14. September 2008 Im Krankenhausflur nähert sich Volker Sturm. Der weiße Arztkittel sitzt akkurat über der grünen Operationskleidung. Wir gehen in sein Büro, drei bunte Matisse-Reproduktionen hängen an den Wänden. Zunächst wird der Neurochirurg nochmals in den OP gerufen. Dann erzählt er vom Alltag in der Medizin, vom Hoffen, Bangen und Scheitern - und den Rätseln des Gehirns.
Herr Professor Sturm, Sie wirken ruhig.
Ach ja?
Und das nach fünf Stunden Operation. Wie geht es den beiden Patienten, die von Ihrem Team noch weiter operiert werden?
Es läuft alles sehr gut. Ich musste mir die Operationsplanungen noch einmal ansehen.
Aber nicht wegen Komplikationen?
Nein, nein. Bei dem einen Patienten bestrahlen wir stereotaktisch einen Tumor in der Hirnanhangsdrüse. Und auch bei dem Kind sieht alles bestens aus.
Ein Kind?
Ja, es leidet unter willkürlich nicht beeinflussbaren Muskelverkrampfungen und unwillkürlichen Bewegungen. Es ist zusammen mit seinen Eltern aus Qatar eingeflogen. Seit der Geburt hat es einen verschobenen Schädel und war schon überall auf der Welt bei Ärzten. Nun sollen wir helfen.
Klingt nach hohem Druck. Wie bereiten Sie sich auf einen Operationstag wie heute vor?
Ich brauche keine spezielle Vorbereitung. Das ist für mich Alltag. Aber an besonders langen OP-Tagen achte ich darauf, dass ich ausgeschlafen bin. Ansonsten halte ich mich mit Jogging fit, mache Boxtraining und verzichte ungern auf meine Gymnastikübungen.
Sie operieren nicht nur Tumorpatienten, sondern sind vor allem Pionier in der Tiefenhirnstimulation, einem Verfahren, bei dem Patienten tief ins Gehirngewebe kleinste Elektroden eingesetzt werden, die mit elektrischen Impulsen kranke Nervenzellen wieder fit machen. Bei Parkinson ist die Methode etabliert. Doch die Anwendung bei psychiatrischen Fällen wie Depression oder Zwangserkrankungen ist relativ neu. Seit wann operieren Sie solche Fälle?
Das war vor acht Jahren. Es war eine Patientin mit einer schwersten Angststörung, die nicht mehr das Haus verlassen konnte. Sie hatte viele Jahre in psychiatrischen Kliniken verbracht. Eine Therapie mit konventionellen Mitteln war aussichtslos. Ein Jahr nach der Operation war die Frau gesund. Bis heute.
Wie operiert man eine Angststörung?
Ich habe den Nucleus accumbens, ein wichtiges Stellglied im Belohnungssystem, als Zielareal für den Hirnschrittmacher angesteuert. Damals war ich weltweit der erste Operateur, der das auf diese Weise getan hat. Unser Ziel war es, eine reversible Läsion durchzuführen. Früher hat man die Areale einfach ausgeschaltet - was übrigens immer noch in einigen Kliniken praktiziert wird. Aber solche irreversiblen Verfahren werden immer seltener.
Patienten, die mit einem psychiatrischen Leiden oder Parkinson zu Ihnen kommen, klagen oft, sie seien nicht mehr sie selbst. Nach dem Eingriff ins Gehirn zeigen die Patienten dann veränderte Verhaltensweisen, fühlen sich wieder wohl mit ihrer Persönlichkeit. Ist das ein Kompliment an Sie? Oder fürchten Sie, einen neuen Menschen erschaffen zu haben?
Es ist schon denkbar, dass ich mit meinen Eingriffen die Persönlichkeit der Menschen verändere. Aber praktisch ist das nicht der Fall. Selbst wenn nach der Operation bei Parkinson-Patienten psychiatrische Nebenwirkungen auftreten, heißt das nicht, dass ganz neue personale Identitäten entstanden sind. Nebenwirkungen wie Verwirrtheit, Orientierungsstörungen oder manische Episoden dauern nicht lange an und sind voll reversibel. Meist liegt es daran, dass nach der Operation die Medikation zu schnell abgebaut wird. Das muss behutsam durchgeführt werden. Nach einigen Wochen können die Patienten meist ihre zuvor recht umfangreiche Medikamentenration wesentlich oder sogar komplett absetzen.
Einer Ihrer Parkinson-Patienten, der Soziologie-Professor Helmut Dubiel, leidet seit der Operation unter den Nebenwirkungen des Hirnschrittmachers, schaltet ihn immer an oder aus, je nachdem, ob er sprechen oder sich flüssig bewegen will. Beides zusammen funktioniert nicht. Mit dem Schrittmacher kann er wieder zitterfrei leben. Dubiel hat ein Buch darüber geschrieben. Wie wirkt es auf Sie?
Herr Dubiel hat seine Gefühle und Empfindungen vor, während und nach der Operation detailliert geschildert. Auch, dass er nach dem Eingriff noch ein ganzes Jahr unter schweren Depressionen litt, die er als Höllentrip bezeichnet. Wir waren überrascht, als wir das hörten - zumal er für die Nachuntersuchungen nicht zu uns kam. Ich wusste also nichts von den Beschwerden. Nach dem Erscheinen des Buches habe ich ihn dann in einer Talk-Runde im Radio gesprochen. Dort sagte er, dass er am Tage nach der Operation alle Medikamente eigenmächtig abgesetzt hat, ohne uns und die nachbehandelnden Ärzte darüber zu informieren. Das hatte natürlich katastrophale Folgen und erklärt seine außergewöhnlichen Störungen. Er sagte aber auch, dass er von einem absoluten Gegner zu einem vorsichtigen Befürworter der Hirnstimulation geworden sei. Denn ohne den Schrittmacher könne er nicht mehr leben. Ich halte das Buch für wichtig und lesenswert.
Warum?
Ein Tabu wurde gebrochen. Schwerste chronische Erkrankungen wie Parkinson sowie psychiatrische Leiden sind kein Tabuthema mehr. Das ist besonders für die psychiatrische Chirurgie wichtig, denn sie ist seit den Erfahrungen mit der Leukotomie stigmatisiert. Ende der vierziger Jahre war dieses Operationsverfahren entwickelt worden, bei dem Nervenverbindungen zwischen präfrontalen Regionen und dem Thalamus durchtrennt wurden. Die Patienten waren ruhiggestellt, ihre Emotionalität wurde aber massiv beeinträchtigt. Das bedeutete damals für die psychiatrischen Kliniken, die zu der Zeit oft noch den Charakter von Horror- und Verwahrungsanstalten hatten, Entlastung. Viele Patienten wurden damals unnötigerweise leukotomiert, sie hätten auch anders therapiert werden können. Ihr Leben wurde verpfuscht. Diese schrecklichen Zeiten sind zum Glück vorbei. Aber chirurgische Eingriffe an psychisch Erkrankten sind seither umstritten.
Haben Sie schon mal ans Aufhören gedacht?
Es gab durchaus schwere Zeiten, in denen ich mich mit Vorwürfen geplagt habe. Wenn man zum Beispiel während einer Operation eine Entscheidung treffen muss und es kommt wider besseres Wissen zu Komplikationen. Dann fühlt man sich schuldig, redet sich ein, man hätte es verhindern können, wenn man sich anders entschieden hätte. Aber an solchen Gedanken darf man nicht kleben bleiben, sonst wird man handlungsunfähig.
Alles hinzuschmeißen, so weit kam es nie?
Nein. Nur einmal, als junger Arzt, wäre ich beinah ausgestiegen. Wir hatten eine neue Methode angewandt - und es gab Todesfälle, obwohl wir alles Menschenmögliche getan hatten. Ich habe monatelang mit der Verarbeitung gekämpft.
Sie bohren Schädel auf, beeinflussen mit Stromstößen die Gefühlslage eines Menschen. Was fasziniert Sie so an der Neurochirurgie?
Das Gehirn mit seinen hundert Milliarden Nervenzellen ist für mich das weitaus interessanteste Organ. Es ist die Denk- und Fühlzentrale des Menschen. Ich habe mich schon als Student für keine andere Disziplin in der Medizin wirklich interessiert. Diese terra incognita zu erforschen, finde ich hochspannend.
Sie sind Christ, glauben an einen Gott. Haben Sie eine Antwort auf die Theodizee-Frage, wie das viele Leid mit der Vorstellung eines gütigen, allmächtigen Gottes zusammenpasst?
Nein, ich kann nur mit Jesus antworten: Solange es die Welt in ihrer jetzigen Form gibt, wird es Leid geben. Aber warum es den einen trifft und den anderen nicht, entzieht sich dem menschlichen Verständnis. Aber als Arzt hat man die Verpflichtung, Leid zu lindern, wo es nur geht.
Eine Welt ohne Leid, ist das erstrebenswert?
Das wäre natürlich toll. Auch wenn die Erfahrung von Leid sicher für die Persönlichkeitsentwicklung wichtig ist und womöglich nicht in Gänze entfallen sollte. Aber aus meiner Perspektive als Neurochirurg ist Leid definierbar - und sollte dann auch bekämpft werden. Die Patienten, die zu mir kommen, sind definitiv krank und leiden massiv. Ich denke, da haben wir als Ärzte nicht nur die Befugnis für neurochirurgische Eingriffe, sondern auch die Verpflichtung zu intervenieren. Aber die Medizin hat ihre Grenzen.
Aber auch ihr Potential: Was halten Sie von den Ankündigungen, dass wir bald mittels pharmakologischer Substanzen oder Neuro-Implantaten unsere menschliche Leistungsfähigkeit werden steigern können?
Ich glaube schon, dass es möglich sein wird, etwa mittels Neuromodulation die Gedächtnisleistung zu optimieren. Ich lehne das ab. Für mich ist das schwerer Missbrauch, vergleichbar mit Doping im Sport. Wir sollten die Methoden nur bei Krankheiten anwenden, vor allem die operativen Verfahren. Wo kämen wir sonst hin? Für Einzelne würde eine Steigerung der Möglichkeiten vielleicht gewinnbringend sein. Aber das Leistungsniveau würde sich dann so weit nach oben verschieben, dass man ohne Eingriff gar nicht mehr konkurrenzfähig wäre. Es würde uns entmenschlichen. Ich halte Neuro-Enhancement für extrem gefährlich.
Verschiebt Enhancement die Grenze zwischen gesund und krank?
Ich verstehe unter Krankheit einen Zustand, der durch eine Fehlfunktion bestimmter Organe verursacht ist und der Leid verursacht. Ich glaube schon, dass die Grenzen des Begriffs Krankheit - inkorrekterweise immer weiter ausgedehnt werden, zumindest in unserer Überflussgesellschaft. So wird etwa immer mehr kosmetischen Mängeln Krankheitscharakter zugeschrieben.
Sie lehnen Schönheitsoperationen ab?
Für mich liegt die Veränderung des Äußeren durch operative Eingriffe auf einer anderen Ebene als die Steigerung von Gehirnfunktionen. Da gibt es einen qualitativen Unterschied. Von daher lehne ich Schönheitsoperationen nicht kategorisch ab. Allerdings sollten diejenigen, die sich verschönern wollen und bei denen keine medizinische Indikation vorliegt, die Kosten des Eingriffs selber tragen. Aber das ist ja auch der Fall.
Wie abwegig ist es, zu sagen, man könne aufgrund von Aufnahmen der Gehirnaktivität erkennen, ob jemand gut ist oder böse?
Das ist lächerlich. Ich beschäftige mich seit knapp vierzig Jahren täglich mit dem Gehirn. In diesem Zeitraum haben die Grundlagenforschung und die klinische Forschung zwar Fortschritte gemacht. Gemessen an der Komplexität des Gehirns aber sind die Ergebnisse sehr bescheiden. Wir können nur äußerst simple Funktionen des Gehirns - und das auch nur sehr grob und andeutungsweise - neurophysiologisch beschreiben. Moralische Qualitäten durch Funktionsdarstellung des Gehirns zu analysieren ist unmöglich. Bei Beurteilungen, etwa der Kernspintomographie oder der Positronenemissionstomographie, sollte man äußerst vorsichtig sein.
Können Sie das erklären?
Die funktionellen Schnittbildverfahren zeigen zwar, welche Gehirnareale bei bestimmten Aktivitäten vermehrt durchblutet werden. Aber es ist ein Fehler, daraus zu schließen, dass mit der Zunahme der Durchblutungsstärke auch die Funktionalität, etwa die Intelligenzleistung, zunimmt. Das ist ein Fehlschluss in der Bildgebungseuphorie. Durchblutungssteigerung kann nämlich ebenso eine Hemmung bedeuten. Und es gibt Fälle, in denen die intellektuelle Leistung dann am größten ist, wenn das Gehirn ganz ruhig ist. Auf Basis dieser unsicheren Forschungsergebnisse zu behaupten, man könne zum Beispiel religiöse Fundamentalisten identifizieren, ist Unsinn.
Uta Bittner
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Burkhard Neie
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