unsereinen, der noch kein iPhone in der Tasche stecken hat, vor allem ärgerlich ist. Das Marketinggenie Steve Jobs wird jedoch schon wissen, was er da anstellen lässt.

„Hey, Mom, ich bin im Apple Store!“

Der Juni ist da, das Warten geht weiter

Der Juni ist da, das Warten geht weiter

Mittlerweile habe ich mich so weit vorgearbeitet, dass ich einem Kind, welches genau genommen unter elterliche Aufsicht gehörte, über die Schulter beim iPhoning zuschauen kann. Seine Finger fliegen über die Glasscheibe, sie berühren sie nur leicht, und schon huschen Bilder von rechts nach links, von unten nach oben, wie gerade gewünscht, sie brechen wie Blüten aus einer Knospe auf und fallen wieder in sich zusammen. Es ist reine Magie, auch Harry Potter wäre beeindruckt. Keine Tasten werden gedrückt, weil es nur eine einzige gibt, und das ist eigentlich auch keine Taste, sondern eine kleine runde Einbuchtung unter dem Bildschirm. Damit wird das Menü mit den bunten Piktogrammen hervorgezaubert, die dann nur noch leicht mit den Fingerspitzen zu berühren sind, um, je nach Wahl, das Internet, das persönlich abgespeicherte Musik- und Videoprogramm, SMS oder E-Mail, die Börsenkurse des Tages, das Wetter von morgen, die heißesten Hits von YouTube heraufzubeschwören. Eine knapp bemessene Streicheleinheit verwandelt das iPhone ohne jeden Umstand in einen Minicomputer oder eine Kamera oder ein Notizbuch oder einen Wecker oder einen Kalender oder einen Taschenrechner oder ein Navigationsgerät.

Das Kind aber will jetzt bloß telefonieren. Es tippt elfmal gegen die schwarze Scheibe und kann gleich in sie hineinrufen: „Hey, Mom, ich bin im Apple Store!“ Dann herrscht Schweigen, schließlich kommt ihm ein knappes „Okay“ über die Lippen, und das iPhone liegt auf dem Tisch. Kindlos, herrenlos. Die Chance meines Lebens. Ich greife zu, und es gehört mir. Für die nächsten Sekunden, Minuten, ja Stunden, wenn ich wollte, denn bei Apple steht niemand mit der Stoppuhr neben dem Kunden. Was soll ich nun mit dem kostbaren Instrument anfangen? Die Firma bietet Kurse an, um in die Geheimnisse des iPhone einzuführen. Den Luxus kann ich mir nun nicht erlauben. Hic iPhone, hic salta. Aber erst noch einen meditativen Augenblick, damit auch der ästhetische Genuss eine Chance hat. Superschlank und seidenglatt liegt die Maschine in der Hand, das tiefschwarze Gefunkel der Glasscheibe silbrig umspielt. Auch wenn das Designwunder nicht funktionieren sollte, wäre es doch, unter rein künstlerischen und gestalterischen Gesichtspunkten, seine 499 (4BG) oder 599 Dollar (8GB) plus Steuer wert.

Wunder mit kleinen Fehlern

Gut, ich übertreibe. Wäre die Scheibe schwarz geblieben, hätte ich sehr enttäuscht, wenn nicht sogar ein bisschen wütend die ganze technologische Schönheit auf den Tisch geknallt. Doch auch ohne Einführungskurs habe ich gleich raus, wie das Menü zum Aufleuchten gebracht wird. Von da an ist mit etwas Logik und Computererfahrung wirklich überall hinzukommen. Zuerst will ich ins Internet. Weil es mir nach wie vor unbegreiflich ist, wie sich in einem hauchdünnen Plättchen ein Fenster ins Netz öffnen kann. Aber sofort kann ich bis nach Frankfurt gucken. Die Website dieser Zeitung strahlt mir im allerreinsten Blau entgegen, wie überhaupt die Farben, zumindest hier im geschlossenen Raum, geradezu saftig aufleuchten. Klagen hat es gegeben, dass draußen im Sonnenlicht nichts zu lesen sei. Auch Wundern sollte der Mensch ein paar Unvollkommenheiten zugestehen.

Halte ich das iPhone im üblichen Hochformat, reckt sich das Bild in die Höhe. Kippe ich es zur Seite, legt sich das Bild quer. Streichle ich den Bildschirm nach rechts, kommt der linke Rand der Zeitung ins Bild. Will ich ihren oberen Teil besichtigen, lasse ich meinen Finger von oben nach unten gleiten. Ich kann auch die gesamte Zeitungsseite auf den Monitor holen, dann Zeigefinger und Daumen über dem Glas wie eine Schere aufklappen und so die Vorlage vergrößern. Bringe ich meine Finger zusammen, schnurrt die Zeitung ein. Ein hoffnungsloser Fall, wem da nicht die Spucke wegbleibt. Warum sind unsere voll ausgewachsenen Computer nicht derart einfach, einleuchtend und elegant zu behandeln? Hier im Apple Store baut sich alles aus dem Internet in Sekundenschnelle auf. Im richtigen Leben soll es nicht immer so zügig gehen. Über den Grund braucht niemand zu rätseln. Bis auf weiteres ist das iPhone nur im Netz von AT&T zu benutzen, und das zeichnet sich, im Vergleich mit der Konkurrenz, durch eine große Reichweite, aber leider nicht durch Schnelligkeit aus - T-Mobile sollte sich vor Vergleichen hüten, wenn das iPhone auch in Deutschland erhältlich ist. Der Kollege von der „New York Times“ hat gestöhnt, dass er sich geschlagene 55 Sekunden langweilen musste, bis die Titelseite seines Blatts auf dem Bildschirm erschien. Auf „Yahoo“ hatte er gar zwei volle Minuten zu warten. Dadurch bekäme die Revolution eine in der Tat eher behäbige Note.

Versprochen ist versprochen

Total genial ist auch nicht gerade die virtuelle Tastatur. Sie ist ausgesprochen klein. Leute mit spitzen Fingern sind darauf im Vorteil. Aber Finger müssen es sein, der Touchscreen reagiert nicht auf irgendwelche Stifte. Apple rät darum, dem Keyboard im Vertrauen auf seine Korrekturfähigkeit zu begegnen. Falsche Buchstaben werden vom gewitzten Computerprogramm in richtige verwandelt. In der Theorie zumindest. Ich möchte jedenfalls keine längere Nachricht eingeben müssen. Als ich bei YouTube nachsehen will, was zurzeit an Streisand, vielleicht sogar aus Berlin, vorrätig ist, schlägt mir iPhone vor, die Buchstabenfolge „Stre“ automatisch in „Street“ zu verwandeln. Bei „Strei“ wird „Strep“ angeboten, bei „Streis“ rätselhafter- und höchst gebildeterweise „Atreus“, und erst bei „Streisan“ fiel dem Computer der Groschen. Da hatte ich schneller das d angetippt.

Aber ich will wirklich nicht mäkeln. Obwohl schon ausgiebig gemäkelt wird. Über die Inkompatibilität mit einigen Videoprogrammen. Über die Unfähigkeit der Kamera, bewegte Bilder aufzunehmen. Über zu viele Befehlseingaben, nur um ein Telefongespräch zu führen. Über die Batterie, die höchstens acht Stunden durchhält. Undankbares Technologenpack! Klar, das Wunder ist nicht perfekt, aber es bleibt ein Wunder, ein kleines. Ob es in all seiner multifunktionalen Herrlichkeit auch noch die Welt verändert, sollte ebenjene später einmal entscheiden dürfen. Mit Sicherheit hat sich jetzt bereits erwiesen, dass das iPhone ein sagenhaftes Spielzeug und, zumindest in der überschaubaren Gegenwart, auch als Statussymbol voll einsetzbar ist. Steve Jobs hält, was er versprochen hat: Internet, Handy und iPod mit Touchscreen in einem einzigen Gerät zu verquicken. Clever wie er ist, nennt er es eine dreifache Revolution. Beim Spielen im Apple Store fand ich's auch noch ganz schön revolutionär. Aber auf dem Weg nach Hause dachte ich schon wieder: What's next? Wann findet die nächste Revolution statt?

Text: F.A.Z., 07.07.2007, Nr. 155 / Seite Z4
Bildmaterial: AFP

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