Im Gespräch: Pierre Richard

Was ist daran so komisch, Monsieur Richard?

Von Niklas Maak

Im Gespräch: Pierre Richard: Was ist daran so komisch, Monsieur Richard?
21. November 2008 

Als „großer Blonder mit dem schwarzen Schuh“ wurde er 1972 bekannt. Pierre Richard ist Frankreichs prominentester Komiker. Gerade hat er einen neuen Film gedreht. Jetzt sitzt er in einem Berliner Hotel und schaut ratlos aus dem Fenster.

Herr Richard, wollen wir darüber reden, was Sie da draußen sehen?

Aber man sieht ja fast nichts.

Man sieht das neue Berlin.

Mich hat ja schon das alte Berlin immer völlig durcheinandergebracht. Als ich das erste Mal, im Sommer 1972, zur Vorführung von „Der große Blonde mit dem schwarzen Schuh“ nach Berlin kam, war es extrem heiß: fünfunddreißig Grad. In Deutschland. Für mich, in meiner Vorstellung, war Berlin immer eine kalte Stadt, und dann: Diese irre Hitze! Und dann saß ich im Taxi und sah Polizisten mit langen Haaren bis auf den Rücken und den absurdesten Bärten.

In Frankreich ist die Haarlänge für Polizisten immer noch streng vorgeschrieben.

Und wie! Stellen Sie sich mal meine Verwirrung vor - diese wahnwitzige Hitze, diese komplett zugewucherten Ordnungshüter, ich war schon mal gründlich durcheinander, als ich im Hotel ankam, im Kempinski.

Klingt wie der Anfang eines typischen Pierre-Richard-Films.

Es geht auch weiter wie in einem Film von mir, aber es ist wirklich so passiert. Ich komme an, man gibt mir den Schlüssel zu einer Suite im ersten Stock. Auf dem Flur im ersten Stock sehe ich einen Mann, der nur eine Badehose trägt und eine Treppe hinabsteigt. Ich denke mir, aha, super, da geht es wohl zum Swimmingpool. Ich ziehe mir also auch eine Badehose an und gehe den gleichen Weg . . .

. . . zum Swimmingpool . . .

. . . den es nur leider gar nicht gab. Als ich ankomme, wo ich den Pool vermutete, sehe ich gerade noch, wie der Typ mit der Badehose von drei Polizisten abgeführt wird. Es war ein stadtbekannter Exhibitionist. Ich also wieder in den Fahrstuhl gesprungen und in meine Suite hoch, furchtbar. So liberal war Berlin dann doch nicht.

Und dann sind Sie nie wieder nach Berlin gekommen?

Nicht so oft. Eher nach Düsseldorf, da gab es diesen deutschen Fernsehmoderator, Thomas Gottschalk. Er war auch groß, blond und hatte die gleiche Frisur wie ich, also mochte er mich und lud mich in seine Sendungen ein. Wir gingen dann essen nach der Sendung, und er erzählte, dass er auch Filme macht.

Hat er auch. „Zwei Nasen tanken Super“, mit Mike Krüger. War aber nicht ganz so lustig wie „Der große Blonde“.

Als ich „Der große Blonde mit dem schwarzen Schuh“ zum ersten Mal selbst in einer Pressevorführung sah, dachte ich aber auch: Katastrophe, das war es jetzt mit meiner Karriere.

Warum denn das?

Da saßen außer mir nur noch etwa fünfzehn Pariser Filmkritiker - Sie müssen wissen, nirgendwo gibt es schlimmere Filmkritiker als in Paris - und machten lange Gesichter. Also ging ich ins „Coupole“ am Boulevard Montparnasse, wo Freunde auf mich warteten, und sagte: Aus, Ende, das war es jetzt.

Und dann wurde es eine der erfolgreichsten französischen Komödien aller Zeiten.

Ich bin direkt nach dem Start in Frankreich auf die Antillen geflogen. Als ich zurückkam, hieß es, es sei ein großer Erfolg geworden.

Der neue Film „Paris, Paris“ spielt in einer weniger witzigen Zeit. Es ist ein historischer Film, er spielt im Paris des Jahres 1936 . . .

. . . aber vielleicht auch ein aktueller. Wenn man die Plakate von damals sieht, dann merkt man, dass die Probleme von damals auch die von heute sind.

Arbeitslosigkeit, Fremdenhass . . .

Genau. Es geht um Menschen in einem Pariser Arbeiterviertel, die sich zusammentun und gemeinsam ein altes Musical-Theater, das „Chansonia“, retten.

„Paris, Paris“ ist eher eine Tragikomödie. Pigoil, der seine Arbeit verloren hat, soll das Sorgerecht für seinen Sohn Jojo entzogen werden, die Linken prügeln sich mit den Rechten, alles sieht ziemlich düster aus.

Aber es gibt Hoffnung. Es war eine interessante Zeit. Es war die Zeit des Front Populaire, es gab zum ersten Mal bezahlte Ferien. Ich war damals erst zwei Jahre alt, ich erinnere mich besser an die vierziger Jahre. Wir waren sehr wohlhabend, über die Nöte der einfachen Leute wurde nicht so ausgiebig gesprochen.

Sie kommen aus einer aristokratischen Familie. Und Sie heißen eigentlich nicht Pierre Richard.

Doch! Ich heiße Pierre Richard Maurice Charles Léopold Defays. Pierre und Richard sind zwei meiner Vornamen. Meine Familie war nicht so begeistert von meinen Schauspielambitionen. Die sahen mich eher als Juristen. Aber ich hatte das Glück, dass meine Eltern geschieden waren. Wenn der eine sagte, das machst du nicht, sagte der andere, aber gern, mach nur.

Und wer hat ja gesagt?

Meine Mutter. Mein Vater hat sich erst fünfzehn Jahre später damit abgefunden.

Sie haben einmal gesagt, ein guter Film müsse die Menschen zum Lachen und zum Weinen bringen. Ihr neuer Film ist ganz anders als die Komödien der siebziger Jahre. Hat sich Ihr Humor geändert?

Mein Humor hatte immer etwas zu tun mit der Absurdität unserer Gesellschaft, mit den Problemen eines bestimmten sozialen Milieus, mit dem Missbrauch unserer Hoffnungen. Ich spielte meistens eine Person, die nicht klarkam, ungeschickt und schüchtern durch diesen Wahnsinn stolperte . . .

. . . wie die Hauptfigur in dem Film „Les malheurs d'Alfred“ von 1971. In Deutschland hieß der Film übrigens „Alfred, die Knallerbse“.

Knall - was?

Knallerbse. Fand man damals lustig.

Aha, ja? Dieser Film war jedenfalls eine Burleske, die die Absurdität der Fernsehunterhaltungsshows vorführen sollte, die unseren Alltag überfluten. Es ging darum, aufzuklären.

Burlesken wie die alten Pierre-Richard-Filme sind die neuen eigentlich nicht mehr.

Das ist wahr. Das hängt vielleicht mit meiner Person zusammen. Ich komme aus einer Tradition, deren Helden eher Charlie Chaplin und Jacques Tati hießen.

Tati war wichtig für Sie.

Ich habe immer davon geträumt, Stummfilme wie er zu drehen - ich meine damit Filme, in denen nicht geredet wird, in denen die Leute nur kommunizieren, indem sie „Ho!“ und „Mh-mh“ brummen, und wissen, dass mehr Text vielleicht gar nicht so viel bringt. Aber das konnte ich nicht machen, weil es Tati schon gemacht hatte. Also war ich gezwungen, Dialoge zu schreiben.

Noch bekannter als Tati ist in Deutschland Louis de Funès.

Ein großer Komiker. Diese Figuren, die so wahnsinnig gemein zu den Schwächeren und so buckelig zu den Mächtigen sind, sehr komisch, aber seine Sache. Nicht meine Rolle.

Haben Sie ihn mal getroffen?

Wir haben fast mal einen Film zusammen gemacht, „Brust oder Keule“, da sollte ich seinen Sohn spielen, aber ich mochte die Rolle nicht. Am Ende hat Coluche ihn gespielt. Aber ich mochte de Funès. Er las nie die Drehbücher. Er stellte sich hin und machte, was ihm einfiel. Er machte de Funès.

Sie haben sich immer ans Drehbuch gehalten?

Ja. Vor allem wenn man mit Francis Veber drehte . . .

. . . dem Mann, der unter anderem Regisseur bei dem „großen Blonden“ war und Ihrem anderen großen Erfolg, „Ein Tolpatsch kommt selten allein“ - ein Film, in dem Sie zusammen mit Gérard Dépardieu die verschwundene Tochter eines Industriellen suchen.

Genau der. Veber ist ein Uhrmacher. Er ließ einzelne Einstellungen zwanzigmal drehen. Wenn im Drehbuch stand, „ein halbes Lächeln spielt über seinen Mund“, dann konnte es passieren, dass er abbrach und rief: „Das war nur ein Viertellächeln.“ Wenn man ein Wort falsch betonte, wurde sofort neu gedreht.

In vielen ihrer Filme spielen Sie Musiker - einen Geiger in „Der große Blonde mit dem schwarzen Schuh“, im neuen Film einen zurückgezogen lebenden Orchesterdirigenten und Komponisten . . .

. . . der, wie sich herausstellt, der Vater der Hauptfigur Douce, einer Sängerin, ist und seine große Liebe verloren hat.

Und im wirklichen Leben sind Ihre beiden Söhne Musiker. Gibt es auch einen verhinderten Musiker Pierre Richard?

Dass ich nie Klavier spielen gelernt habe, bedaure ich schon mein ganzes Leben lang. Ich habe American Dance gemacht, als ich jung war, zum Jazz von Count Basie. Ich habe parallel zu meinen Schauspielkursen Tanzkurse genommen, ich wollte Tänzer werden. Dann bin ich doch zum Theater gegangen.

Sie haben ein Buch geschrieben.

Es kommt im nächsten Jahr heraus, ja.

Ein Briefroman. Eine Antwort auf Briefe.

Eine Form, Betrachtungen über das Leben, den Tod, den Alltag, die Dinge des Lebens zu schreiben.

Sie haben viele Briefe bekommen in Ihrem Leben, vermute ich mal.

Viele, reizende, naive, völlig wahnsinnige Briefe! Da kamen Sachen an! „Lieber Herr Richard, meine Mutter verehrt Sie. Ihr Geburtstag ist der 27. November. Wir leben in den Banlieue von Paris, in Antony, könnten Sie vorbeikommen? Natürlich sind Sie unser Gast und bekommen was Feines zu essen.“ Oder: „Ich bin jung und meine Freunde nennen mich Pierre Richard, weil ich so ungeschickt bin. Könnten Sie sich vorstellen, mich in Ihrem nächsten Film zu berücksichtigen?“

Und von diesen Briefen . . .

. . . ist mein Buch inspiriert. Es beantwortet Fragen, die in diesen Briefen auftauchten.

Gibt es neuere Komödien, die Sie mögen?

Ich sehe nicht viele Filme. Ich war ein halbes Jahr nicht mehr in Paris. Ich habe grade einen Film in Kanada gedreht, einen in Brest, dann war ich im Midi.

Auf Ihrem Weingut.

Ich komme gar nicht mehr dazu, ins Kino zu gehen. Aber ich erinnere mich immer noch an einen alten, großartigen Film aus Deutschland, „Jagdszenen aus Niederbayern“. Großartiger Film.

Nicht gerade eine Komödie - es geht um einen Homosexuellen, Vergewaltigung, Selbstmord in einem muffigen Provinzkaff. Aber auch in Ihren Filmen nimmt das Tragische zu.

Ich habe tatsächlich 1996, bei dem Film „1001 Rezepte eines verliebten Kochs“, gemerkt, dass es mich am meisten interessiert, pathetisch-komische Filme zu drehen, oder andersherum gesagt, Filme, die sogar „drôlement pathétique“, auf komische Weise pathetisch, sind.

Sie spielen einen Koch.

In der ersten Hälfte des Films bin ich ein brillanter Koch, ich arbeite für die Großen dieser Welt - und dann schlägt das Schicksal zu, ich werde arm, krank, es gibt eine verlorene Liebe, ein einsames kleines Mädchen. Wir sind mitten in einem Drama.

Und dann kommt die Wendung ins Hoffnungsvolle.

Genau. Das Ende des Dramas. Denn ich beschließe, eine Bank zu überfallen, obwohl ich als Koch davon keine Ahnung habe - und schon beginnt die Komödie. Aber wissen Sie, der Sockel, auf dem alles Komische steht, ist ja meistens ein Drama.

Zur Person

Der Schauspieler Pierre Richard wurde am 16. August 1934 im französischen Valenciennes geboren. Er stammt aus einer wohlhabenden aristokratischen Familie.

1972 gelang ihm mit der Kinokomödie „Der große Blonde mit dem schwarzen Schuh“ der internationale Durchbruch: Er spielt einen zerstreuten Geiger, der aus Versehen ins Visier von Geheimdiensten gerät. Seitdem spielte er häufig die Rolle des sympathisch-zerstreuten Tolpatsches.

Neuerdings widmet er sich vermehrt ernsteren Rollen. In Christophe Barratiers Tragikomödie „Paris, Paris - Monsieur Pigoils Weg zum Glück“, die am 27. November in die Kinos kommt, spielt er die Nebenrolle eines alten Dirigenten und Komponisten.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Burkhard Neie, CINETEXT, Cinetext Bildarchiv, Cinetext/Mona Filz, Constantin/Cinetext

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“Der Regenschirmmörder“ (1980)Mit Gérard Depardieu in “Zwei irre Typen auf der Flucht“ (1986)In “Alfred, die Knallerbse“ (1971)In seinem neuen Film “Paris, Paris - Monsieur Pigoil auf dem Weg zum Glück“ (2008) Mit Emmanuelle Béart in “Der große Blonde auf Freiersfüßen“ (1988)Mit Jane Birkin in “Der lange Blonde mit dem roten Haaren“ (1974)2005 bei den Filmfestspielen von Cannes