Von Thomas David
17. Mai 2008Der Entertainer und Autor Rocko Schamoni war schon ein paar Stunden in der Sonne. Er stellt sein Fahrrad ins Büro im Hamburger Schauspielhaus und setzt sich aufs Sofa. Morgen, sagt er, muss er in seinen Pudelclub, zum Zaunstreichen.
Natürlich misstraue ich dem Begriff Mythos“ und möchte so ein Phänomen an meiner Person auch gar nicht wachsen sehen. Mein früheres Kinderzimmer ist längst das Arbeitszimmer meines Vaters geworden, und ich glaube, dass sich zwanzig Jahre nach meinem Tod überhaupt niemand mehr an mich erinnern wird. Auch Lütjenburg wird keinen bleibenden Platz in der deutschen Kultur- und Literaturgeschichte finden, es wäre deshalb von vorn herein sinnlos, irgendwelchen Zementkitt über meine Geschichte und die Stadt zu gießen und den dann auch noch mit Marmor auszumalen. Was den Faust“ betrifft, so bin ich allerdings inzwischen an einen Entwicklungspunkt gelangt, an dem ich an ganz ähnlichen Themen und Problemen hängen bleibe wie Goethe. Dem Versuch zum Beispiel, das sogenannte Böse“ zu erfassen, weil das Böse ambivalent ist.
Alles, was man über mein wunderbares Lütjenburg sagen könnte, wäre noch zu lebendig für das, was dort wirklich los ist. Wenn ich heute mal da bin, gehe ich immer zum Riesensupermarkt und sehe mir die Produktpalette an. Wenn ich Glück habe, wartet am Hansen-Rum-Regal manchmal ein alter Freund auf mich. Als Daniel und ich jung waren, war die Stadt vergleichsweise liberal, deswegen war Punk in Lütjenburg immer ein offenes Spiel.
Es hat uns geflasht, dass wir so brutal sein konnten, aber ich habe schon beim Heben der Mistgabel die Schuld gespürt und es dann auch bei dem einen Huhn belassen. Das mit der Asche war ein Gag, wir hatten damals auch Helmut Kohl im Angebot. Als Punk, der ich seit meiner Konfirmation war, hatte ich enorme Gewaltphantasien, aber die waren nie darauf ausgelegt, jemanden rockermäßig fertigzumachen. Die Gewalt, die im Punkrock ausgeübt wurde, war eher eine aufmüpfige, widerborstige Form von Gewalt, und die Punks, mit denen ich damals zu tun hatte, waren nie derbe Schläger. Wir waren alle eher Spinner.
Tobias war ein vollkommen unaufgeblühtes Wesen, die erste Ausbeulung eines neuwachsenden Astes. Er hatte aber damals schon einen eigenen Stil und ganz klare Vorstellungen, welche Klamotten man tragen und welche Musik man hören müsse. Ich habe mich mit achtzehn oder neunzehn Jahren entschieden, diesen Namen aufzugeben, denn ich wollte ja ein Selbsterfundener sein. Tobias Albrecht ist insofern heute nur noch eine Begriffsbezeichnung, die benutzt wird, wenn man mich auf die Seite des Lebens zitiert, die ich eigentlich verlassen wollte: auf die staatliche Seite also.
Das hat was mit italienischen Filmen zu tun, mit Leuten wie Adriano Celentano. Ich hatte vorher schon diverse andere Namen, Roddy Dangerblood zum Beispiel, aber das klang zu sperrig, das hat man mir nie geglaubt, Rocko Schamoni aber sofort. Heutzutage würde mir ein Name wie Jacques Palminger viel besser gefallen.
Ja, der Name klingt kein bisschen weltgewandt. Er klingt hölzern. Aber diese Namen waren alles frühe Entscheidungen, und Heinz hat in der damaligen Phase seiner Stilausbildung vielleicht mehr Wert auf Humor gelegt als auf einen Namen, mit dem man zwanzig Jahre später auch noch in einem Spielfilm auftreten kann. Ich dachte zuerst natürlich, dass er bürgerlich Strunk heißt, bis er mir dann eines Tages von Mathias Halfpape erzählte. Jacques Palminger nannte sich vorher Heiner Walton.
Was Vergangenes angeht, können wir uns den Neid schenken, dafür gibt es ja bei jedem von uns zu viel, das nicht beneidenswert ist. Wir sind aber gemeinsam eine Art Kleinstzelle, in der wir genau darauf achten, dass wir alle immer miteinander auf Augenhöhe bleiben. Ab und zu gibt es stoffeliges Verhalten untereinander, und das ist nervig, weil ich dann immer der Leidtragende bin. Jacques und Heinz haben nämlich ein romantisches Verhältnis zu Zeit und Raum. Ich nicht.
Der Begriff stammt von Jacques Palminger, der daran auch immer noch weiter herumschnitzt. Wir wussten am Anfang selber nicht, was wir eigentlich tun. Wir verfolgten wahrscheinlich die Tradition der Neuen Frankfurter Schule und spielten ein wenig mit dem, was wir von Monty Python verstanden haben. Bindeglied zwischen diesen Klassikern und uns ist jemand wie Helge Schneider, der durch das konsequente Weglassen von Pointen, von Sinn und Inhalt einen neuen Weg aufgewiesen hat. Ein Großteil des Braunschen Humors entsteht durch Übersprungshandlungen. Wenn wir uns treffen, reden wir erst mal eine halbe Stunde über Liebe, Depressionen und Alkohol, und dann ist das Tau aus diesen drei Fasern wieder so gut eingedreht, dass man jede noch so große Elendsgeburt von einem Witz dranhängen kann.
Manchmal lache ich aus Überraschung, weil ich mit einer Pointe selber nicht gerechnet habe. Studio Braun“ sucht nach Überhöhung, wir versuchen, durch die Kraft von drei Gehirnen sehr schnell vorneweg zu denken. und so schnell Haken zu schlagen, dass wir manchmal selber nicht hinterherkommen und das Publikum sowieso nicht. Der Zuschauer versucht einen Gag zu verstehen, und in dem Moment, wo ihm das fast gelungen ist, schlagen wir den Haken in eine andere Richtung und folgen einer neuen Spur. Das ist der Trick. Du wirst den Witz nie auflösen können, du bekommst keine Antworten, du wirst nur in einen Zustand der permanenten Bewegung versetzt. Das ist für mich der Inbegriff der Kunst. Jeder Witz ist ein neues Fragezeichen, und Fragezeichen heißen für mich, in Bewegung zu sein, zu denken und zu leben.
Ich suche nach Sinnauflösung. Ich möchte, dass Sinn aufhört.Das ist Teil meines anarchistischen Kunstverständnisses. Ich versuche in einer eigentlich sinnlosen Welt permanent, nach sinnvollen Strukturen zu leben und sinnvoll zu agieren. Das Schönste aber ist, wenn dieser verfluchte Sinndruck nachlässt und ich es schaffe, den Sinn für einen Moment komplett zu zerstäuben. Dann scheint alles frei zu sein und zu fliegen. Das ist dann der Akt völliger Befreiung, und man fühlt sich nur noch wie der Gott des Seins.
Mit allem, und das schlimme ist, dass die Begrifflichkeit von Handel und Ausverkauf ja nicht einmal mehr thematisiert wird. In der breiten Öffentlichkeit scheint mir diese Welt nur noch als ein einziger verhandelbarer und zu verkaufender Gegenstand wahrgenommen zu werden. Als fusionierende Endfirma kurz vor dem totalen Zusammenbruch stehen wir inzwischen an dem finalen Punkt, den Marx schon im Kapital“ beschrieben hat.
Recht hat er, aber in Deutschland sind die meisten längst unter dem Fahrradhelm der Feigheit versunken. Erlaubt ist, was verwertbar und nützlich ist, und alles, was nicht nützlich ist, wird abgeschafft. Rauchen zum Beispiel. Geld zum Hauptwert einer Gesellschaft zu machen heißt, diese Gesellschaft feige und kalt zu machen. Ich möchte mein eigenes Leben leben und meinen eigenen Tod sterben dürfen. Vielleicht möchte ich ja gar nicht möglichst lange sehr gesund leben.
Ich halte den Tod für die einzige Freiheit, die der Mensch hat, und bin mit meinen zweiundvierzig Jahren jederzeit bereit, mich nicht mit ihm auseinanderzusetzen.
Oh, Scheiße. Echt wahr?
Aber die haben wir doch, und zwar auf erschreckende Weise. Sehen Sie sich doch die prosiebenisierte Welt an, in der wir leben.
Genau, sie ist furchterregend. Deutschland steckt in einer Sackgasse des schlechten Humors, in der Bully jeden Abend seine starken Männer sucht, in der es nur noch darum geht, irgendwo die letzten Kalauer rauszuschlagen. Es kann natürlich sein, dass auch die Arbeit von Studio Braun“ eines Tages vorhersehbar und durchschaubar wird und dass wir dann auch nur noch Klischees erzeugen, über die man müde lächelt. Aber solange wir uns selbst überraschen können, habe ich keine Angst davor. Wir pflegen unseren Humor immer mit einer leichten Dusche aus Alkoholika, und das Leiden danach regt den Humor dann noch mehr an, weil man den Kater und das Leben an sich eigentlich nur noch damit kompensieren kann.
Den verdanke ich ganz am Anfang Daniel Richter. Daniel fand meine Punkmusik früher immer Scheiße. Dann habe ich im Jugendaufbauwerk mal mit einem schwer erziehbaren, zurückgebliebenen Jugendlichen einen Song gemacht, den wir zu Hause bei Richters in der Küche Daniel vorgespielt haben. Daniel sagte sofort: Das isses. Alles andere ist Quatsch.“ Ich habe selbst zwar gar nicht verstanden, was er daran gut fand, aber Daniel kannte sich aus mit Musik. In Punkkreisen war mein Schulterschluss mit der vermeintlichen Schlagerhaftigkeit ebenso verpönt wie bei meinen Eltern, und ich hatte zum ersten Mal das schöne Gefühl, dass mir keiner folgen konnte.
Die Wahrheit ist doch, dass die Mario Barths dieser Welt den Ruhm haben und nicht wir. Aber das Risiko des Ruhms ist, dass man ähnlich ausgehöhlt wird wie diese Leute und vielleicht sauberer wird, als man eigentlich sein möchte. Ich möchte gern schmutzig sein. Ich glaube übrigens auch, dass anarchistische Kräfte in den sogenannten Tempeln der Hochkultur wie dem Schauspielhaus in gefällige Energien transformiert werden können. Das Saubere färbt auf uns ab, und das ist gefährlich. Von einem anarchistischen Standpunkt aus gesehen, dürften wir das eigentlich gar nicht machen, aber es macht Spaß, verschmutzenderweise durch weiße Landschaften zu gehen und für einen kurzen Moment zu irritieren. Wenn wir das zu lange machen, wird man von dem Schmutz nichts mehr spüren, und wir werden rein gewaschen sein. Man muss immer wieder abtauchen und sich neu verspacken.
Spackigkeit ist die vielleicht beste Möglichkeit, deinen Glanz wieder mit einer Schicht von Dreck zu überschmieren. Spackigkeit ist eine freudvoll zugegebene Fehlerhaftigkeit, die Bereitschaft, in jeder Sekunde über die Stränge zu schlagen und dir den Ruf zu versauen. Für viele, die jetzt zu den Dorfpunks“ ins Schauspielhaus laufen, macht genau das den Glam unserer Arbeit aus. Heinz Strunk, Jacques Palminger und ich haben die Spackigkeit im Blut, wir haben alle drei einen Hau und sind bereit, unsere Fallhöhe möglichst hoch zu schrauben. Spackigkeit ist der Schmutz, der glänzt.
Es wird vielleicht noch Leute geben, die eines meiner Bücher im Regal ihrer Eltern entdecken und sagen: Das ist aber schön.“ In vierzig Jahren ist es damit dann aber auch vorbei. Elvis wird vielleicht dreihundert Jahre überleben, aber ich maße mir nicht an, auch nur einen einzigen Schritt in der Geschichte zu hinterlassen. Ich bin einer, der gewesen sein wird. Man wird von mir sagen: Den hättest du mal lebend erleben sollen.“ Wenn ich einmal tot bin, verliert meine Gestalt sofort alle Kraft, die sie hat, nämlich die des Lebens.
Ich vergesse Heinz’ Geburtstag sonst eigentlich immer und freue mich wirklich sehr, daran erinnert zu werden. Also, Heinz, mein lieber Heinz: Auf diesem Wege ganz herzliche Glückwünsche von deinem alten Freund Rocko Schamoni.
Zur Person
Rocko Schamoni wird 1966 als Tobias Albrecht in Lütjenburg geboren. Auf Empfehlung seiner Eltern absolviert er eine Töpferlehre, die ihm noch heute nützt, wenn er für den von ihm gegründeten Hamburger Golden Pudel Club neue Lampen töpfern muss.
1988 veröffentlicht Schamoni sein erstes Album, zehn Jahre später komponiert er die Musik für Elfriede Jelineks Sportstück am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg.
Seit 1998 feiern Schamoni, Heinz Strunk und Jacques Palminger als Studio Braun große Erfolge.
Schamonis erstes Buch Risiko des Ruhms erscheint im Jahr 2000, vier Jahre später dann Dorfpunks. Der autobiografische Roman verkauft hunderttausend Exemplare. Auf Schamonis Vermittlung erhält auch Heinz Strunk einen Buchvertrag für Fleisch ist mein Gemüse.
Im April 2008 hat die von Studio Braun inszenierte Bearbeitung der Dorfpunks Premiere am Deutschen Schauspielhaus. Die nächste Aufführung ist am 18. Mai.
Text: F.A.Z.