Leserreporter

Unter deutschen Dächern

Von Michael Hanfeld

20. November 2006 Der Sommer war sehr groß. Wir waren Weltmeister. Fast. Und wir waren Papst. Wir waren ein anderes Land, ein paar Wochen lang. Bis Klinsi zurück nach Amerika und Benedikt XVI. zurück nach Rom ging. Wir waren dabei. Doch wir haben nicht alles gesehen.

Den Papst zum Beispiel haben wir gesehen und auch wieder nicht, zumindest nicht so wie hier. Auf dem Balkon des Hauses seines Bruders in Regensburg sitzend, umringt von seinen Prälaten, ein Schnäpschen trinkend. Ein Bild wie aus dem Deutschland der fünfziger Jahre, eine Spitzweg-Idylle, bei der sogar die Farben der priesterlichen Roben zu den blühenden Geranien passen. Da ist einer dem Papst aufs Dach gestiegen und hat, nichts Böses im Sinn, ihn nicht nackt, aber als privaten Menschen gesehen. Die Empörung über die islamkritische Bemerkung in Benedikts Vorlesung ist weit. Der Papst ist mein Nachbar.

Privatsphäre war gestern

Das Bild hätte in der „Bild“-Zeitung stehen können. Denn einer der unzähligen „Leserreporter“ der Boulevardzeitung hat es der Redaktion zugeschickt. Sollen wir oder sollen wir nicht, fragte sich die Chefredaktion und schreckte dann doch davor zurück, das friedlich scheinende Foto zu veröffentlichen. Denn jeder hätte sich gefragt, wie es zustande kam. Es hätte die Schlacht um die Leserreporter auf die Spitze getrieben. Sie seien eine „Schande“ für den Journalismus, hat Michael Konken, der Vorsitzende der Journalistengewerkschaft DJV, gesagt. Jetzt sei niemand nirgendwo mehr dagegen gefeit, von einem Anonymus abgelichtet und am nächsten Tag in die Zeitung gerückt zu werden. Privatsphäre war gestern, sagen die Kritiker, vor allem Anwälte von Prominenten und Journalisten. Sie haben recht. Doch sie heucheln.

Denn es macht sich inzwischen jeder das ganze Bild, überall und immerfort, vor allem im Internet, ob bei MySpace oder YouTube. Mit dem Handy ruft man nicht zuerst den Notarzt, die Feuerwehr oder die Polizei, sondern macht ein Foto und stellt es ins Netz. Schießen professionelle Fotografen ein Bild mit Prominenten und Masse, ist garantiert einer in Sicht, der gerade sein Handy hochhält, um zu knipsen. Seht her, ich bin dabei, ich bin mittendrin, ich bin ganz nah dran. Wer fotografiert, begeht nicht Selbstmord, hat der französische Soziologe Pierre Bourdieu einmal gesagt. Wer fotografiert, der hält sein Leben und den Augenblick fest, der verweilen soll. Und doch stellen uns die „Leserreporter“ nach - und entlarven uns zugleich als die Voyeure, die wir sind.

„Bild“ druckte schon 1100 Bilder

Sie sind da, bevor die Fotografen der Nachrichtenagenturen auftauchen. Sie zeigen Autos, die brennen, und nicht erst die Löscharbeiten der Feuerwehr. Das macht sie für den Journalismus so interessant, ja unentbehrlich. „Mit den Leserreportern überwinden wir Zeit und Raum“, sagt der „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann. Und weil das so ist, hat sein Blatt inzwischen etwa 1100 Bilder von Leserreportern gedruckt. Mehr als 249.000 Euro an Honoraren sind geflossen. Für jeden Schnappschuß gibt es zwischen hundert und fünfhundert Euro. Drei Klagen von Prominenten sind eingegangen, alle vom selben Anwalt. Ganze Seiten füllen die Leser-Bilder inzwischen, sie machen Nachrichten. Zwanzigtausend Bilder von Lesern hat die Redaktion gebunkert, täglich werden es tausend mehr; im Sommer waren es bis zu 2500. Nur die wenigsten zeigen Prominente in peinlichen Posen.

Doch nicht nur der Boulevard hat die Bedeutung der Leser als Fotografen entdeckt - von der „Bild“ in Hamburg bis zur „tz“ in München. Angefangen hat die „Saarbrücker Zeitung“ damit. Sie ist dem Vorbild des norwegischen Boulevardblatts „VG“ gefolgt, das mit Fotos vom Tsunami Aufsehen erregte. Der „Stern“ hat den Lesern mit „Augenzeugen.de“ ein Portal eingerichtet und festgestellt: „Gute Pressefotos werden immer öfter von Amateuren gemacht. Mit Kleinkameras oder Knips-Handys sind sie oft schneller als Profi-Fotografen.“ Nachrichtenwert sollten die Bilder haben, schreibt der „Stern“ zu seinem Portal und sagt: „keine Chance für Möchtegern-Paparazzi“. Doch was hat Nachrichtenwert? „Gesucht wird alles, was Chancen hat, veröffentlicht zu werden: Bilder von Naturereignissen etwa, von Prominenten, von Sportereignissen, Naturkatastrophen und Unfällen.“

Ein gähnender Kardinal

Und so sieht das dann aus: tödlicher Verkehrsunfall auf der A7 zwischen Nörten-Hardenberg und Northeim-West (4. November, 4.55 Uhr), ein verkohlter Schuh neben einem Auto. In Göttingen muß sich ein junger Mann, dessen Gesicht nur halbherzig unkenntlich gemacht worden ist, einer Alkoholkontrolle stellen (4. September, 13 Uhr). Ein verwundeter Kfor-Soldat wird nach einem Minenunfall im Flugzeug nach Deutschland transportiert (keine Orts- und Zeitangabe). Angela Merkel und Wladimir Putin mit grimmiger Miene in Dresden beim Petersburger Dialog. Kardinal Lehmann gähnt in Mainz.

Bei augenzeuge.de können Leserreporter mit ihren Bildern noch mehr Geld verdienen als bei „Bild“. Die Profis stellen sie regelrecht ein. Die Aufnahmen werden von der Agentur Picture Press, die wie der „Stern“ zu Gruner + Jahr gehört, vermarktet. Ein Bild, das in die Zeitung kommt, bringt, je nach Auflage, 45 bis hundert Euro, landet es auf dem Titel einer Illustrierten mit Millionenauflage, steht ein Honorar von 820 Euro ins Haus.

Bestellungen via Laufband

Die Bilder von Lesern lohnen sich also, für beide Seiten, sie werden professionell eingebunden, was die journalistische Erregung über die Amateure als Heuchelei ausweist. Was die Leitartikler verdammen, kaufen die Fotochefs ein. Sogar beim Fernsehen werden die Bilder eingeworben. Während des Papst-Besuchs forderte das ZDF sein Publikum im Internet auf, dazu die schönsten Bilder einzusenden - ein solches wie von dem unbekannten „Bild“-Leser war freilich nicht dabei. Und bei dem Nachrichtensender CNN geht längst nichts mehr ohne die „Citizen Reporter“. Das war zuletzt bei den Bombenanschlägen auf die U-Bahn in Bombay zu sehen, als den ganzen Tag Videoeinspielungen von Zuschauern liefen; ein Laufband forderte auf, für Nachschub zu sorgen. Bei N24 gibt es die „Augenzeugen“ schon seit einem Jahr.

Damit wirklich niemand auf den Nachschub verzichten muß, hat sich eine Tochterfirma der Deutschen Presse-Agentur, die dpa-Infocom, die 2005 die Mobilplattform „Minds“ gestartet hat, welche inzwischen rund fünfzig Regionalzeitungen nutzen, etwas einfallen lasse: man kann Schnappschüsse vom Fotohandy als Bilddatei in die Redaktion senden. Big Brother is watching you.

Wie nah sich „Bild“ und „SZ“ kamen

Das Kardinalbeispiel für die wachsende Bedeutung der Leserreporter hat wiederum die „Bild“-Zeitung abgeliefert. Als am 22. September das Unglück auf der Transrapid-Strecke im emsländischen Lathen geschah, machte ein „Bild“-Leser das erste Foto. Die Redaktion stellte es ins Internet. Kaum war es da, rief die Deutsche Presse-Agentur (dpa) an, kaufte das Bild und verbreitete es weiter - unter ihrem Signet. Und so erschien das Bild im Internet, dann beim „Spiegel“, bei „Focus“, beim „Stern“ und landete am nächsten Tag auf der Titelseite der „Süddeutschen Zeitung“. Fotonachweis: dpa. In Wahrheit war es die Aufnahme des „Bild“-Leserreporters. So nahe waren sich „Bild“ und „SZ“ selten.

Die Amateurbilder sind schnell, und sie wirken authentisch. Vor Fälschungen ist man auch bei ihnen nicht gefeit, doch dafür sind die Redakteure da, die ihre Bilder auswählen. Und die auf professionelle Bilder am ehesten hereinfallen, so wie einst „Stern TV“ auf die „gefakten“ Filme von Michael Born oder in diesem Sommer die dpa und andere Agenturen auf Bilder, die das Leid der Menschen nach Bombenangriffen der Israelis in Beirut zeigen sollten - ein Fotograf hatte sie gestellt.

Sie haben wenig zu befürchten

Zum Fürchten sind die Leserreporter dennoch. Denn die Hemmschwelle, Menschen gerade in unpassendsten Gelegenheiten festzuhalten, sinkt erheblich, wenn Zeitungen einen anstacheln und es auch noch Geld dafür gibt, andere bloßzustellen. Nicht ohne Grund gibt es inzwischen Dienstanweisungen für Rettungssanitäter und Feuerwehrleute, doch bitte ihren Job zu tun und nicht erst an ein Foto zu denken. Doch vor allem dem gemeinen Blockwart von nebenan ergeben sich ganz neue Möglichkeiten: ein Polizist ohne Helm auf dem Moped, ein anderer mit Handy im Auto, ein Hundebesitzer, der seinen Vierbeiner mit dem Hochdruckreiniger duscht. Sie alle werden ertappt und, im engeren sozialen Kreis, erkannt und lächerlich gemacht. Nachrichtenwert haben solche Bilder nicht. In der Zeitung landen sie trotzdem. Dabei könnten sich die Abgebildeten wehren, denn verletzt wird, so sie zu erkennen sind, ihr Recht am eigenen Bild. Die Leserreporter jedoch haben in der Regel wenig zu befürchten, Redaktion und Verlag müssen für ihre Fotos genauso geradestehen wie für die der Berufsfotografen.

Doch ist ihnen nach dem Bild unter Umständen nicht mehr so wohl. Der Chefredakteur der dpa, Wilm Herlyn, der sich einmal privat als „Bild“-Leserreporter betätigte, sagt, er würde es nicht wieder machen. Aus einer „Urlaubslaune“ heraus hatte er seinen Freund, Fernsehmoderator Heiner Bremer, badehosennackig am Strand fotografiert. Das fällige Honorar spendete Herlyn für einen guten Zweck. Professionell sagt er zu Leserreportern für seine Agentur ein klares „nein“.

Good guy, bad guy

Fürchten müssen die Leserreporter auch die, mit denen man sie verwechselt: Paparazzi werden arbeitslos. Wo sie, hinter Hecken und Büschen getarnt, mit dem Teleobjektiv auf den Abschuß von Prominenten warten, machen Amateure im Vorübergehen die schärferen Bilder: von Kylie Minogue, Madonna oder Gerhard Schröder. Und da das so ist, bekommen die Verfemten des Journalismus, die Paparazzi, die die sterbende Prinzessin Diana im Autowrack abgelichtet haben, plötzlich einen guten Ruf. Wobei der Chefredakteur der „Gala“, Peter Lewandowski, in einem Fachdienst die Branche wunderbar entlarvt hat: „Ein echtes Paparazzibild“, hieß es da, „ist so gut wie immer von den Stars selbst gesteuert. Das ist ein Geben und Nehmen.“ Leserreporter sind auf so etwas nicht angewiesen. Sie gehen und nehmen - ein Bild mit. Und geben es weiter, ob mit Honorar oder ohne. Und glaubt wirklich jemand, daß die Profi-Bilder, die Sabine Christiansen mit ihrem neuen Freund zeigen, gegen ihren Willen erscheinen? Vieles, das als knallharter Boulevard erscheint, ist nichts anderes als die „Good guy, bad guy“-Variante der sogenannten People-Presse.

Daß ein Bild ein „Scoop“, also eine journalistische Glanzleistung, sein kann, trägt die schottische Agentur „scoopt.com“ im Namen. „Snap . . . send . . . sell“, fordert sie ihre Leser im Internet auf: Fotografier, sende, verkauf es - an die Presse natürlich, die schon früher Bilder und Videos von Lesern gebracht hat, als es dafür noch keinen Begriff gab. Das Attentat auf Kennedy, der Tsunami, Bär Bruno, die brennende Concorde, der Tiefflieger Mathias Rust auf dem Roten Platz - all das haben Leser und Zuschauer als erste gesehen. Sie werden zu Zeugen und vom Zeugen zum Reporter. Sie müssen heute nicht mehr warten, bis ein Journalist vorbeikommt und sie fragt. Sie sehen und senden. Oder stellen ins Netz. Wenn man so will, sind die Aufnahmen aus Abu Ghraib und die Bundeswehrbilder aus Afghanistan auch solche von Leserreportern.

Jagd auf den „Bild“-Chef

„Wir können das Rad der technologischen Entwicklung nicht mehr zurückdrehen“, sagt der „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann und sieht es naturgemäß positiv: „Wir sind durch die Leserreporter wieder ein Stück schneller geworden.“ Vor drei Jahren schon führte Diekmann Gespräche mit der Telekom, wie es zu machen sei, eine Nummer für alle Bilder zu bekommen, die Leser einsenden. Doch erst am 9. Juni, dem Tag, als die WM begann, gab es kein Halten mehr. 1414 ist seither die Nummer, die alle wählen. Was die Macher von „Bildblog.de“, Forum der „Bild“-Gegner, animiert hat, den Chefredakteur mit eigenen Mitteln zu schlagen: „Fotografiert Kai Diekmann!“ heißt die Aktion, in Badehose, am Strand, in einer Bäckerei, auf dem Parkplatz, im Flugzeug oder - „beim Pinkeln“. Ähnlichkeiten mit Prinz Ernst August von Hannover am türkischen Pavillon sind wohl beabsichtigt.

Allzu viele Bilder hätten sie noch nicht, sagt der „Bildblog“-Macher Stefan Niggemeier, doch wollten sie einige zeigen. „Die sind aber eher unspektakulär, aber das sind viele der ,Bild' ja auch.“ Insgesamt, findet er, werde „die Hysterie“ um die Leserreporter übertrieben. „Die Frage ist: Was macht man mit den Bildern, und wozu fordert man auf?“ Es werde einem schon unheimlich, wenn man daran denke: „Wie viele Millionen ,Bild'-Leser rennen los und fotografieren alles, was sich bewegt?“

„Wir haben etwas aufgetan, wir schließen weiße Flecken auf der journalistischen Landkarte. Augenzeugen werden zu Zeitzeugen. Medien, die darauf nicht zurückgreifen, werden bald Mediengeschichte sein“, sagt dagegen der „Bild“-Chef Diekmann. Und benennt damit den Grund, aus dem Journalisten die Leserreporter wirklich fürchten: Sie könnten uns überflüssig machen, wenn wir nicht mit ihnen umzugehen wissen. Wir haben viele Bilder gesehen, von denen wir froh sind, daß sie nicht veröffentlicht wurden. Doch selbst dann kann man etwas mit ihnen anfangen - man muß dem Abgelichteten ja nur bedeuten, daß man sie hat. Der Sommer war sehr groß.



Text: F.A.Z., 18.11.2006, Nr. 269 / Seite Z1

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche