Von Christoph Kardinal Schönborn
19. Mai 2007 By the grace of Grace heißt es in den letzten Zeilen des wohl gnadenlosesten Schauspiels menschlicher Bosheit, in Macbeth. Endet selbst die schrecklichste Tragödie mit der Gnade des gnädigen Gottes? Oder verharmlost eine solche Sicht das Grauen des zwanzigsten Jahrhunderts? Verharmlost sie Shakespeare?
Ist dann Maß für Maß, die Komödie Shakespeares, die Gnade und Verzeihung besonders thematisiert, ein, wie es Hans Urs von Balthasar, der große Schweizer Theologe, sieht: christliches Mysterienspiel? Oder verhält es sich eher so, wie es der Shakespeareforscher Harold Bloom erfährt, dass er kein zweites Werk kenne, das auch nur annähernd so nihilistisch wäre wie Maß für Maß - eine Komödie, die der Komödie den Garaus mache?
Was ist Gnade?
Der Herzog will sich von Wien entfernen. Er übergibt Angelo alle Vollmacht, ihn für die Zeit seiner Abwesenheit in allen Belangen zu vertreten, Macht über Tod und Gnade auszuüben. Was aber ist Gnade? Die Internet-Enzyklopädie Wikipedia ist nicht die zuverlässigste Quelle, aber sie gibt interessante Einblicke in gegenwärtige Denk- und Vorstellungsmuster. Dort ist zu lesen: Der Begriff der Gnade umschreibt ein Autoritätsverständnis im Christentum. Nicht nur Gott, sondern jede christliche Autorität in der gläubigen Welt (Bischöfe, Könige, Richter . . . von Gottes Gnaden) ist nach dieser Auffassung gnädig, behandelt also ihre Schutzbefohlenen willkürlich persönlich und situationsbezogen und sortiert in die mit Gnade Beschenkten und die der Ungnade Verfallenen. Ein verbindliches Rechtssystem, dass (sic!) zudem noch einsehbar und überprüfbar ist, . . . sei von daher gar nicht nötig. Daher folgert der Wikipedia-Artikel: Autoritäre, diktaturähnliche menschliche Gesellschaftsformen werden so theologisch begründet und gestärkt. Der Herzog in Maß für Maß kann frei und souverän Gesetze verschärfen oder abmildern, und so kann es sein Vertreter Angelo tun. So frei und souverän wird er am Schluss auch das Verzeihen handhaben - und die Ehepaare zusammenfügen. Ab in den Ehehafen! Ob das wirklich ein Happy End ist, lässt das Stück offen.
Doch ist Gnade so? Alles entscheidet sich an der Frage: Gibt es echte Schuld? Erst von der Schuldfrage her wird klar, was Gnade und Verzeihen heißen können. Ich glaube, dass es so viele Vorurteile gegen die Gnade gibt, weil die Frage der Schuld verdrängt wird. Entweder wird Schuld einfach geleugnet, zum sogenannten Bösen (Konrad Lorenz) gemacht, zu einem Teil der Natur, die eben grausam ist. Oder es gibt Schuld, aber nicht bei mir. Sie wird delegiert. Die anderen sind schuld, die Gesellschaft, die Juden, die Amerikaner, je nachdem, wer gerade der Sündenbock ist. Sich für unschuldig zu halten und andere zu beschuldigen - darin hat es unsere Zeit zur wahren Meisterschaft gebracht. Ein dritter Weg ist ebenfalls häufig: die Sündenbock-Rolle zu verinnerlichen. Es wird einem ein schlechtes Gewissen eingeredet, das quält und unfrei macht. Ein häufiger Vorwurf gegen die Kirche.
Kein billiges Geschenk
Doch das Paradox von Maß für Maß zeigt: Echte Schuldeinsicht wird erst im Raum der Gnade möglich. In einer gnadenlosen Welt ist das Eingestehen von Schuld unmöglich, ja tödlich. Schuld einzusehen ohne die Perspektive der Gnade ist nicht lebbar. Es führt zur Verzweiflung und zum Selbstmord - wie bei Lady Macbeth. Die Gnade ist umsonst, aber nicht billig. Sie ist ein reines Geschenk, aber erfordert ein bereites Herz. Um diese Zubereitung geht es in Maß für Maß.
In einem moralisch verfallenden Wien, in dem die Freiheit bereits die Gerechtigkeit an der Nase herumführt, beschließt der seit vierzehn Jahren allzu lasch regierende Herzog Vincentio herauszufinden, welches Bild des Herrschers ein mit absoluter Macht ausgestatteter Stellvertreter ergeben würde. Mit besonderer Absicht, wie er Lord Escalus verrät, setzt er den jungen Lord Angelo, einen Mann von strengen Sitten und völliger Enthaltsamkeit, für die Zeitdauer seiner fingierten Reise nach Polen ein, damit dieser kraft der in Wien ohnehin geltenden strengen Vorschriften und höchst einschneidenden Gesetze durch Zuschlagen für Zucht und Ordnung sorgen kann. Um jedoch beobachten zu können, wie ein Stellvertreter ihn vertritt, beschließt er, Fürst wie Volk als Mönch verkleidet zu beobachten. Um sich einen Namen zu machen, erfüllt Angelo sogleich des Herzogs Erwartung, die gefesselte Gerechtigkeit zu entfesseln. Eine gute Gelegenheit bietet sich: Der junge Lord Claudio hat die ihm zwar versprochene, aber nicht angetraute Julia geschwängert. Angelo verurteilt ihn zum Tode. Claudio bittet den Freund Lucio, einen recht lockeren Dandy, seiner an diesem Tag als Novizin ins Klarissinnenkloster eintreten wollenden Schwester Isabella über seine Lage zu berichten, in der Hoffnung, sie möge Angelo durch schönes Gebet besänftigen. Seinem Namen entsprechend, genießt Angelo einen engelhaften Ruhm. Aber auch Engel können fallen.
Tolerante katholische Position
Angelo will Ordnung machen. Und dessen bedarf das Wien dieses Stückes. Die Bordelle sollen in den Vorstädten sämtlich geschliffen werden. Aber im Rotlichtmilieu haben die Zuhälter und die Bordellmütter (Madame Overdone) genügend gute Beziehungen nach oben, um ihr Gewerbe in besseren Vierteln weiterführen zu können. Warum also diese Strenge - ausgerechnet gegen lechery, gegen die luxuria, die Unzucht? Todesstrafe auf die Unzucht des Claudio? Weil er mit seiner Julia schlief, mit der er schon in einem gültigen, aber noch nicht öffentlichen Ehekontrakt verbunden war. Einer der Zuhälter sagt, was heute genauso gälte: Wenn dieses strenge Gesetz durchgeführt wird, müsste die ganze Jugend in der Stadt kastriert und sterilisiert werden.
Unter puritanischem Einfluss wurden die alttestamentlichen Bestimmungen für Unzucht und Ehebruch immer mehr ins staatliche Gesetz eingeschrieben. Angelo wird vom Herzog als precise bezeichnet, ein Codewort für Puritaner. Im meist fälschlich als finster bezeichneten Mittelalter wurde luxuria, Unzucht (das heißt jede Form von nichtehelichem Geschlechtsverkehr) als Sünde betrachtet, die in die Beichte gehört, nicht aber vor den Kadi - und erst recht nicht als todeswürdiges Vergehen. In Zeiten zunehmender Scharia wird es wieder nachvollziehbar, dass diese Verschärfungen damals ganz aktuell waren. Der Herzog repräsentiert hier eher die tolerante katholische Position, die weiß, dass nicht alle sittlichen Übel durch staatliche Gesetze abgeschafft werden können.
Kleine Ursache - große Wirkung
Warum aber hat der Herzog selber früher die Dinge laufen lassen? For we bid this be done / When evil deeds have their permissive pass / And not the punishment. Frei übersetzt: Wo das Übel nicht mehr bestraft wird, wird es geradezu zur Selbstverständlichkeit, die getan werden muss. Fast erinnert mich der Herzog an meine Achtundsechziger-Generation, die heute mit Sorge sieht, dass wir den Dingen zu sehr their permissiv pass gelassen haben, als könnte das Recht bestehen, wenn es nicht auch die Strafe gibt. Aber wie wieder zu mehr Ordnung kommen, ohne in die Exzesse von Angelos Fundamentalismus zu geraten? Peter Sloterdijk sagte neulich in einem Interview: Während man früher pausenlos an Subversion dachte, ist man inzwischen dankbar für jedes Molekül stabiler Struktur.
Zeigt sich ein menschlicher Weg zwischen Permissivität und Rigorismus? Maß für Maß führt auf eine Spur, die ein Weg werden könnte. Angelos Übereifer hat eine im wörtlichen Sinn dramatische Wirkung. Plötzlich hört die Sache auf, ein banales anything goes zu sein. Und damit wird alles viel spannender. Nichts ist banaler, als dass Claudio mit seiner Julia im Bett war. Heute offensichtlich kein Thema. Hier schon. Denn sie ist schwanger und er im Gefängnis. Jemand hat es gewagt, ganz wörtlich zu nehmen, was die strenge Auslegung des Mosaischen Gesetzes verlangt. Genau das ist es, was alles so dramatisch macht: Menschliches Tun ist nicht banal. Es hat Konsequenzen. Diese sind nicht immer der Tat angemessen. Aber das gibt es eben im Leben. Kleine Ursache - große Wirkung. Jetzt beginnt das Drama und damit der Weg, dessen Ziel Verzeihen heißt. Doch besuchen wir uns zuerst selber dort, wo wir alle morgen sein können: im Gefängnis.
Täter und Opfer in einer Person
Lucio, der Dandy: Nun, wie das, Claudio? Woher diese Fesseln? Claudio: Von zuviel Freiheit, mein Lucio. Freiheit, wie Völlerei, führt häufig zum Fasten. So verwandelt sich jeder Spielraum, wenn er maßlos ausgenützt wird, in Beschränkung. Unsere Natur jagt einer Sünde nach, die durstig macht - wie Ratten, die ihr eigenes Gift hinunterschlingen: und wenn wir trinken, sterben wir. Claudio ist sich seiner gebrochenen Menschlichkeit bewusst. Er beginnt aber nicht mit Selbstrechtfertigungen, sondern nennt jenes Gesetz, das in ihm wie in uns allen wirkt und das durstig nach unserem Versagen ist. Er ist Täter und Opfer. Er ist die erste von allen Gestalten des Dramas, die für mercy and pardon bereit ist. Bei ihm hat die Umkehr schon begonnen.
Anders Angelo: Die Versuche, ihn umzustimmen, zerschellen an seiner Selbstsicherheit. Isabella, die Schwester des zum Tode Verurteilten, die gerade dabei ist, ins Klarissinnenkloster einzutreten, stellt ihm ein anderes Bild der Macht vor Augen als das, hinter dem er sich verschanzt: Kein Zeichen der Macht, weder die Königskrone noch das Schwert des Statthalters, der Marschallstab oder die Richterwürde stehen den Großen so gut an wie die Gnade. Wäre er wie Ihr gewesen und Ihr wie er, so wärt Ihr so gestrauchelt wie er, doch wäre er nicht so hart wie Ihr gewesen. Lord Angelo lässt sich nicht erweichen. Isabella antwortet mit einem Argument, das im katholischen Wien das eigentlich durchschlagende hätte sein sollen: Ach, ach! Doch alle Seelen, die je gelebt haben, waren einmal verloren, und Er, der wohl mit dem größeren Recht auf seine Stellung hätte pochen können, fand Erlösung für sie: Wie stündet Ihr da, wenn Er, der höchste Richter, über Euch richten würde, so wie Ihr seid? Angelo aber bleibt hart.
Wessen Schuld?
Isabella versucht es daraufhin mit brillantem Spott. Könnten große Männer wie Jupiter selbst donnern, so hätte er keine Ruhe, denn jeder, der ein schäbiges, kümmerliches Amt hat, braucht seinen Himmel zum Donnern, nur zum Donnern. Barmherziger Himmel, du spaltest mit deinem scharfen Schwefelkeil lieber die unspaltbare knorrige Eiche als die biegsame Myrte: doch der Mensch, der stolze Mensch, nur in ein wenig kurzlebige Amtsgewalt gekleidet, der von dem, dessen er ganz sicher ist, überhaupt keine Ahnung hat . . . führt wie ein grimmiger Affe vor dem hohen Himmel solch verrückte Possen auf, dass die Engel weinen. Hätten sie unsere Milz, so würden sie sich alle sterblich lachen.
Isabella macht einen tiefen Eindruck auf Lord Angelo. Doch geht dieser in eine unerwartete Richtung. Zum Abschied sagt Isabella: Gott schütze Euer Ehren. Und er antwortet, wieder beiseite: Vor dir, ja sogar von deiner Tugend. Was ist das? Was ist das? Ist es ihre Schuld oder meine? Der Versucher oder der Versuchte, wer sündigt mehr, ha? Sie nicht, sie führt auch nicht in Versuchung. Sondern ich bin es: neben dem unschuldigen Veilchen liege ich in der Sonne, gedeihe aber nicht wie die Blume in diesem kräftigen Klima, sondern verfaule wie Aas?
Schockierendes Unverständnis
Er gäbe ihren Bruder frei, falls sie sich ihm selbst hingäbe. Sie ist empört. Sogar Folter würde sie nicht dazu bringen. Wäre ich selbst dem Tode geweiht, so trüge ich den Abdruck der scharfen Peitschen wie Rubine und entkleidete mich zum Tode wie für ein Bett, nach dem ich mich unendlich sehnte, ehe ich meinen Körper der Schande hingeben würde. Angelo: Dann müsst' Euer Bruder sterben. Isabella: Und besser wär's gewiss. Viel lieber mag ein Bruder einmal sterben, als dass die Schwester, um ihn frei zu kaufen, auf ewig sterben sollte. Und: Höher als unser Bruder steht unsere Keuschheit.
Es gibt kaum einen Satz in diesem Stück, der heute auf mehr Unverständnis stößt. Mich hat dieses Unverständnis schockiert. Man scheint nicht zu verstehen, dass Isabellas Ablehnung, ihren Bruder durch ihre Zustimmung zu einer De-facto-Vergewaltigung zu retten, den wahren Wendepunkt darstellt, an dem sich scheinbar alles zum Unglück hin neigt, in Wirklichkeit aber zur Rettung wird. Wie für Claudio das Todesurteil zur rettenden Katastrophe wird, so für Isabella dieses mutige, unverstandene Nein zur Tat, die erst die wahre Emanzipation ermöglicht. Isabellas Worte nach Angelos Abgang sind für mich der große Befreiungsschlag: O gefährliche Münder, die mit ein und derselben Zunge verdammen und vergeben, die das Gesetz zwingen, sich ihren Wünschen zu beugen, die Recht und Falsch an ihr Begehren heften, damit sie folgen, wohin es zieht.
Barmherzige Gerechtigkeit
Genau das ist es: Dieser Willkür sich zu beugen ist das Ende der Freiheit, der Ausverkauf von Recht und Gerechtigkeit. Isabella verteidigt nicht ängstlich ein Hymen. Sie hat durchaus Verständnis für die Schwäche ihres Bruders und wird am Schluss auch Angelos fleischliche Schwäche nachsichtig sehen. Aber gegen die Tyrannis lehnt sie sich auf. Hier liegt der Schlüssel zur Problematik Rigorismus-Laxismus, den zwei Seiten einer Medaille. Der rigoristische Gesetzesausleger erweist sich plötzlich als Laxist und als Tyrann zugleich. Das richtige Maß findet nur eine von der Barmherzigkeit getragene Gerechtigkeit. Diese zu vielen Interpreten querliegende Deutung Isabellas wird durch etwas bestätigt, was in den Kommentaren zu Maß für Maß fast immer übergangen wird: die monströse Entscheidung Angelos, Isabellas Bruder entgegen allen Zusagen doch hinrichten zu lassen.
Im Kerker erklärt Isabella ihrem Bruder, sie könne ihn nicht durch Sünde vom Tod loskaufen. Claudio stimmt ihr erst zu, macht ihr aber dann aus Todesangst schwere Vorwürfe. Sie aber besteht darauf, sich nicht vergewaltigen zu lassen. Der Herzog hat das Gespräch belauscht und sagt Claudio, Angelo habe nie die Absicht gehabt, seine Schwester zu missbrauchen, er solle sich deshalb auf den Tod vorbereiten. Darauf Claudio: Lasst mich meine Schwester um Verzeihung bitten, und er beugt sich ganz willig dem Beschluss der Justiz.
Schmerzhafter Vertrauensbruch
Nun folgt der berühmte bed trick. Auf Anraten des Herzogs wird Mariana, mit der Angelo verlobt war, ihm anstelle Isabellas unterschoben. Maß für Maß. Angelo soll als Schuldiger genau dasselbe tun - mit der zur Ehe Versprochenen schlafen und so die Ehe vollziehen -, was Claudio in Voreiligkeit mit Julia getan hat. Nun geht es Schlag auf Schlag. Es stellt sich nämlich heraus, dass die Weste des strengen Puritaners nicht so weiß war, wie er vorgab. Der Herzog als Mönchsbruder: Mariana hätte dieser Angelo heiraten sollen, er war durch Eid mit ihr verlobt, die Hochzeit anberaumt. Zwischen Vertrag und feierlichem Eheschluss erlitt ihr Bruder Schiffbruch auf See; in dem gesunkenen Schiff hatte er die Mitgift seiner Schwester. . . . Da verlor sie einen edlen und berühmten Bruder, der sie ganz herzlich und natürlich liebte. Mit ihm ihre Mitgift; mit beidem den ihr schon verbundenen Gemahl, diesen scheinbar anständigen Angelo. Dieser hat sie in ihren Tränen verlassen, . . . nahm seine Schwüre vollständig zurück, wobei er vorgab, Verstöße gegen die Ehre zu entdecken.
Einige Einzelheiten in dieser Beschreibung entsprechen mit scharfer Ironie dem Verbrechen, das Angelo an Claudio mit dem Tod bestrafen will. Claudio: So geht es mit mir: aufgrund eines rechtmäßigen Ehekontraktes gewann ich Zugang zu Julias Bett . . ., abgesehen davon, dass uns die öffentliche Bekanntmachung der Ehe fehlte. Dazu kamen wir nur deshalb nicht, weil uns noch eine Mitgift . . . zuwachsen sollte.
Shakespeare legt einen Vergleich zwischen Claudio und Angelo nahe. Da wird man Claudio auf moralischer Ebene ein besseres Zeugnis ausstellen als Angelo. Im einen Fall handelt es sich um einen voreiligen Vollzug der Ehe vor der Hochzeit, die nur aus Gründen der Mitgift verschoben wurde; im anderen Fall um die Verweigerung der Ehe zwischen Verlobung und Hochzeit ebenfalls aus Gründen der Mitgift. Claudio hat in der voreiligen Vereinigung mit Julia bestimmt weniger schlecht gehandelt als Angelo in der berechnenden Verweigerung seiner Vereinigung mit Mariana. Angelo also schläft mit Mariana, die er für Isabella hält. Und tut dann etwas Monströses: Entgegen allen Versprechungen, die er Isabella gegeben hat, lässt er Claudio dennoch am nächsten Tag hinrichten. Der Herzog als Bruder Ludovico greift aber ein und erreicht, dass ein anderer zum Tod Verurteilter statt Claudio unters Beil kommen soll, Bernardino, ein meistens betrunkener Gefangener, der aber findet, er sei nicht aufgelegt, gerade heute zu sterben. So schickt man schließlich dem Statthalter den Kopf eines eben verstorbenen Piraten.
Das Licht der Gnade
Als der Herzog seine baldige Rückkehr ankündigt, befallen Angelo Ängste, Isabella könnte ihn öffentlich anklagen. Wird man ihr glauben oder seinem guten Ruf? Und dann sinniert er darüber, warum er ihren Bruder hat hinrichten lassen: Weil er die Gefahr befürchtete, dass in Zukunft einmal seine zügellose Jugend in bedrohlicher Absicht Rache nehmen würde für den Empfang eines so entehrenden Lebens im Austausch für ein so schändliches Lösegeld. Auch wenn die Panik hier nur kurz aufblitzt, so erinnert sie doch an die gnadenlosen Folgen der ersten bösen Tat. Wie bei Macbeth. Und Angelos letztes Wort vor der Lösung der Knoten im fünften Akt ist wie ein Gegenmotto zur Vergebung, die am Ende steht: Ach, wenn uns erst erlosch der Gnade Licht, / Nichts geht dann recht, wir wollen, wir wollen nicht.
Doch das Licht der Gnade ist nicht erloschen. Der Herzog kommt zurück. Isabella fleht ihn um Gerechtigkeit an, enthüllt Angelos Schuld, immer noch im Glauben, ihr Bruder sei hingerichtet worden. Da wird Mariana gebracht. Sie habe statt Isabella mit Angelo geschlafen, dessen rechtmäßige Frau sie nun sei. Angelo bleibt nichts anderes übrig, als seine volle Schuld anzuerkennen: Ein schnelles Urteil und ein rascher Tod ist alle Gnade, die ich erbitte. Des Herzogs Gnade ist aber langsamer und schwerer. Er sendet Angelo mit Mariana zur Trauung. Aber warum lässt der Herzog Isabella unmenschlich grausam bis fast zum Schluss im Glauben, ihr Bruder Claudio sei hingerichtet worden? In der Logik des Dramas ist das entscheidend für das Thema Verzeihen. Der Herzog erklärt dem neugetrauten Paar Mariana-Angelo, dass die Gnade des Gesetzes den Tod des Angelo verlange: Einen Angelo für Claudio, Tod für Tod. Gleiches vergilt mit Gleichem, und Maß steht für Maß.
Vergebung für Angelo
Da tut Isabella den Schritt, der meines Erachtens der Höhepunkt des ganzen Stückes ist. Sie kniet und fleht um Vergebung für Angelo: Blickt auf diesen Verurteilten, als lebte mein Bruder noch. Ich vermute fast, aufrichtige Pflicht leitete seine Taten, bis er mich sah. So entschieden ihr Nein gegen seine schlechte Absicht, so selbstlos jetzt ihre Bitte. Nun erst ist Angelo zu der vollen Einsicht seiner Schuld gelangt: Ich bedaure, dass ich solches Leid verursachte, und so tief steckt es in meinem reuigen Herzen, dass ich eher den Tod begehre als Gnade. Jetzt erst wird enthüllt, dass Claudio lebt. Jetzt auch wird Angelo verziehen.
Und damit ist alles bereit für das Happy End. Ist die Paarbildung wirklich so happy? Nun, bei Claudio und Julia sicher. Angelo mit Mariana? Er soll froh sein, dass es so ausging. Lucio, der freche Dandy, bleibt es bis zum Schluss: Dass er die Dirne heiraten muss, der er ein Kind gemacht hat, ist so schlimm wie zu Tode gepresst, ausgepeitscht und gehängt werden. Und schließlich Isabella: Des Herzogs Worte sind ein Heiratsantrag.
Kompromisslose Menschlichkeit
Über diesen Schluss fehlt es nicht an negativen Kommentaren. Was bleibt von Isabellas Eifer für Ihre Jungfräulichkeit? So schnell geht's aus dem Kloster fort zur Fürstenhochzeit? Ich dagegen halte die Isabella für die eigentliche Heldin des Stücks. In ihrer Klarheit steht sie gegen den moralischen Rigorismus des Angelo. Ihre Prinzipientreue ist nicht Starrheit oder Sturheit, denn sie weiß um die menschlichen Schwächen. Aber sie ist mutig genug, sich gegen die Tyrannis der Macht zu stellen. Es gibt Momente, die keinen Kompromiss erlauben, wenn nicht die Menschlichkeit verlorengehen soll. Doch der Höhepunkt ist zweifellos die Bitte um Gnade für Angelo. Das kann nur, wer selber erfahren hat, dass alles Gnade ist.
In der Bergpredigt hat Jesus gesagt: Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet! Denn wie ihr richtet, so werdet ihr gerichtet werden, und nach dem Maß, mit dem ihr messt und zuteilt, wird euch zugeteilt werden. Gnade ist das Maß, mit dem wir von Gott gemessen werden. Isabella hat ihr Maß am Maß Jesu genommen. Ich verstehe, dass der Herzog sie heiraten will.
Text: F.A.Z., 19.05.2007, Nr. 115 / Seite Z1
Bildmaterial: AP, Cinetext/Henschel Theater-Archiv, Cinetext/plan b, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa