Als großer Blonder mit dem schwarzen Schuh wurde er 1972 bekannt. Pierre Richard ist Frankreichs prominentester Komiker. Gerade hat er einen neuen Film gedreht. Jetzt sitzt er in einem Berliner Hotel und schaut ratlos aus dem Fenster.
Aber man sieht ja fast nichts.
Mich hat ja schon das alte Berlin immer völlig durcheinandergebracht. Als ich das erste Mal, im Sommer 1972, zur Vorführung von Der große Blonde mit dem schwarzen Schuh nach Berlin kam, war es extrem heiß: fünfunddreißig Grad. In Deutschland. Für mich, in meiner Vorstellung, war Berlin immer eine kalte Stadt, und dann: Diese irre Hitze! Und dann saß ich im Taxi und sah Polizisten mit langen Haaren bis auf den Rücken und den absurdesten Bärten.
Und wie! Stellen Sie sich mal meine Verwirrung vor - diese wahnwitzige Hitze, diese komplett zugewucherten Ordnungshüter, ich war schon mal gründlich durcheinander, als ich im Hotel ankam, im Kempinski.
Es geht auch weiter wie in einem Film von mir, aber es ist wirklich so passiert. Ich komme an, man gibt mir den Schlüssel zu einer Suite im ersten Stock. Auf dem Flur im ersten Stock sehe ich einen Mann, der nur eine Badehose trägt und eine Treppe hinabsteigt. Ich denke mir, aha, super, da geht es wohl zum Swimmingpool. Ich ziehe mir also auch eine Badehose an und gehe den gleichen Weg . . .
. . . den es nur leider gar nicht gab. Als ich ankomme, wo ich den Pool vermutete, sehe ich gerade noch, wie der Typ mit der Badehose von drei Polizisten abgeführt wird. Es war ein stadtbekannter Exhibitionist. Ich also wieder in den Fahrstuhl gesprungen und in meine Suite hoch, furchtbar. So liberal war Berlin dann doch nicht.
Nicht so oft. Eher nach Düsseldorf, da gab es diesen deutschen Fernsehmoderator, Thomas Gottschalk. Er war auch groß, blond und hatte die gleiche Frisur wie ich, also mochte er mich und lud mich in seine Sendungen ein. Wir gingen dann essen nach der Sendung, und er erzählte, dass er auch Filme macht.
Als ich Der große Blonde mit dem schwarzen Schuh zum ersten Mal selbst in einer Pressevorführung sah, dachte ich aber auch: Katastrophe, das war es jetzt mit meiner Karriere.
Da saßen außer mir nur noch etwa fünfzehn Pariser Filmkritiker - Sie müssen wissen, nirgendwo gibt es schlimmere Filmkritiker als in Paris - und machten lange Gesichter. Also ging ich ins Coupole am Boulevard Montparnasse, wo Freunde auf mich warteten, und sagte: Aus, Ende, das war es jetzt.
Ich bin direkt nach dem Start in Frankreich auf die Antillen geflogen. Als ich zurückkam, hieß es, es sei ein großer Erfolg geworden.
. . . aber vielleicht auch ein aktueller. Wenn man die Plakate von damals sieht, dann merkt man, dass die Probleme von damals auch die von heute sind.
Genau. Es geht um Menschen in einem Pariser Arbeiterviertel, die sich zusammentun und gemeinsam ein altes Musical-Theater, das Chansonia, retten.
Aber es gibt Hoffnung. Es war eine interessante Zeit. Es war die Zeit des Front Populaire, es gab zum ersten Mal bezahlte Ferien. Ich war damals erst zwei Jahre alt, ich erinnere mich besser an die vierziger Jahre. Wir waren sehr wohlhabend, über die Nöte der einfachen Leute wurde nicht so ausgiebig gesprochen.
Doch! Ich heiße Pierre Richard Maurice Charles Léopold Defays. Pierre und Richard sind zwei meiner Vornamen. Meine Familie war nicht so begeistert von meinen Schauspielambitionen. Die sahen mich eher als Juristen. Aber ich hatte das Glück, dass meine Eltern geschieden waren. Wenn der eine sagte, das machst du nicht, sagte der andere, aber gern, mach nur.
Meine Mutter. Mein Vater hat sich erst fünfzehn Jahre später damit abgefunden.
Mein Humor hatte immer etwas zu tun mit der Absurdität unserer Gesellschaft, mit den Problemen eines bestimmten sozialen Milieus, mit dem Missbrauch unserer Hoffnungen. Ich spielte meistens eine Person, die nicht klarkam, ungeschickt und schüchtern durch diesen Wahnsinn stolperte . . .
Knall - was?
Aha, ja? Dieser Film war jedenfalls eine Burleske, die die Absurdität der Fernsehunterhaltungsshows vorführen sollte, die unseren Alltag überfluten. Es ging darum, aufzuklären.
Das ist wahr. Das hängt vielleicht mit meiner Person zusammen. Ich komme aus einer Tradition, deren Helden eher Charlie Chaplin und Jacques Tati hießen.
Ich habe immer davon geträumt, Stummfilme wie er zu drehen - ich meine damit Filme, in denen nicht geredet wird, in denen die Leute nur kommunizieren, indem sie Ho! und Mh-mh brummen, und wissen, dass mehr Text vielleicht gar nicht so viel bringt. Aber das konnte ich nicht machen, weil es Tati schon gemacht hatte. Also war ich gezwungen, Dialoge zu schreiben.
Ein großer Komiker. Diese Figuren, die so wahnsinnig gemein zu den Schwächeren und so buckelig zu den Mächtigen sind, sehr komisch, aber seine Sache. Nicht meine Rolle.
Wir haben fast mal einen Film zusammen gemacht, Brust oder Keule, da sollte ich seinen Sohn spielen, aber ich mochte die Rolle nicht. Am Ende hat Coluche ihn gespielt. Aber ich mochte de Funès. Er las nie die Drehbücher. Er stellte sich hin und machte, was ihm einfiel. Er machte de Funès.
Ja. Vor allem wenn man mit Francis Veber drehte . . .
Genau der. Veber ist ein Uhrmacher. Er ließ einzelne Einstellungen zwanzigmal drehen. Wenn im Drehbuch stand, ein halbes Lächeln spielt über seinen Mund, dann konnte es passieren, dass er abbrach und rief: Das war nur ein Viertellächeln. Wenn man ein Wort falsch betonte, wurde sofort neu gedreht.
. . . der, wie sich herausstellt, der Vater der Hauptfigur Douce, einer Sängerin, ist und seine große Liebe verloren hat.
Dass ich nie Klavier spielen gelernt habe, bedaure ich schon mein ganzes Leben lang. Ich habe American Dance gemacht, als ich jung war, zum Jazz von Count Basie. Ich habe parallel zu meinen Schauspielkursen Tanzkurse genommen, ich wollte Tänzer werden. Dann bin ich doch zum Theater gegangen.
Es kommt im nächsten Jahr heraus, ja.
Eine Form, Betrachtungen über das Leben, den Tod, den Alltag, die Dinge des Lebens zu schreiben.
Viele, reizende, naive, völlig wahnsinnige Briefe! Da kamen Sachen an! Lieber Herr Richard, meine Mutter verehrt Sie. Ihr Geburtstag ist der 27. November. Wir leben in den Banlieue von Paris, in Antony, könnten Sie vorbeikommen? Natürlich sind Sie unser Gast und bekommen was Feines zu essen. Oder: Ich bin jung und meine Freunde nennen mich Pierre Richard, weil ich so ungeschickt bin. Könnten Sie sich vorstellen, mich in Ihrem nächsten Film zu berücksichtigen?
. . . ist mein Buch inspiriert. Es beantwortet Fragen, die in diesen Briefen auftauchten.
Ich sehe nicht viele Filme. Ich war ein halbes Jahr nicht mehr in Paris. Ich habe grade einen Film in Kanada gedreht, einen in Brest, dann war ich im Midi.
Ich komme gar nicht mehr dazu, ins Kino zu gehen. Aber ich erinnere mich immer noch an einen alten, großartigen Film aus Deutschland, Jagdszenen aus Niederbayern. Großartiger Film.
Ich habe tatsächlich 1996, bei dem Film 1001 Rezepte eines verliebten Kochs, gemerkt, dass es mich am meisten interessiert, pathetisch-komische Filme zu drehen, oder andersherum gesagt, Filme, die sogar drôlement pathétique, auf komische Weise pathetisch, sind.
In der ersten Hälfte des Films bin ich ein brillanter Koch, ich arbeite für die Großen dieser Welt - und dann schlägt das Schicksal zu, ich werde arm, krank, es gibt eine verlorene Liebe, ein einsames kleines Mädchen. Wir sind mitten in einem Drama.
Genau. Das Ende des Dramas. Denn ich beschließe, eine Bank zu überfallen, obwohl ich als Koch davon keine Ahnung habe - und schon beginnt die Komödie. Aber wissen Sie, der Sockel, auf dem alles Komische steht, ist ja meistens ein Drama.
Zur Person
Der Schauspieler Pierre Richard wurde am 16. August 1934 im französischen Valenciennes geboren. Er stammt aus einer wohlhabenden aristokratischen Familie.
1972 gelang ihm mit der Kinokomödie Der große Blonde mit dem schwarzen Schuh der internationale Durchbruch: Er spielt einen zerstreuten Geiger, der aus Versehen ins Visier von Geheimdiensten gerät. Seitdem spielte er häufig die Rolle des sympathisch-zerstreuten Tolpatsches.
Neuerdings widmet er sich vermehrt ernsteren Rollen. In Christophe Barratiers Tragikomödie Paris, Paris - Monsieur Pigoils Weg zum Glück, die am 27. November in die Kinos kommt, spielt er die Nebenrolle eines alten Dirigenten und Komponisten.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Burkhard Neie, CINETEXT, Cinetext Bildarchiv, Cinetext/Mona Filz, Constantin/Cinetext