Im Gespräch: Hubert von Goisern

Was ruft der Berg?

Von Andreas Lesti

“Das Rockigere wird vielleicht ein gewisser Schock fürs Publikum“

"Das Rockigere wird vielleicht ein gewisser Schock fürs Publikum"

14. Juni 2008 Es ist Frühsommer auf der Haller Alm oberhalb von Bad Goisern, nur am Dachstein hängen Wolken: Der österreichische Volksmusikrebell Hubert von Goisern sitzt mit seinem Hund Bongo auf der Terrasse der Almwirtschaft.

Wie sagt man jetzt zu Ihnen? Herr von Goisern? Herr Achleitner? Hubert?

Hier sagt man einfach „der Hubert“.

Sie leben seit einigen Jahren in Salzburg. Wie oft kommen Sie noch nach Bad Goisern?

„Musik ist viel größer, als Politik es je sein kann”

„Musik ist viel größer, als Politik es je sein kann”

Leider nicht oft genug. Ich habe so ein kleines Haus oberhalb von Bad Goisern, auf der Sonnenseite, nicht weit von hier. Das lieb ich heiß, es ist so eine Art Rentenversicherung. Da oben habe ich Wasser und Holz zum Heizen. Und wenn es sein muss, stell ich mich mit der Ziehharmonika einmal in der Woche auf den Markt, bis ich genug Geld habe. Dann kaufe ich ein und gehe wieder nach Hause. Das Haus habe ich mir mit dem ersten Geld gekauft, das ich 1992 mit dem Hit „Koa Hiatamadl“ verdient habe, seither brauche ich nicht mehr zu arbeiten.

Ist Geld heute wichtig für Sie?

Geld hilft dir in der Umsetzung einer Idee überhaupt nicht weiter. Du musst es einfach machen. Du kannst dir mit Geld ja auch nicht kaufen, dass jemand für dich ein Buch liest oder auf einen Berg geht. Das wirklich Spannende im Leben musst du selber umsetzen.

Wollen Sie hier in Bad Goisern alt werden?

Ich kann es mir vorstellen. Hier ist ein guter Platz, um zu reflektieren. Aber ob es dann wirklich so wird, weiß ich nicht. Ich lebe in Salzburg und fühle mich sehr wohl. Meine Kinder sind vierzehn und zwanzig Jahre alt, und weil ich die Kontinuität, die mir meine Eltern in dieser Zeit gegeben haben, sehr geschätzt habe, möchte ich die meinen Kindern auch bieten. Ich weiß nicht, ob ich es unterbewusst gesteuert habe, dass ich immer wieder hier lande. Als ich in Toronto gelebt habe und das erste Mal in meinem Leben so weit weg von den Bergen weg war, bin ich depressiv geworden. Das war nicht meine Umgebung. Und ich habe lange gebraucht, um das zu begreifen.

Warum sind Sie damals weggegangen?

Ich hatte das Gefühl, das Tal hat mich ausgespuckt. Hat immer einen Brechreiz bekommen, wenn ich mich bewegt habe. Ich war und bin ein harmoniebedürftiger Mensch und habe darunter gelitten, dass ich immer und überall anecke mit meiner Lebens- und Denkweise. Ich habe mich hier nicht verstanden gefühlt und wollte die Streitereien nicht haben. Aber ich war keiner, der rebelliert und sagt: Die sind alle zu blöd und kapieren das nicht. Da bin ich gegangen.

Sie sind damals wegen Ihrer langen Haare aus der Blasmusikkapelle geflogen.

Die langen Haare waren nur eines von vielen Dingen. Aber diese dauernde Nörgelei hat mich genervt: Ich möge mir die Haare abschneiden lassen, weil die Leute sonst glauben, wir hätten jetzt auch schon Mädchen in der Kapelle - das war ja damals noch nicht der Fall. Ein paar wenige gab es, die spielten Klarinette oder Flöte. Da haben die Leute mit dem Finger auf sie gezeigt und gesagt: Das ist der Niedergang. Aber es gab auch richtig Zoff wegen der klaren Hierarchie: Die Älteren sagten den Jüngeren, was zu tun ist. Und irgendwann haben sie mich rausgeschmissen.

Sie haben das so hingenommen?

Ich habe Jahre später erfahren, dass der Kapellmeister sich immer gedacht hat, das würde ich nicht durchhalten und mich ein paar Tage später entschuldigen.

Was Sie nicht getan haben.

Nein, aber das war sehr schwer. Vor allem, weil ich die Trompete zurückgeben musste. Außerdem hatte ich damals einen wunderbaren, hochmusikalischen und sanftmütigen Musiklehrer. Der hat mich nie geschimpft und gesagt: Du hast schon wieder nicht geübt.

Sie haben nicht geübt?

Ich habe nie geübt. Ich kann nicht üben. Ich glaube, dass Üben generell ein Blödsinn ist. Irgendwelche Kadenzen und Etüden abzuspielen - da bricht der musikalische Charakter. Es gibt ein paar Sachen, die fallen mir im Kopf ein, aber meine Finger machen nicht mit. Dann muss ich das suchen. Aber das ist für mich mehr eine Trance, in die ich reinkippe.

Spielen ist bei Ihnen also auch Komponieren?

Ich bin mein erster und aufmerksamster Zuhörer und kann mich selber immer wieder in Staunen versetzen. Wenn das nicht passiert, wird mir selber fad. Und dann lasse ich es.

Sie spielen Trompete, Gitarre, Mundharmonika, Klarinette, Klavier und Ziehharmonika. Mit welchem Instrument komponieren Sie?

Mit allen. Heute habe ich mir die Trompete und die Ziehharmonika mitgenommen.

Zur Ziehharmonika sind Sie über Ihren Großvater gekommen.

Ja, und zwar sehr spät. Da war ich schon dreiunddreißig oder vierunddreißig.

Und wann haben Sie das Jodeln gelernt?

Das war noch später - mit siebenunddreißig. Ich war die ganze Zeit davon überzeugt, dass man da irgendeinen Defekt haben muss, ohne den es nicht geht. Aber irgendwann haben mich die langsamen Jodler, die es hier gibt, als Gesangstechnik so fasziniert, dass ich sie mir autodidaktisch mit einer Kassette beigebracht habe.

Und plötzlich konnten Sie es und haben hier über die Berggipfel gejodelt - oder wie muss man sich das vorstellen?

Nein, ich muss gestehen: Das Jodeln habe ich während einer Tournee auf einer Autobahnbrücke in Regensburg gelernt.

Wie romantisch.

Es war fürchterlich. Wenn du etwas machst, was du nicht kannst, klingt es erst mal ganz schlimm, ich wollte nicht, dass es jemand hört. Auf der Brücke war es aber so laut, dass ich mich selber nicht gehört habe. Und wenn du es nicht hörst, spürst du es. Sehr viel später haben mir tibetische Sängerinnen erzählt, dass sie zu einem laut rauschenden Wasserfall gehen, um ihre Gesangstechniken zu lernen.

Sie sind einer von zwei bekannten Männern aus Bad Goisern. Der andere ist Jörg Haider, der Landeshauptmann von Kärnten. Sie sind sogar zusammen in die Schule gegangen. Kennen Sie sich gut?

Nein, wir haben uns nie getroffen. Wir waren zwar in der gleichen Schule, aber er ist zwei Jahre älter als ich. Aber wir waren mehr oder weniger Nachbarn. Mein Großvater war ein sehr guter Freund seines Vaters. Ich bin erst viel später drauf gekommen, dass mein Großvater auch das war, was man als Nazi bezeichnen würde. Die beiden haben sich immer zu den Geburtstagen getroffen.

Haider gilt als radikaler Rechtspopulist, Sie als weltoffener Mensch. Unterschiedlicher kann man eigentlich nicht sein.

Aber wahrscheinlich gäbe es mich nicht, hätte es Haiders Vater nicht gegeben. Denn meine Großeltern sind 1945 als Flüchtlinge aus dem Sudetenland durch Zufall nach Goisern gekommen. Sie hatten vierundzwanzig Stunden Zeit, um eine Wohnung und einen Job zu finden, sonst hätten sie sofort wieder gehen müssen. Mein Großvater hat dann seinen Gesinnungsgenossen Robert Haider getroffen, und der hat ihm eine Wohnung und einen Job organisiert. Ich denke mir, wenn's was Gutes gibt, dann war es das.

Wie sind in einem kleinen Dorf wie Bad Goisern zwei so unterschiedliche Biographien möglich?

Für Jörg Haider gab es wahrscheinlich nur zwei Möglichkeiten: entweder vollkommen mit dieser Familie zu brechen oder dieses Erbe weiterzuleben. Da gibt es keinen Zwischenweg, oder er wäre sehr schwer und würde einen starken Charakter voraussetzen. Sein Vater hat meinem Großvater erzählt, dass Jörg nach der Matura nach Amerika gehen wollte - auswandern. Aber vielleicht sollten wir froh sein. Er wäre vielleicht Präsident der Vereinigten Staaten geworden.

Vor zwei Jahren sind Sie mit Heinz-Christian Strache von der FPÖ, Haiders früherer Partei, aneinandergeraten. Strache hatte eines Ihrer Lieder für einen Wahlspot benutzt. Sie haben daraufhin in einem offenen Brief geschrieben: Ich stehe für eine offene, tolerante Gesellschaft, für den Abbau der Ängste vor dem Fremden und Neuen und nicht das Schüren derselben. Ich stehe dafür, den Veränderungen ins Auge zu schauen und nach vorne zu blicken, nicht für den Versuch, die Zeit aufzuhalten oder gar zurückzudrehen.

Hm, ja. Das war aber eher so eine Strafraumschwalbe. Da habe ich nicht drum herum können. Ich musste es als Chance wahrnehmen, um Stellung zu beziehen.

Strache steht für ausländerfeindliche Slogans wie Daham statt Islam, Deutsch statt nix verstehen und Pummerin statt Muezzin. Die Pummerin ist die größte Glocke des Stephansdoms in Wien.

Ja, das ist ganz schlimm. Aber vor so etwas muss man sich nicht fürchten. Da war Jörg Haider schon ein anderes Kaliber.

Im Jahr 2003 haben Sie das Lied Abend spat neu interpretiert. Es war eines der Lieblingslieder von Adolf Hitler.

Das wusste ich aber zuerst nicht. Ein guter Freund hat es mir erzählt, als wir im Studio waren und die Volkslieder aufgenommen haben. Als er gesehen hat, dass „Abend spat“ auf dem Programm steht, hat er gesagt: Das darfst du nicht machen, das kannst du nicht machen. Aber für mich war das ein Grund mehr. Das kann man doch nicht diesen Leuten überlassen.

Sehen Sie in Ihrer Musik auch einen politischen Auftrag?

Musik ist a priori unpolitisch. Musik ist viel größer, als Politik es je sein kann. Und ein schönes Lied kann ja nichts dafür, wenn es jemandem gefällt, den man nicht mag.

Gibt es nicht auch Berührungspunkte zwischen Ihrer Traditionsauffassung und der von Rechtsnationalen?

Doch, zum Teil haben sich spannenderweise die Klientelen überschnitten. Dieses nationale und rückbesinnende Gedankengut ist nicht meine Art. Aber trotzdem: Ich habe Tradition im Hier und Jetzt verkörpert, und deswegen sind sicher zwanzig Prozent meines Konzertpublikums aus der rechten Ecke gekommen. Viele meiner Kollegen haben gesagt: Ah, das ist ja unangenehm. Aber ich empfand das nicht so. Ich finde das eigentlich toll, dass die nicht nur in ihren Bierzelten hocken, sondern bei mir ein Alternativprogramm bekommen. Da kommen sie nach dem Konzert anders heraus, als sie zuvor reingegangen sind. Das muss ihnen zu denken geben.

Auf Ihrer neuen CD S'Nix gibt es keine Volkslieder, sondern wieder im Dialekt gesungene Popmusik - wie früher.

Das Rockigere und Poppigere wird vielleicht ein gewisser Schock fürs Publikum, das ja mit mir älter geworden ist. Und nicht alle sind so experimentierfreudig, wie ich es bin. Aber ich kann nicht Volkslieder bis zum Abwinken spielen.

Dafür gibt es ein Fußball-Lied - die Bearbeitung einer WM-Reportage von Heribert Meisel aus dem Jahr 1954. Haben Sie das kalkuliert für die Europameisterschaft gemacht?

Die Idee für „Rotz und Wasser“ gibt es schon seit 1991. Wenn wir es jetzt nicht gemacht hätten, dann wäre es nichts mehr geworden. Uns ist da etwas gelungen, was mit Fußball und Euphorie und Emotion zu tun hat. Außerdem lasse ich jemanden zu Wort kommen, der viel befugter ist als ich: den Hörfunkreporter Heribert Meisel.

S'Nix beginnt sehr laut mit viel Schlagzeug und Gitarre.

Die CD ist im vergangenen Sommer entstanden, als wir auf einem Schiff auf der Donau unterwegs waren und auf dem Deck gespielt haben. Die Bühne war immer sehr weit weg vom Publikum, da musst du mit großen musikalischen Gesten arbeiten.

Gegen Ende hin wird es aber immer ruhiger.

Wenn man die Platte durchhört, dann ist man beim Nichts angekommen:“S'Nix“. Es fängt mit einem Knall an, und dann wird es immer stiller bis zum letzten Instrumentalstück „Hermann“ - dann ist man an der Stille angelangt und hört, dass es zu Ende ist. Dann ist es aus.

Zur Person

Hubert Achleitner wird am 17. November 1952 in Bad Goisern geboren. Schon mit fünf Jahren erklärt er seinen Eltern, dass er Dirigent werden will, und spielt in der heimischen Musikkapelle Trompete, bis er wegen seiner langen Haare hinausfliegt. Er lernt Gitarre, Klarinette, Klavier und Mundharmonika. Für die Ziehharmonika, mit der er heute vor allem identifiziert wird, beginnt er sich erst in den achtziger Jahren zu interessieren. In dieser Zeit legt er sich auch seinen Künstlernamen Hubert von Goisern zu.

Mit „Koa Hiatamadl“ und dem Album „Aufgeigen statt niederschiassen“ kommt 1992 der Durchbruch. Hubert von Goisern und die Alpinkatzen gelten bald als erfolgreichste Vertreter des sogenannten Alpenrocks: im Dialekt gesungene und mit traditionellen Elementen durchsetzte Popmusik.

Nach ausgedehnten Reisen und musikalischen Ausflügen in die Weltmusik widmet sich Hubert von Goisern 2001 und 2003 dem Liedgut seiner Heimat, das er auf den Alben „Trad“ und „Trad II“ neu interpretiert.

Im Sommer 2007 fährt von Goisern auf einem zur Bühne umgebauten Frachtschiff von Linz donauabwärts bis ans Schwarze Meer. Danach nimmt er die soeben erschienene CD „S'Nix“ auf. Ab 27. Juni geht die „Linz Europa Tour“ weiter - diesmal über den Main-Donau-Kanal bis nach Rotterdam.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ASSOCIATED PRESS, Burkhard Neie

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche