Von Dieter Bartetzko
20. Juli 2008 Im Sommer wird in Pompeji die Luft abends wie Seide. Vom Meer her weht eine sanfte Brise über den hohen Hügel, auf dem sich die Ruinen der antiken Stadt ausbreiten. In ihren Straßen, deren schartige Konturen die Abendsonne weich macht, ist es dann ganz still; die Touristen verlassen gegen siebzehn Uhr das Gelände, die hartnäckigen Schwärmer, die bis zur offiziellen Schließung bleiben, verlieren sich im Gewirr der Gassen, Plätze und Viertel.
Wir schlendern die Via del Mercurio hinunter, die zum Forum führt. Der Blick fällt auf den zierlichen Triumphbogen, der Straße und Platz verbindet. Überlebende haben vor fast zweitausend Jahren seinen Marmor demontiert. Das sanfte rote Glühen des zurückgebliebenen ziegelsteinernen Kerns entschädigt für den verschwundenen Glanz. Die Bogenöffnung rahmt das Panorama der mächtigen Monti Lattari, die bläulich im Abendlicht verschwimmen. Georg Hackert, der Landschaftsmaler der Frühromantik, wäre hingerissen.
Pompeji ist Notstandsgebiet
Vor dem Triumphbogen balgen sich zwei magere Promenadenmischungen. Der feine Sand zwischen den Platten des blank geschliffenen Straßenpflasters aus Lavagestein umwirbelt ihre Körper. Die Hunde bemerken uns erst nicht. Als ein lauter Schritt sie doch alarmiert, verwandeln die beiden sich schlagartig: Sie lassen die Lefzen hängen, ihr Rückgrat sinkt ein, sie schleppen sich mit müdem Blick auf uns zu; einer hinkt sogar. Als deutlich wird, dass nichts für sie abfallen wird, wenden die Streuner sich ab und setzen, als hätte es uns nie gegeben, ihren Scheinkampf fort.
Es sind Hunde wie diese, von denen sich Besucher des Weltkulturerbes Pompeji belästigt fühlen. Die italienische Regierung hat es soeben zum Notstandsgebiet erklärt und einen Sonderkommissar berufen - natürlich nicht allein wegen der Hunde, von denen es hier weitaus unangenehmere Exemplare gibt, sondern vor allem wegen der Raubgrabungen, die hier unvermindert weitergehen, wegen der skandalösen hygienischen Zustände und der fehlenden Toiletten für Touristen, wegen der Einsturzgefahr: Auf den Trümmern vom Pompeji wachsen immer neue. Geht es so weiter, könnte das Areal auf der Roten Liste landen. Die italienische Sektion der Unesco will das aber nicht kommentieren.
Es gehen die Geister um
Doch in der ausgegrabenen Stadt gehen schon jetzt die Geister um. Meist sind es Abgüsse toter Pompejaner, deren Leiber bei der Katastrophe von Asche bedeckt wurden, die sich verfestigte und so die Umrisse der verwesten Körper als Hohlformen bewahrte. Die Faszination, die von diesen Mischwesen aus Leben, Tod und Kunst ausgeht, hat sich in einer anhaltenden Flut von Pompeji-Romanen niedergeschlagen.
Die "wilden Hunde von Pompeji" hat Helmut Krausser erst vor ein paar Jahren verewigt. Begonnen hat es aber mit dem Abdruck einer jungen Frau, die in der sogenannten "Villa di Diomede" ums Leben kam und 1835 Edward Bulwer das Vorbild für die dekadente Julia seines Klassikers "Die letzten Tage von Pompeji" lieferte. Derselbe Abdruck führte zu Théophile Gautiers Schauernovelle "Arria Marcella" und Wilhelm Jensens Phantasiestück "Gradiva". Der gleichen Faszination verfallen, schrieb Philipp Vandenberg 1986 rund um den Abguss eines Mannes, dessen Gesicht der Todeskampf zu einem scheinbar sardonischen Lächeln verzerrte, seinen Roman "Der Pompejaner", und im Finale seines Bestsellers "Pompeji" von 2004 erzählt Richard Harris furios die Todeskämpfe nach, die in der Haltung und den Gesten der Gipsleichname festgehalten sind.
Vom Vesuv versiegelt
Ob Schund oder Kunst: all diese Erzählungen fesseln, weil sie vom unausweichlichen Schicksal handeln - und von jenem Menetekel, zu dem Pompeji wurde, als der Vesuv es in einer Zeitkapsel versiegelte. So unweigerlich, wie alle Pompeji-Romane mit dem Massensterben enden, geht deshalb in ihnen dem Tod das pralle mediterrane Leben voran, die Vitalität der einstigen Pompejaner, die Schönheit ihrer Bauten und Kunstwerke, die Üppigkeit ihrer Gärten, die Fruchtbarkeit ihrer Felder; kaum etwas fesselt so wie hoffnungslos zum Untergang verurteilte Schönheit.
Trotz alledem stemmt sich die italienische Politik jetzt offenbar gegen den Verfall. Kürzlich ließ die Soprintendenza von Pompeji mehrere der großen Weingärten, die man am südöstlichen Stadtrand ausgegraben hat, wiederbepflanzen. Wer das Glück hat, eine der meist verschlossenen Pforten der ummauerten Areale offen zu finden, möchte Stunden dort bleiben. Die stechende Sonne bricht sich tausendfach in den kristallinen Einsprengseln des Mauerwerks ringsum, von den bewässerten Böden und den feucht glänzenden Weinblättern steigen Kühle und ein opakes Zauberlicht auf, das man auch in den antiken Stillleben Pompejis findet; der Abstand zwischen einst und jetzt schmilzt, die tote Stadt scheint auferstanden und das Leben ewig oder doch in der Schwebe zwischen Dauer und Ende.
Duft von Kräutern und Blumen
In diesem Jahr lädt ein neuer intimer Botanischer Garten ein. Zu ihm führt eine schmale Sackgasse, die an Pompejis einst von lautstarken Bürgern, heute von lärmenden Touristen bevölkerter Hauptstraße abzweigt. Am Ende des Torwegs öffnet sich ein schmales Portal auf einen überraschend weitläufigen Garten, der wohl einst das Herzstück eines Patrizierhauses gewesen ist. Nun gedeihen hier Rückzüchtungen von Blumen, Kräutern und Nutzhölzern des antiken Pompeji. Die Luft flirrt, Schattenspiele aus Spalieren hindern erst die Sicht, dann werden sie zur Wohltat. Eine Insel, deren Stille sich auf alle überträgt.
Feine Rauchschwaden ziehen über die Ziersträucher. Sie quellen aus einer Tonschale, in der, angenehm würzig und doch leicht, Kräuter und getrocknete Blumen schwelen. So, teilt uns eine hübsche junge Frau mit, pflegten die Reichen im antiken Pompeji ihre Villen mit Wohlgerüchen zu füllen. Sie verkauft Duftöle - das antike Pompeji war bekannt für die Produktion besonders intensiver und dauerhafter Parfüms -, die nach Originalrezepten zubereitet und in Nachbildungen antiker Glasphiolen versiegelt sind; Zimt, Rosen, Veilchen, Lavendel und Lilien, aber auch Basilikum, Rosmarin, Fenchel oder Thymian sind Grundbestandteile. Der Duft dieser oft obskuren Mischungen ist überraschend frisch und angenehm.
Im heutigen Pompeji sind Nelken ein Hauptausfuhrprodukt. Sie werden in riesigen Gewächshäusern gezüchtet. Parfüms werden nicht mehr hergestellt. Die Allerweltsaromen penetranter Deodorants und Erfrischungstücher überfallen einen, sobald man das antike "Lupanar" erreicht hat, vor dem schwitzende Touristen Schlange stehen. Das Gebäude, es war eines von mehreren armseligen Bordellen für Matrosen, Hafenarbeiter, Winzer und Lastenträger, steht versteckt in einer idyllischen, abschüssigen, krummen Gasse. Trotzdem ist es eine Attraktion, die jeder findet, um die pornographischen kleinen Fresken und obszönen Graffiti über den zellenartig gereihten, engen Kammern zu betrachten, in denen gemauerte Betten fast den gesamten Raum ausfüllen.
Rostige Drahtnetze schützen vor herabfallendem Putz
Vor zwei Jahren schloss man den vom stetigen Besucherstrom verschlissenen Bau zwecks Restaurierung. Jetzt präsentiert er sich in Hochglanz; die ausgemergelten hölzernen Türstürze und Holztüren sind erneuert, die Wände gereinigt, die Fresken reflexfrei verglast, die neue Beleuchtung raffiniert. Je nach Temperament und Weltsicht reden die Besucher im Lupanar von Laster oder Freizügigkeit. So oder so sind sie Akteure eines jahrtausendealten Spiels: "Pecunia non olet" - dass die Anziehungskraft des Lupanars auf die heutigen Besucher und auch seine rasante Restaurierung denselben Gesetzen folgen, die in jedem Rotlichtviertel von heute herrschen, zeigt der Vergleich mit Pompejis "Casa dei Vettii", einem reichen Kaufmannshaus in Forumsnähe, das im selben Jahr und mit derselben Begründung wie das Lupanar geschlossen wurde.
1906 hatte man es wegen seines außergewöhnlich guten Zustands schon während der Ausgrabung vollständig restauriert und als Musterbeispiel einer pompejanischen Stadtvilla geöffnet. Etwa hundert Jahre lang war sie ein Muss für jede Pompeji-Besichtigung, genauso lange geschah nichts zum Erhalt der morschen Mauern. Jetzt sind die schäbigen rostenden Drahtnetze - irgendwann unter die Decken der Prunksäle genagelt, um den herabfallenden Putz aufzufangen - vom Gewicht des Schutts zum Zerreißen gespannt. Ein Schild wurde angebracht, "Wegen Restaurierung geschlossen", seither hat sich nichts getan.
Die Attraktion der Attraktion in der "Casa dei Vettii" war und ist ein Fries auf tizianrotem und schwarzem Grund. Hauchfein delikat gemalt, zeigt er zierliche Eroten als Goldschmiede, Winzer, Parfümverkäufer und Priester. Die Besucher werden sich auf unabsehbare Zeit mit den Postern begnügen müssen, die jeder Buchladen und Andenkenstand rings um die Ausgrabungen anbietet. Verkaufsschlager sind auch die Reproduktionen eines Freskos vom Eingang des Hauses und einer Marmorstatuette aus einem Nebenbau. Beide stellen Priapus dar, das Gott gewordene männliche Geschlecht. Auf dem Wandgemälde erscheint er als Glücksbringer; ein muskulöser Orientale mit phrygischer Zipfelmütze, der sein überdimensionales Glied auf einer Goldwaage wiegt. Die Marmorfigur dagegen, ursprünglich im Garten zur Abwehr von Dieben und Dämonen aufgestellt, präsentiert einen maliziös lächelnden Jünglingsgott, der seine Erektion so warnend hält wie ein Gladiator die Lanze.
Pornographisch missverstandene Kunstwerke
Das Gemunkel der bigotten Ausgräber von 1906, der Hausherr habe auf diese Weise seine dekadenten homosexuellen Neigungen gepflegt, ist vergessen. Deswegen vielleicht wird an der "Casa dei Vettii" nicht so schnell gearbeitet wie am Lupanar. Ansonsten aber funktioniert die Verwertung der Erotika bestens. Kein Stand, an dem nicht Bilder und kleine billige Repliken sämtlicher als pornographisch missverstandener pompejanischer Kunstwerke zu haben sind. Oft in stiller Eintracht mit christlichem Kitsch, der in Neu-Pompeji, einem der bedeutendsten Marien-Wallfahrtsorte Italiens, reißenden Absatz findet. Dementsprechend baumeln an den Hälsen junger Männer, die ebenso gut Ministranten in der Marienkirche des neuen wie Aufseher im Lupanar des alten Pompeji sein könnten, Goldkreuze und kleine Phalloi aus Korallen, die denen, die im antiken Pompeji ausgegraben wurden, sehr gleichen. Doppelmoral? Oder das Doppelgesicht zeitlosen fetischistischen Aberglaubens? Wohl beides.
Pompejis Handel mit und Glaube an all diese Erotika ist der Brennspiegel dafür, dass neben allem kulturellen Engagement Profitgier die Welterbestätte regiert. Zu ihr gehört auch Willkür, wie sie sich im absurden Ungleichgewicht des Bauens in dieser Region zeigt. Sichert einerseits nicht einmal der beschriebene Priapismus der "Casa dei Vettii" die dringend notwendige Restaurierung, wachsen andererseits am Rand der Ausgrabungen Neubauten in Windeseile: Ein futuristisch gestalteter neuer Eingang entsteht, ein weiterer samt Buchladen ist - zwei Schritt von einem erst vor wenigen Jahren eröffneten Hauptzugang - inzwischen in Benutzung. Daneben wird an einem Großbau für die Soprintendenza gearbeitet, in dessen Nähe eine monumentale Halle und ein kubistisch verschachtelter Betonbau hochgezogen werden, beide unerfindlicher Bestimmung. Bauschilder sind in Pompeji unüblich.
Das Bild dieser Baustellen im Kopf, steht man dann verschwitzt und durstig vor einem der Brunnen, die an jeder wichtigen Kreuzung des antiken Pompeji die Bewohner mit bestem Quellwasser versorgten. Alle sind knochentrocken, ihre Becken benutzen Touristen als Mülleimer. Die Verwaltung, die so eifrig Kassen baut, hat es in all den Jahren lediglich geschafft, einen einzigen, permanent umlagerten Brunnen wieder mit Wasser zu versorgen. Fortsetzung auf der folgenden Seite
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, picture-alliance / dpa