10. August 2007 Im Grunde, schreibt Martin Amis bereits auf Seite 29 seines neuen Buchs, war die Debatte beendet, nachdem 1973 und 1975 die ersten beiden Bände von Archipel Gulag erschienen waren. Damit meint er die Debatte über den Kommunismus. Der war 1973 noch ein weltpolitischer Faktor, und trotzdem hielt ihn Amis mit der Publikation der Bücher von Alexander Solschenizyn über das sowjetische Lagersystem für endgültig diskreditiert. Warum schreibt der britische Schriftsteller dann jetzt noch sein Buch Koba, der Schreckliche?
Dieses Buch ist eine Abrechnung mit Stalin, der sich als Kind selbst den Spitznamen Koba gegeben hatte - nach einer in Russland populären literarischen Robin-Hood-Figur. Als Abrechnung mit Stalin ist das Buch auch eine Abrechnung mit dem Kommunismus als Ideal; eine, die Amis auf der Grundlage einer einzigen furchtbaren Zahl vornimmt: den geschätzten zwanzig Millionen Toten, die Stalins Politik im eigenen Land gefordert hat.
Die falsche Wahrheit
Die Abrechnung enthält allerdings noch einen Faktor, der nicht quantitativ zu fassen ist: Koba, der Schreckliche ist im Kern autobiographisch, auch wenn es sich fast ausschließlich mit Stalin beschäftigt. Amis wurde 1949 in Oxford geboren. Sein Vater, der berühmte Romancier Kingsley Amis, war seit dem Einfall der Deutschen in die Sowjetunion 1941 Mitglied der Kommunistischen Partei Großbritanniens. Die Welt, so schreibt sein Sohn, hatte die Wahl zwischen zwei Wahrheiten; und der junge Kingsley entschied sich, wie die überwiegende Mehrheit der Intellektuellen in aller Welt, für die falsche.
Dieser Satz ist grob missverständlich und nur deshalb akzeptabel, weil er im Buch erst einen Absatz nach der Erwähnung des deutschen Angriffs steht. Martin Amis meint mit der zweiten, der richtigen Wahrheit natürlich nicht die der Nationalsozialisten, sondern die Wahrheit über Stalins seinerzeit längst etabliertes Terrorregime. Auch wenn Kingsley Amis sich später zum strammen Antikommunisten entwickeln sollte, will der Sohn den Parteibeitritt seines damals neunzehnjährigen Vaters nicht beschönigen: Die ersten beiden Briefe in The Letters of Kingsley Amis sind die einzigen in einem Buch von 1200 Seiten, in denen ich meinen Vater nicht wiedererkenne. Beide Briefe stammen aus dem Jahr 1941 und nehmen Partei für die Partei.
Der Impfschutz hält
Kingsley Amis sollte bis 1956 deren Mitglied bleiben, als ihm der Ungarn-Aufstand und die Enthüllungen Chruschtschows auf dem 20. Parteitag der KPdSU die Augen öffneten. Er trat dann in die Labour-Partei ein und wählte damit einen ehrlichen Atheismus, wie sein Sohn es nennt. Er selbst, so der Autor, habe dadurch im Alter von sieben Jahren endlich die Schutzimpfung gegen die kommunistische Krankheit erhalten, die ihm bei der Geburt 1949 verweigert worden war. Dieser Impfschutz hält, das beweist Koba, der Schreckliche überdeutlich, bis heute vor.
Das Virus aber, das die Krankheit auslöst, hält Martin Amis immer noch für hochgefährlich. Mehr als das: Es ist mutiert und deshalb womöglich jetzt noch gefährlicher. Das Anzeichen dafür sieht Amis im Gelächter, mit dem Stalin heute oft bedacht wird - und zwar gerade von denen, die ihm einmal treu gewesen sind. Amis zitiert aus den Protokollen des 20. Parteitags die Reaktion des Plenums auf die von Chruschtschow wiedergegebene Äußerung Stalins, dass es trotz seiner Anstrengungen in den dreißiger Jahren immer noch zu viele Ukrainer gebe: wildes Gelächter. Amis führt dazu aus: Man muss schon überlegen, ehe man versteht, aus welchem Grund Bolschewiki das komisch finden können. Belustigten sie die elefantenhafte Plumpheit und das wahnhafte Misstrauen von Stalins Paranoia? Teilweise vielleicht. Wahrscheinlicher jedoch war ihr Gelächter Ausdruck eines noch nachträglich schweren moralischen Schocks, ein Ausdruck schierer Erleichterung darüber, dass solche Ungeheuerlichkeiten jetzt der Vergangenheit angehörten. Sie lachten, weil sie lachen konnten.
Die schwarze Farce
Das ist die einzige Stelle im Buch, an der Amis Verständnis für das Lachen über Stalin zeigt, und es ist bezeichnend, dass dieses Gelächter 1956 erklang, als sein Vater zum Renegaten wurde. Jede spätere Heiterkeit über die Sowjetherrschaft ist für Amis dagegen ein Armutszeugnis: Gelächter wird sich nie von der schwarzen Farce des Bolschewismus trennen lassen; Gelächter wird nie die Hand vor den Mund halten und sich verabschieden, heißt es ganz am Schluss des Buchs. Inzwischen vermögen wir dieses Lachen zu erkennen; wir hören es, wenn wir Zeuge moralischer Verkommenheit werden.
Amis kann nicht verstehen, wie man angesichts von zwanzig Millionen Toten über Stalin lachen kann. Er nennt das Phänomen das Lachen des Vergessens und wappnet sich dagegen mit Pathos, das angesichts der von ihm geschilderten Leidensgeschichten naheliegt, aber bisweilen zu billigen rhetorischen Tricks greift, die sich Amis in seiner erzählenden Prosa wohl verkniffen hätte: An einem Ort, der dem Tod gewidmet ist, heißt es etwa über den GULag, hält man nur durch, wenn man Lebenskraft besitzt: Lebenskraft.
Ein gnadenloser Schlag
Ähnlich beschwörend in der Wiederholung ist die Schilderung der Einführung der Strafmündigkeit mit zwölf Jahren, die Stalin 1935 beschließen ließ, um seine innenpolitischen Gegner Kamenew und Sinowjew, die halbwüchsige Kinder hatten, unter Druck zu setzen: Man stelle sich vor, was für ein gnadenloser Schlag von seiten Stalins das war; man stelle sich das vor. Und schließlich bei der Entscheidung des Diktators, zur Oktoberparade 1941 in Moskau auszuharren, obwohl die von ihm anfangs völlig falsch eingeschätzten Deutschen vorrückten: Mit Fehlurteilen kannte er sich aus; der Initiator der Kollektivierung kannte sich garantiert sehr gut mit Fehlurteilen aus. Aber das hier? Es gibt keinen Historiker, der Stalins Fehlurteil von 1941 nicht für das vielleicht schlimmste der Weltgeschichte hält. Aber er blieb, er blieb da, und er nahm es hin wie den Schnee in seinem Gesicht.
Die Formulierung vom vielleicht schlimmsten Fehlurteil ist verräterisch. So reden nur Leute, die nicht den Mut zur klaren Äußerung haben oder wissen, dass ihre Meinung anfechtbar ist. Tatsächlich gibt es etliche Historiker, die andere Fehlurteile der Weltgeschichte für verheerender halten; man muss nur Bücher über Napoleon oder Hitler lesen. Amis unterstellt seine ganze Argumentation dem Primat der Zahl: Die zwanzig Millionen machen Stalin zum Monster. Dabei wäre er auch eines, wenn er auf seine Art nur ein Tausendstel davon hätte ermorden lassen. Der brillante Stilist Amis wird vom eifernden Essayisten fortgerissen - dass er mit allem recht hat, was er gegen die Sowjetherrschaft anführt, tut nichts zur Sache. Das wusste man, sofern man es wissen wollte, vorher.
Aber Amis will seinen Lesern das zuteil werden lassen, was er selbst 1956 erfuhr: eine Impfung. Als solche rechtfertigt er sein Buch, das er im Januar 2000 als Essay begann und binnen zwei Jahren Recherche auf dreihundert Seiten ausweitete. Eigene Forschung hat er nicht betrieben, die Lektüre von etlichen Metern Bücher über das sowjetische Experiment musste reichen. Was man mit Koba, der Schreckliche zu verstehen lernt, ist die Funktionsweise von Fanatismus: am Beispiel Stalin, aber auch von Martin Amis.
Martin Amis: Koba, der Schreckliche. Die zwanzig Millionen und das Gelächter. Aus dem Englischen übersetzt von Werner Schmitz. Carl Hanser Verlag, München 2007. 296 S., 18 Abb., geb., 21,50 Euro.
Buchtitel: Koba, der Schreckliche
Buchautor: Amis, Martin
Text: F.A.Z., 11.08.2007, Nr. 185 / Seite Z5
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