Von Tobias Hülswitt
22. Februar 2008 Ray Kurzweil ist klein und sehr freundlich. Für das Gespräch in seinem Büro in einem Vorort von Boston nimmt er sich so viel Zeit, als habe er unendlich viel davon. Neben uns, auf seinem Schreibtisch, stehen die gesammelten Abenteuer des Science-Fiction-Helden Tom Swift Jr., die er als Junge verschlungen hat.
Ovid beendete seine Metamorphosen mit den Versen: Die Menschen werden mich lesen, und im Gedächtnis aller Zeiten / Werde ich . . . leben. Wie klingt das für Sie?
Bis vor kurzem hatten wir keine Möglichkeit, die scheinbare Zwangsläufigkeit von körperlichem Verfall und Tod aufzuheben. Unser Bewusstsein kommt uns jedoch nicht vergänglich vor, sondern scheint dauerhaft. Trotzdem müssen wir beobachten, dass Menschen sterben. Also haben wir verschiedene Theorien entwickelt, warum sie, auch wenn ihr Leben zeitlich begrenzt scheint, in Wahrheit ewig leben: durch Wiedergeburt, in einem ewigen Leben im Himmel oder im Gedächtnis der Nachfahren. Und wir erdenken philosophische Gründe, warum der Tod etwas Positives und Befreiendes ist und es nicht gut wäre, das Leben ins Unendliche zu verlängern.
Die Verdrängung der Tatsache, dass der Tod eine unermesslich schreckenerregende Vorstellung ist - ganz zu schweigen von dem Leiden, das damit einhergeht -, ist weit verbreitet. Wir hängen an unseren Rationalisierungen, die es uns erlauben, im Angesicht der heraufziehenden Tragödie weiterzumachen. Solange wir keine Alternative hatten, war das vernünftig. Heute haben wir allerdings eine Alternative. Auch wenn wir die nötigen Mittel noch nicht zur Hand haben, besitzen wir doch das Wissen, wie wir bis zu dem Zeitpunkt leben können, an dem sie zur Verfügung stehen werden. Mit dem heutigen Wissen können selbst Angehörige meiner Generation in fünfzehn Jahren noch bei guter Verfassung sein. Dann wird es möglich sein, unser biologisches Programm durch Biotechnologie zu modifizieren, was uns lange genug leben lassen wird, bis uns die Nanotechnologie befähigt, ewig zu leben.
War die Angst vor dem Tod der Ausgangspunkt Ihrer Arbeit?
Nein. Mein Denken besitzt zwei Ursprünge. Ich bin Erfinder, und meine Produkte sollen das richtige timing haben. Die meisten Erfinder scheitern nicht, weil ihre Ideen schlecht sind, sondern weil ihr timing falsch ist. Deshalb untersuchte ich technologische Trends und sah, dass die Entwicklungen der Rechnerleistung und der Leistungsfähigkeit von Kommunikationstechnologien vorhersagbar ist. Ich arbeite heute mit zehn Leuten, die Daten aus verschiedenen Feldern zusammentragen, anhand deren wir mathematische Modelle entwickeln. Diese ermöglichen uns genaue Prognosen. Auf diese Weise haben wir zuletzt eine taschenformatgroße Lesemaschine für Blinde entwickelt.
2002 errechneten wir, dass die dafür benötigte Technik 2006 - in der richtigen Größe, mit der richtigen Leistungsstärke und zum richtigen Preis - zur Verfügung stehen würde. Also begannen wir die Entwicklung 2002, um 2006 mit dem Produkt fertig zu sein. Mit denselben mathematischen Modellen kann man nun nicht nur fünf oder zehn, sondern zwanzig, dreißig Jahre vorausschauen. Wegen der explosiven Natur der exponentiellen Beschleunigung technischer Entwicklung und weil Informationstechnologien dieser Beschleunigung unterliegen, kam ich zu dem Schluss, dass 2045 die Singularität stattfinden wird: das Ereignis also, hinter das wir von heute nicht weiter in die Zukunft schauen können, da dann artifizielle Intelligenz die menschliche überholen wird.
Sie erwähnten einen zweiten Urspung . . .
Der liegt darin, dass ich an Diabetes Typ II erkrankte, als ich fünfunddreißig war. Die herkömmliche Herangehensweise machte es schlimmer. Also ging ich das Problem als Ingenieur und Wissenschaftler an. Ich sammelte Informationen und heilte so mein Diabetes durch Nahrungsergänzungsmittel und Umstellungen im Lebensstil; heute bin ich völlig symptomfrei. Damals begriff ich, dass man Gesundheitsprobleme mit der richtigen Kombination von Ideen überwinden kann. Und wenn es mit Diabetes möglich ist, dann kann man, zumindest ich, das mit jeder Krankheit tun.
Schließlich bekam ich ein weiteres Gesundheitsproblem: das sogenannte mittlere Alter, diese Beschleunigung des Alterns von Menschen um die fünfzig. Ich glaube, ich habe auch diese Herausforderung gemeistert. Bei bestimmten Alterstests kommt bei mir vierzig heraus, obwohl ich sechzig bin. Ich messe regelmäßig sechzig verschiedene Blutwerte, zudem mein Gedächtnis, die Reaktionszeit und das Tastempfinden. In fünfzehn Jahren, wenn ich chronologisch 75 Jahre alt bin, möchte ich biologisch 38 sein. Dann werden wir unsere Biochemie neu programmieren können, und später kommen die Nanobots, winzige Roboter, die wir in unseren Blutkreislauf einspeisen.
Sind Sie der Gründer einer neuen Religion?
Alle unsere großen Religionen sind in vorwissenschaftlichen Zeiten entstanden. Sie teilen uns etwas über die Menschheit mit, indem sie uns sagen, was uns wichtig ist: Wir wollen den Tod und die Krankheit und das Leiden überwinden. Sie geben uns Einsicht in die Ziele der Menschheit, nur hatten wir nicht die wissenschaftlichen Kenntnisse, um tatsächlich etwas in dieser Richtung zu bewirken. Ich bin nicht von religiösen Geboten oder Vorstellungen ausgegangen, wie das Leben sein sollte. Meine Ideen haben einen wissenschaftlichen Hintergrund. Sie klingen womöglich ähnlich wie manche Religionen, was den Wunsch betrifft, Tod und Leiden zu besiegen und unsere Beschränkungen zu überwinden.
Aber sie gründen nicht auf Glauben, sondern auf wissenschaftlicher Betrachtung technologischer Trends, und auf Untersuchungen, warum sich Technologie in bestimmter Weise entwickelt und inwiefern sie eine Fortsetzung der Evolution ist, die sie erst hervorgebracht hat, und was dies für uns bedeutet. Womöglich drückte sich in den Religionen die Vorahnung aus, dass wir irgendwann die Mittel besitzen würden, die Beschränkungen der Sterblichkeit tatsächlich zu überwinden. Ihre Begründer hatten keine Ahnung, wie das gehen sollte, aber sie wussten, dass es einen Weg geben musste. Vielleicht sind meine Gedanken ein Amalgam religiöser Ziele - Transzendenz und die Befreiung von Leiden und Tod -, doch sie gründen auf einer realen und praktischen Vision davon, wie diese Ziele zu erreichen sind.
Werden wir durch die Verbindung von Mensch und künstlicher Intelligenz fähig sein, unser Wissen und sogar persönliches Erleben kabellos direkt von Hirn zu Hirn zu übertragen?
Unser Körper scheint eine festgelegte physische Form zu besitzen. Unsere Gehirne sind in einem Schädel eingesperrt und überlappen nicht physisch mit anderen Gehirnen. Daher pflegen wir die Vorstellung der einzigartigen Identität jedes einzelnen Individuums. Computer sind anders. Man könnte eine Million von ihnen nehmen und einen einzigen Prozessor daraus machen, und danach könnten es wieder eine Million Computer werden. Sprich: Computer können sich mitsamt ihrer Identität und all ihrer Software problemlos mit anderen Computern verbinden und sich wieder isolieren. Die Identität eines Computers beruht auf seiner Software. Wenn Ihr Notebook stirbt, können Sie die Software einfach von einem Back-up auf einen anderen Computer spielen, und Ihr Notebook ist wieder am Leben.
In Bezug auf uns selbst leben wir mit der Vorstellung, dass die Software sterben muss, wenn die Hardware kaputtgeht - denn das ist der Tod: Unsere Hardware geht kaputt. Bei Computern haben wir diese Erwartung nicht. Indem wir also unsere Biologie immer mehr ablegen und computerähnlicher werden und uns mit unseren Computern verbinden, bis schließlich der Computeranteil unserer Intelligenz eine Milliarde mal leistungsstärker sein wird als ihr biologischer Anteil, werden wir dieselben Fähigkeiten besitzen. Wir werden unsere Intelligenz verschmelzen und uns wieder trennen können, genauso, wie es Computer heute tun. Wenn wir tiefer in das Bewusstsein eines anderen Menschen eindringen können, indem wir unser Denken mit seinem auf intimste Weise, mit Hilfe nichtbiologischer Intelligenz, verbinden, so wird sich das sehr positiv auf das Mitgefühl und das gegenseitige Verständnis auswirken.
Der Dalai Lama empfindet die universelle Verbundenheit der Menschen vielleicht heute schon. Warum sollten wir anderen, wenn wir es heute nicht können, in der Zukunft, die Sie beschreiben, darin besser werden?
Wir teilen Wissen und Ideen auch heute durch Sprache und sind in der Lage, mit anderen Menschen mitzuempfinden. Und wir haben die Gehirnstrukturen, die Neuronen und Spindelzellen, die uns das Mitfühlen und Miterleben bis zu einem gewissen Grad ermöglichen, im Gehirn ausgemacht. Und wir besitzen bereits eine gewisse Fähigkeit, unser Denken zu denkenden Entitäten zu verbinden, die aus vielen verschiedenen Menschen bestehen. Kommunikationstechnologien wie das Internet erlauben es uns, weltumspannend zu kommunizieren und Gemeinschaften zu schaffen, die vor einigen Jahrzehnten noch nicht existierten. Dies sind zutiefst demokratisierende Technologien. Wenn Sie nun sagen, der Dalai Lama empfinde die universelle Verbundenheit der Menschen schon heute - gut, seine Fähigkeit, mitzuempfinden, mag besser entwickelt sein als bei anderen, aber letztlich ist er doch ein Mensch, und seine Möglichkeiten, sich in andere hineinzuversetzen, sind begrenzt. Gedankenlesen kann er nicht.
Um den Alterungsprozess zu verlangsamen, nehmen Sie 250 Nahrungsergänzungspillen pro Tag.
Ich bin mittlerweile auf zweihundert, durch Effizienzsteigerung. Ich nehme allerdings nicht einfach willkürlich irgendwelche Mittel, geleitet von Aberglaube oder vagen Ahnungen. Mein Programm ist sehr konservativ, auch wenn es aggressiv wirken mag. Es stehen wissenschaftliche Beweise hinter allem, was ich tue und empfehle. Wenn etwas zu Recht umstritten ist, wie menschliche Wachstumshormone, dann nehme und empfehle ich es nicht. Und mit Mitteln, über deren Wirkungen wir nicht genug wissen, experimentiere ich nicht. Außerdem führe ich, wie gesagt, regelmäßig zahlreiche Tests durch, um zu sehen, wie es mir geht. Ich mache das seit zwanzig Jahren, und es geht mir sehr gut. Mein Cholesterinspiegel, der vor fünfundzwanzig Jahren bei 2,80 lag, liegt heute bei 1,30, und ich könnte viele andere Werte aufzählen, die ideal eingestellt sind. Meine Hormonspiegel entsprechen einem Dreißig- oder Vierzigjährigen, und ich bin sechzig. Ich schlafe gut, und ich bin immer noch sehr produktiv.
Wann nehmen Sie all diese Pillen?
Über den ganzen Tag verteilt.
Denken Sie manchmal, der Tod könnte eine interessante Erfahrung sein, die Sie verpassen werden?
(Überlegt lange.) Na ja - man kann kaum wissen, wie diese Erfahrung sein wird.
Ich kenne sogar Leute, die sagen, es wird eine grandiose Erfahrung.
(Lacht.) Und dann, was passiert danach? Es gibt ja Menschen, die in diesen Prozess eingetreten sind, die für klinisch tot erklärt worden und zurückgekommen sind. Sie haben nichts Transzendentales zu berichten. Wenn es dort schöne Prozesse gibt, dann werden wir sie erfahrbar machen können, ohne zu sterben. Wir müssten nur herausfinden, was für Prozesse das wären. Ich denke, die Einstellung der Leute, die Sie erwähnt haben, ist nur eine weitere Rationalisierung, um sich einzureden, dass der Tod etwas Gutes ist, um nicht der Tatsache ins Auge zu sehen, dass er in Wahrheit eine furchtbare Tragödie ist.
Der Papst hat, indem er den Philosoph Gabriel Marcel zitierte, gesagt: Einem Menschen zu sagen ,ich liebe dich' heißt: ich weigere mich, deinen Tod anzunehmen, ich protestiere gegen den Tod. Wird die Liebe noch existieren, wenn wir nicht mehr sterben?
Jemanden zu verlieren, den man liebt, ist der größte Schmerz. Wir lieben jemanden nicht, weil er tot ist oder weil er sterben wird. Die Liebe ist vielmehr der höchste Ausdruck des Lebens. Sie ist das beste Mittel, das wir besitzen, um mit einem anderen Menschen zu verschmelzen, und diese Art der Verschmelzung wird in der Zukunft noch intensiver werden. Der Tod wirkt jedoch an der Liebe nicht mit, sondern er raubt uns die Liebe.
Zur Person
Raymond Kurzweil wird am 12. Februar 1948 als Sohn einer jüdischen Familie im New Yorker Stadtteil Queens geboren. Er studiert am Massachusetts Institute of Technology.
1983 gründet er die Firma Kurzweil Music Systems für elektronische Musikinstrumente. Stevie Wonder ermutigt ihn dazu - aus Begeisterung für die Erfindung Kurzweils einer Lesemaschine für Blinde.
Zu Kurzweils weiteren technischen Schöpfungen zählen ein Gerät, das jede Schriftart entziffern kann, der berühmte Synthesizer Kurzweil K 250 sowie ein Spracherkennungsprogramm.
Vieles von dem, was Kurzweil in seinen Büchern, etwa 1990 in The Age of Intelligent Machines, prophezeit, ist heute längst Alltag: Computer schlagen Schachgroßmeister; das Internet durchdringt unser Leben.
Kurzweil wird 2002 in die National Inventors Hall of Fame aufgenommen und erhält die National Medal of Technology.
2005 erscheint The Singularity is Near.
Text: F.A.Z., 23.02.2008, Nr. 46 / Seite Z6
Bildmaterial: Burkhard Neie
