Politisches Berlin

Und es war Sommer

Von Marcus Jauer

05. Juli 2008 Möglicherweise muss man sich den politischen Betrieb einfach als einen ebensolchen vorstellen. Er besitzt eine Zentrale, die steht in Berlin, und Filialen, die befinden sich in den Ländern. Er beschäftigt Abteilungsleiter, die Minister heißen, und Angestellte, die sich Abgeordnete nennen und zum Kundendienst regelmäßig in den Wahlkreis müssen. Außerdem halten sich auf den Gängen und im Umfeld des Betriebsgeländes zahlreiche Scheinselbständige auf, die sich als Lobbyisten oder Journalisten ausgeben.

Wie jeder anständige Betrieb veranstaltet auch der politische jedes Jahr eine Reihe von Betriebsfeiern, die hier allerdings Sommerfeste heißen, weil sie immer zu Beginn der allgemeinen Betriebsferien stattfinden, die sich hier wiederum Sommerpause nennen.

Während der politische Betrieb im Umgang mit Betriebsfremden normalerweise Abstufungen von Vertraulichkeit kennt - sie reichen von Dingen, die „unter drei“ gesagt und überhaupt nicht geschrieben werden dürfen, wenigstens nicht sofort, bis hin zu Dingen, die „unter eins“ gesagt und sofort geschrieben werden sollen -, entsteht auf diesen Sommerfesten ein Grad an Vertraulichkeit, der sich nur als „unter uns“ beschreiben lässt.

Kartoffelsalat und rote Grütze

Die Saison beginnt man am besten bei der CSU, die jedes Jahr mit einem Ausflugsdampfer über die Spree fährt. Das Schiff legt nahe der Weidendammer Brücke ab, passiert Reichstag und Kanzleramt, wendet in Charlottenburg und fährt dann noch auf einen Schwenk an der Ruine des Palasts der Republik vorbei.

„Der Mittelstand hält Kurs!“, ruft der Abgeordnete Hans Michelbach, der in seiner Partei diesen politischen Mittelstand vertritt und zu der kleinen Ausfahrt eingeladen hat. Auf dem Vorderdeck wird gegrillt, im Unterdeck ist ein Büfett aus Kartoffelsalat und roter Grütze aufgebaut, und im Oberdeck geben die fränkische Weinkönigin und ihre Prinzessinnen Getränke aus. Letztes Jahr hatte es geregnet, dieses Jahr ist es ein sonniger Abend, und bald schüttet der erste Gast das Bier, das ihm in der Hand warm geworden war, über die Reling, während er sich ein neues bestellt.

Man kann auch klatschen

Kurz hinter Charlottenburg greift der Abgeordnete Michelbach nach dem Mikrofon, um das Kulturprogramm vorzustellen. Es handelt sich um drei Sambatänzerinnen, die in Brasilien geboren sind, inzwischen aber in Coburg leben. Mit wenig Stoff und viel Feder angetan, stehen sie auf der Treppe zum Oberdeck und versuchen sich nun aus diesem Migrationshintergrund heraus Platz zu verschaffen, was gar nicht so einfach ist, denn das Boot - anders kann man es nicht sagen - ist voll.

„Man kann auch klatschen!“, ruft eine der Tänzerinnen und klatscht. „Das wird super!“

Es wird so super, wie es eben werden kann, wenn ein Schiff voller Anzugmänner durch Berlin fährt, während in ihrer Mitte ein Bundestagsabgeordneter mit einer Sambatänzerin steppt. Vom Ufer winkt staunend der Bürger.

In anderen Parteien würde über die Wirkung einer solchen Szene möglicherweise länger nachgedacht, aber so ist man bei der CSU nicht. Bei der CSU meint man es immer erst mal gut, egal, wie es am Ende aussieht.

Das Sommerfest der SPD strahlt diese Art fröhlicher Selbstverständlichkeit naturgemäß nicht aus. Die Partei weiß keine Antwort auf die Umfragen, und eben hat Kurt Beck in der Fraktion gesagt, dass er nicht an seinem Stuhl klebe. Ein Satz, den viele Journalisten als Ankündigung zum Rückzug gewertet und das auch so in die Zeitung geschrieben haben, bevor sie sich auf den Weg hierher machten.

Spirelli mit Jägerschnitzel

Das Fest findet im Innenhof eines Bundestagsbaus statt, der voller Birken steht. Ringsum sind Buden aufgebaut. Es gibt gefüllte Paprika, Spirelli mit Jägerschnitzel, Wackelpudding und - da glaubt man als Ostdeutscher kurz, man habe sich in der Partei geirrt - Toast Hawaii. Käse wird als Käseigel angeboten, im Hackepeter stecken Salzstangen, und innerhalb von zwei Stunden sind sechshundert Flaschen Wein alle. Die Sozialdemokraten trinken, als wollten sie vergessen.

Als Kurt Beck erscheint, wird er von einem Dutzend Fotografen verfolgt, die ihm aus allernächster Nähe ins Gesicht blitzen, bis er unter einen Sonnenschirm zu sitzen kommt. Er bestellt ein Bier und prostet Peter Struck zu. Mit den Fotos, die nun entstehen, werden die Artikel über seinen möglichen Rückzug bebildert werden, und Kurt Beck sieht aus, als ob er das weiß. Er zwingt sein Gesicht zu einem Dementi. Aber das Gesicht kann nicht bestätigen.

„Wie Merkel in ihren schlimmsten Zeiten“, sagt ein Fotograf, als er, unter einer Birke sitzend, die Bilder in die Redaktion schickt.

Zur selben Zeit trifft sich am anderen Ende der Straße Unter den Linden die Bundestagsfraktion der Union im Parlamentskreis Mittelstand. Das Sommerfest nennt sich hier Biwak, eingeladen hat der über den Parlamentskreis hinaus eher unbekannte Vorsitzende Michael Fuchs, was erst mal so klingt, als sei dieser Termin zu vernachlässigen. Damit allerdings hätte man die Veranstaltung schwer unterschätzt.

Trüffelsalami und Hirschbraten

Das Biwak ist im Garten des Kronprinzenpalais aufgeschlagen. Es gibt Pizza, Trüffelsalami, Hirschbraten, Asianudeln, Gulaschsuppe, Frühlingsrollen, Bratwurst, Döner, Wraps, Crêpes und Baumkuchen. Auf einer Terrasse kann man sich Zigarren drehen lassen und am Eingang mit einem Hammer den Lukas hauen. Bei der SPD sah alles aus wie selbst bezahlt. Bei der Union passt die Liste der Sponsoren kaum auf die Rückseite der Einladung.

„Ich hatte nur Sorge, das BKA könnte mir Scharfschützen aufs Dach stellen“, sagt Michael Fuchs, „wegen der ganzen Prominenten.“

Bei der SPD trugen die Männer kaum Krawatten, Hans Eichel war in Jeans erschienen, so als ziehe er sich um, wenn er aus dem Bundestag kommt, und die Frauen sahen irgendwie werktätig aus. Bei der Union tragen die Männer Anzüge, die auch im Stehen sitzen, und die Frauen sehen aus wie Gattinnen. Entsprechend hochgeschlossen ist die Stimmung.

Das ändert sich erst, als ein Moderator in Leoparden-Sakko die Bühne betritt. Der Aufzug kombiniert das Formelle des Abends geschickt mit dem Virilen, das verstehen die Leute, die an den weißgedeckten Tischen sitzen, und obwohl der Mann Lieder singt, die sich dafür gar nicht eignen, haken sie einander unter. So wird es Nacht in Schunkel-Deutschland.

Tanzen mit DJ Mario

Bei der SPD tanzen zu diesem Zeitpunkt bereits lauter junge Leute lustig vor der Bühne, auf der DJ Mario wie jedes Jahr den Abend ausklingen lässt. Man will sich eben anschließen, da sagt die Frau am Eingang, es gebe sowieso nichts mehr zu essen. Als man antwortet, wegen des Essens sei man sicher nicht da, sagt sie, es gebe auch nichts mehr zu trinken.

Nun setzt sich der politische Betrieb natürlich nicht nur aus Parteien zusammen. Er ist viel feiner verästelt, zum Teil in Einheiten hinein, die Laien unnütz erscheinen. Dabei hat allein das Föderale der Struktur verschiedene Vorzüge. In diesem Jahr bestanden sie aus den Sommerfesten von Hessen, Niedersachsen, Thüringen und Baden-Württemberg.

Die Bundesländer feiern traditionell in ihren Landesvertretungen, die Ausmaße haben wie die Botschaften mittelgroßer Länder. Für Grill und Büfett gibt es Vorgärten, für die Stehtische Innenhöfe, und getanzt wird in Tagungsräumen. Die Unterschiede zwischen den einzelnen Festen sind normalerweise gering. Bei den Thüringern gibt es Wurst, bei den Niedersachen Fisch mit Soße, bei den Hessen Spargel und bei den Baden-Württembergern Spanferkel. Der Wein ist gut, solange er aus dem Bundesland kommt, ansonsten gibt es Bier.

Ein Fest als Leistungsschau

Als man dieses Jahr aber bei den Baden-Württembergern eintrifft, ahnt man schon am Eingang, dass der föderale Wettbewerb die Sommerfeste erreicht hat. Die Schwaben feiern, als bereiteten sie ihren Austritt aus dem Bundesstaat vor. Ein Porträtzeichner, Gewinnspiele, Limousinen zum Probesitzen, der Garten voll Tische, eingerahmt von zwei Bühnen. Dahinter führt ein langer, mit Teppich ausgelegter Weg in die Botschaft von Österreich, als handele es sich um ein Nebengebäude.

Das Fest hat den Charakter einer Leistungsschau. Fast alles, was man auf ihm machen, essen und trinken kann, wird von Sponsoren gestellt. Als ein paar Sänger in Blaumann auf die Bühne kommen, hört man, dass dies auch für das Kulturprogramm gilt. Offensichtlich wurde es in die Hände eines Werkzeugherstellers gelegt, der deshalb den Text, der zu den beliebten Melodien gehört, leicht verändert hat.

„Zu werken, ooho, und zu merken, ooho, mit Berner macht's einfach mehr Spaß. Da sitzt der Kunde First Class.“

Eines wenigstens ist all diesen Sommerfesten noch gemeinsam. Gegen Ende des Abends finden sich unter den Gästen oft Paare zusammen, die ein immenser Altersunterschied verbindet und die so unbeholfen wirken, als hätten sie sonst eher in einer Büro- als in einer Lebensgemeinschaft miteinander zu tun.

Axel Schulz ist auch da

Das Sommerfest der „Bild“-Zeitung bildet gewissermaßen den Abschluss der Saison, insofern, als dort noch einmal alle zusammenkommen: Angela Merkel, Kurt Beck, Jürgen Trittin, Michael Glos und Axel Schulz, der früher als Boxer eingeladen wurde, dann als Ostdeutscher und jetzt nur noch als er selbst.

Minutenlang sieht man Josef Ackermann mit dem Stift über dem Gästebuch kreisen, unschlüssig, wie er den vorgedruckten Satz beenden soll: „Ich lese Bild, weil . . .“ Dann schreibt er: „weil ich den Charakter der Zeitung schätze, die leitenden Personen respektiere und Wert auf eine neutrale Berichterstattung lege.“

Es ist das Sommerfest mit der besten Besetzung. Die Gäste verhalten sich, als seien sie in Familie, dabei kennen sie einander manchmal gar nicht. So tritt der Sprecher von Christian Wulff zu einem Kreis von Leuten und erzählt, dass er sich beim Programm des ZDF inzwischen nicht nur das eine Auge zuhalten möchte, sondern auch das andere und sich danach die Finger am liebsten noch in den Hals schieben möchte. Als sich daraufhin ein Mensch aus dem Kreis meldet und sagt, dass er beim ZDF arbeite, sagt der Sprecher: „Oh!“

Becks Bier

Irgendwann sieht man Kurt Beck allein herumstehen. Beim Sommerfest des ZDF, da war seine Medienschelte nur ein paar Tage her, hatte er verkrampft gewirkt, bei der SPD unfrei. Jetzt wirkt er gelöst. Gerade noch saß er in einem der Pavillons neben Angela Merkel. Da kommt eine Fotografin auf ihn zu. Sie stellt sich als Mitarbeiterin der Firma König Pilsener vor und sagt, sie wolle ihn fotografieren.

Nun sind Politiker eher zurückhaltend, was Fotos mit Bier angeht. Peter Struck etwa hatte, bevor er sich fotografieren ließ, sein Glas einem Journalisten in die Hand gedrückt und gesagt: „Das sieht sonst scheiße aus.“

Kurt Beck dagegen sagt zu der Fotografin: „Da fehlt aber noch ein Bier.“ Wenig später ist er mit einem Glas zurück, das Etikett von König Pilsener umsichtig nach vorn gedreht.

Einerseits fragt man sich, warum sich der Vorsitzende einer immerhin noch mittelgroßen Volkspartei von einer Brauereifotografin herumdirigieren lässt. Andererseits ist man von so viel Hilfsbereitschaft auch gerührt.

Möglicherweise ist Kurt Beck unter all den Gästen auf all den Sommerfesten der Andere.

Und der Rest ist unter uns.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp, dpa

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