Moderne Schatzsuche

Die Suchmaschine bist du

Von Sandra Kegel

21. Juni 2008 Seltsames geht vor im deutschen Wald. Unter den herrlichen Bäumen, die schweigend von der Stille zehren, raschelt es plötzlich hektisch unterm Tannengeäst. Menschen kämpfen sich, fern der Forstwege, durchs Unterholz und scheuen offenbar weder Brennnesseln noch Zecken. Die Natur haben sie kaum im Blick, dafür stets den kleinen Satellitenempfänger, den sie mit sich führen. Nun barg der Wald schon immer Geheimnisse, neuerdings aber ist er regelrecht übersät davon, denn er ist zur Kulisse für Geocaching mutiert, jener Hightech-Variante der Schnitzeljagd, die inzwischen die hartnäckigsten Sofakartoffeln hinaus ins Grüne zieht.

Rund fünfzigtausend Schätze liegen bislang in Deutschland versteckt, und täglich werden es mehr. Sie verheißen zwar kein sorgenfreies Leben, reich wird man nicht mit dem Krimskrams, der in Einmachgläsern oder Tupper-Dosen verstaut ist, dafür macht das Suchen und Finden Spaß – und erweitert die Kenntnisse in Heimatkunde ebenso wie im Umgang mit moderner Technologie. Man braucht ein mobiles Navigationsgerät, ein wenig Spürsinn und Kombinationsgabe, und schon lassen sich in Astlöchern, unter Wurzeln oder auf Hochsitzen so herrliche Funde machen wie Casino-Jetons, Schlüsselanhänger oder selbstaufgenommene Kassetten.

In Hamburg lagern unter Brücken und Geländern sechshundert Schätze

Auch die Städte gehören längst zum Geocaching-Land, allein in Hamburg lagern unter Brücken, an Geländern und Häuserwänden sechshundert Schätze. In Berlin finden sie sich an der Gedächtniskirche und auf dem Schlossplatz in Mitte, oberhalb des Eibsees bei Grainau liegt einer in 1876 Meter Höhe. Vierhunderttausend Caches soll es weltweit geben, im Vatikanstaat ebenso wie in Bagdad, in der Antarktis oder eben in der Nähe des eigenen Vorgartens.

Bis vor kurzem zählten auch wir noch zu den geomuggels, den Nichteingeweihten also, wie sie von den modernen Schnitzeljägern frei nach Harry Potter genannt werden und die es unbedingt auszutricksen gilt – Geocaching hat durchaus etwas Konspiratives. Nun hat also uns das Jagdfieber gepackt, und wir fahnden im Frankfurter Stadtwald nach unseren ersten Schatz. „RAF-Erddepot“ hat ihn sein Verstecker im Internet betitelt und mit den Koordinaten N50º03984 E 008°45885 versehen. An diesem Punkt sollen wir die Adresse einer Fernmeldemeisterei finden, die uns Aufschluss über unsere nächsten Schritte gibt.

Navi zwingt Schatzsucher unerbittlich in die Wildnis

Zu Fuß ziehen wir vom Parkplatz los und werden von unserem GPS-Gerät bald vom Waldweg ins unwegsame Gestrüpp geführt. Schnaken sind unsere ständigen Begleiter, auch mit dem Kinderwagen kommen wir nur beschwerlich voran, doch das Navi zwingt uns unerbittlich in die Wildnis. Irgendwann nähern wir uns, was sich schon akustisch andeutet, der A3, und jetzt wird klar, dass sich unser erstes Ziel auf einem Autobahnparkplatz befindet; leider steht zwischen ihm und uns ein hoher Zaun. Frauen und Kinder bleiben zurück, während die Männer sich übers Eisengitter schwingen und nach einer Weile tatsächlich mit der ersten Zahlenbeute zurückkehren.

Der erste Teil der Suche ist geschafft, nun beginnt, nach einiger Rechnerei, der Weg zu den nächsten Koordinaten. Doch sosehr wir auch suchen und immer wieder neu überlegen, stellt sich bald nur eines heraus: dass wir uns trotz des unterstützenden Satelliten im All hier unten im Wald heillos verirrt haben, von „RAF-Erddepot“ keine Spur. Erschöpft ruhen wir uns aus und lesen noch einmal die Geschichte des echten RAF-Depots, die der findige Verstecker in seiner Beschreibung netterweise gleich mitgeliefert hat. Ganz in unserer Nähe waren im Oktober 1982 Spaziergänger zufällig auf ein Versteck der Terroristen gestoßen, in dem sich nicht nur Waffen, Munition und Geld befand, sondern auch Listen über geplante Attentate sowie verschlüsselte Wegbeschreibungen zu weiteren Deopts. Die Polizei legte sich auf die Lauer, und prompt liefen ihr fünf Tage später hier im Stadtwald Brigitte Mohnhaupt und Adelheid Schulz in die Arme; kurz darauf konnte anhand des Waldfunds Christian Klar verhaftet werden.

Manche Schätze sind kaum zu sehen

Zwei Tage hatte die Polizei gebraucht, um die Verschlüsselungen der Terroristen zu knacken. Ob unser Geocacher, der sich im Internet nur der „Badener“ nennt, sein Versteck womöglich ebenso anspruchsvoll verrätselt hat, fragen wir uns besorgt. Denn die rund fünfzehntausend Geocache-Spieler in Deutschland sind beim Suchen der Verstecke mindestens so ehrgeizig und phantasievoll wie beim Verstecken derselben. Manche Schätze sind kaum zu sehen, weil sie so klein sind, nur aus einer Filmdose mit eingerolltem Logbuch bestehen, in das man sich stets einträgt.

Für manche benötigt man mehrere Stationen, es müssen Rätsel gelöst werden, andere sind nur nachts zu finden, weil Reflektoren eine Rolle spielen, oder sind nur aufzuspüren, wenn man sich zu einer bestimmten Uhrzeit an einem bestimmten Ort aufhält, um etwa den Schatten eines Gebäudes verfolgen zu können. Der Einfallsreichtum der Geocacher kennt keine Grenzen – was, obwohl sie so gern im Verborgenen wirken, bisweilen zu großer Aufregung führt: Passanten haben schon die Polizei gerufen, weil sie glaubten, einen Drogendealer auf frischer Tat ertappt zu haben. Im vorigen Jahr legte ein Cache die Schifffahrt im Rhein-Herne-Kanal lahm, und der Kampfmittelräumdienst rückte an, weil man einen mit Klebeband umwickelten Schatz für eine Bombe hielt. Ein Cache in einer Vitamintablettendose, hinterlegt in der Einflugschneise, löste Großalarm am Flughafen Tegel aus.

Erfunden hat die moderne Schatzsuche, die mitnichten ein Kinderspiel ist, der Amerikaner Dave Ulmer. Als seine Regierung am 1. Mai 2000 die Verschlüsselung der GPS-Daten aufhob und es damit jedem möglich war, mit einer Abweichung von höchsten zehn Metern zu navigieren, versteckte Ulmer einen Schatz im Wald bei Portland. Die Koordinaten und ein paar Regeln veröffentlichte er im Internet und bat die Finder, sich ins Logbuch einzutragen und, falls man etwas mitnahm, etwas Gleichwertiges im Schatz zu hinterlassen. Das Prinzip gilt bis heute. Nicht wenige Geocacher planen heute selbst bei Reisen ins Ausland eine kleine Schatzsuche in London oder im Outback Australiens ein. Für die Daheimgebliebenen kann das Spiel die Spannung beim sonntäglichen Familienausflug ungemein erhöhen. Auch wir haben unser „RAF-Erddepot“ am Ende gefunden. Nur so viel sei verraten: Waffen waren nicht darin.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp

 
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