Selbstversuch in „World of Warcraft“

Ich heiße Ethêya, ich haue Kobolde um

Von Sasa Stanisic

Wir können alles außer Hochdeutsch: zum Beispiel mit Licht richten

Wir können alles außer Hochdeutsch: zum Beispiel mit Licht richten

22. November 2008 Was ist der Unterschied zwischen Nietzsche, dem toten Philosoph, und Gedärmeorgel, dem untoten Hexenmeister? Nietzsche hat seine Feinde nicht angezündet und ist nie auf einem Teufelsross geritten (zumindest gibt es darauf keine Hinweise), und Gedärmeorgel hält den „Willen zur Macht“ für einen Schamanen-Zauber.

Den beiden gemeinsam aber ist der folgende Satz: „Wenn du lange genug in den Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“ Nietzsches Geist oder zumindest ein Zitat seines Geistes finden sich nämlich auf dem Cover der gerade erschienenen Erweiterung zum meistgespielten Online-Rollenspiel „World of Warcraft - Wrath of the Lich King“. Gleich daneben ist eine Szene aus dem Spiel abgebildet: der ewige Kampf, Mensch gegen Mensch-der-böse-guckt. Leuchtende Schwerter, größer als ihre Träger. Und Feuerbälle. Jede Menge Feuerbälle.

„Jo weiter killen“ antwortet Hustenbonbon

Gedärmeorgel feuerballt sich jetzt irgendwo durch die neue Welt Nordend auf dem Weg zum „Lichking“, dem neuen ultimativen Bösen (noch ultimativer als alles Böse bisher). Der Lichking ist allem Anschein nach ein Soziopath und so radikal gern allein, dass er das Königsein nur dann genießen kann, wenn er über niemanden regiert - sein erklärtes Ziel ist es nämlich, „alles Leben auf der Welt auszulöschen“.

Mein Name ist übrigens Ethêya. Ihr könnt mich auf dem Bild nebenan sehen. Ich bin ein weiblicher Paladin und trage das Haar blond und lang. Ich haue Kobolde, Ghule und Hirsche um. Mit meinem Hammer der Gerechtigkeit. Mit meinem Richturteil des Lichts. Murlocs haue ich auch um. Das sind so kleine Amphibienviecher, die im Todeskampf herzzerreißend gurgeln. Ich höre darüber hinweg, denn die Belohnung für den Totschlag sind 25 Kupferstücke, und ich bin glücklich, endlich mal mit körperlicher Arbeit Geld zu verdienen. „unwürdiges gezücht!“, rufe ich emphatisch aus, nachdem ich ein besonders heimtückisches Exemplar mit einem gezielten Hieb weggegurgelt habe. „jo weiter killen“, antwortet Hustenbonbon, eine Hexenmeisterin, mit der ich zusammen unterwegs bin.

Als mir vor wenigen Tagen Nietzsche auf dem Zitatross über den Weg lief, begleitet von der Aufforderung „Besiegen Sie die Horden der Vrykul!“, folgte ich diesem Wunsch sofort. In einem Kaff namens Nordhain erblickte Ethêya das Licht des Monitors und brachte noch in der gleichen Minute ein ganzes Wolfsrudel zur Strecke.

Kreative Sprachverwüstung

Der Plan war einfach: bis zur Spiel-Erweiterung einige Stunden ironisch durchzocken. Sehen, was in dieser Parallelwelt los ist; kommunizieren, die Kommunikation beobachten. Spüren, was das Ganze mit mir macht. Mitbekommen, wie (und ob) eine Rollenspiel-Community den amerikanischen Präsidentschaftskampf verfolgt, während man gleichzeitig dabei ist, Gruul umzulegen - eine Mischung aus Zyklopenklischee, Gebirgsrücken und Hackfleisch auf vier Beinen. Verstehen wollen, was der Hype soll, die Motivation von Millionen Spielern weltweit. Dann, am 13. November, zum Mitternachtsverkauf in einen Media-Markt gehen, ein gutes Foto von den Armeen an Nerds schießen und einen Murloc als Haustier abstauben. Ethêya löschen und vergessen. „meine mutti macht stres mus esse“, schreibt mir Hustenbonbon und verabschiedet sich winkend. „jo weiter killen“, denke ich und tue das dann auch.

Die Wege führen mich bald in die Hauptstadt, nach Sturmwind, wo wie gewohnt ein Brunnen als Treffpunkt dient. Hier gibt es Gasthäuser, eine Bank, Käse- und Weinläden, eine Burg, alles ein wenig rustikal, dazu ein Flüsschen, und man fühlt sich schnell, als wäre man in Tübingen. Aber in Sturmwind lebt man weitaus selbstverständlicher als in Baden-Württemberg nach der Devise: „Wir können alles. Außer Hochdeutsch.“ Die Menge an Rechtschreib- und Grammatikfehlern, die einem unentwegt auch dort begegnet, wo es einfacher scheint, keinen Fehler zu machen, ist schier einschüchternd. Anfangs besaß ich den Ehrgeiz im Welthandels-Chat auf Wörter aufmerksam zu machen, in denen das Verhältnis zwischen Buchstabe und Fehler eins zu eins war, ließ das aber sein, als man mich, nicht ganz zu Unrecht, als Chat-Stasi beschimpfte, es sei „kackegal wies da steht hauptsach man rafft was los is“.

Die Schönheit regionaler Dialekte wird in der virtuellen Welt gern zur Schau gestellt. Aber weitaus auffälliger ist die spezifisch auf das Spiel bezogene kreative Sprachverwüstung. Von „afklo“ ( away from keyboard“ verwurstet mit der Nennung des Grundes für die Abwesenheit) bis „QQ“, einem Zeichen-Symbol, das für ein weinendes Augenpaar steht, gab es für die Chat-Stasi einiges an Code zu lernen. Und wenn man einmal Dinge wie „LFM BRT: 1 DD mit CC“ verstanden hat, kann man bei der nächsten Bewerbung mit ruhigem Gewissen eine weitere Fremdsprache angeben.

„hat einer noch nen heiltrank?“

An blauen Gewässern hocken etwa stundenlang voll ausgerüstete Krieger - die barbarische Streitaxt am Rücken, eine wie Zahnstocher anmutende Angel in der Hand. Man gesellt sich hinzu, und bald zappelt ein Feuerflossenschnapper am Haken. „hi.“ „hi.“ „und? beißen sie?“ „jo skill 375 get gut ab.“

Das Leben eines Bewohners von Azeroth ist frei. Die Entwicklung eines jeden Charakters stellt sich als non-linear und einzigartig dar - die Wege, die er geht, die Erfolge, nach denen er strebt, die Ausrüstung, die er trägt, und letztlich die individuelle Gestaltung seiner Klassentalente, die zum Herz der Spielmechanik gehören, dies alles ist dem Spieler überlassen, es ist wählbar, optimierbar. Dazu kommen noch die Größe und Offenheit der Welt, die Unmenge der Aufgaben, die man im ewigen Unterwegs lösen kann, und schnell erwischt man sich dabei, wie man dem Wachsen seiner Spielfigur mit wachsender Leidenschaft folgt: Alles, was man tut, ist frei, und gleichzeitig hat alles, das man tut, einen Sinn für die Spielfigur. Sogar das stundenlange Angeln neben dem wortkargen Krieger: Die Fische sind essbar, man kann sie verkaufen, und gelegentlich angelt man sich einen hübschen Hut. Immer aber verbessert man sich. Ein Talentpunkt, ein Goldstück, das etwas tödlichere Zweihandschwert. Und diese Gefühle eines langsamen, aber kontinuierlichen Gelingens, eines Immer-etwas-zu-tun-Habens sind psychologische Antriebsfedern und Lustbefriedigung in einem, die jedes neue Einloggen zu einer kleinen Sehnsucht machen.

Mit Ethêya hatte ich mich bald einer der zahlreichen Gildengemeinschaften angeschlossen und musste nur noch selten allein irgendwas killen. Ich bastelte mir eine schicke Fliegerbrille (Ethêya ist nämlich Ingenieurin, was ich selbst immer sein wollte) und bekam meine erste „blaue“ hochwertige Rüstung in einer Untergrundangelegenheit namens Todesmine von einem durch Gewaltanwendung verstorbenen Gnom (Kleidungsgrößenprobleme kennt diese Welt nicht). Hustenbonbon habe ich nur noch einmal kurz gesehen - in den heldenhaften Zweikampf mit einem Wildschwein versunken. „der obama hat gewonnen“ „jetz wird alles besser“ „geilo!!!1“ „bei uns könnt ein schwarzer nie präsi werden“ „ist hier einer waffenschmied???“ „heißt er echt hussein auch“ „jo“ „son scheiss heiß er nich das hat doch die cdu bei denen verbreitet“ „okay wer macht heiler für den main tank?“ „hat einer noch nen heiltrank?“

Ich - in den Dämmerwald

Am 13. November gegen 23 Uhr erreichte ich Level 30. Genauer gesagt: Ethêya erreichte es. Gegen 23.30 Uhr verließ ich das Haus, lief zum Media Markt und stellte mich - mit der Spiel-Erweiterung in der Hand - an. Ich habe zuletzt Tag und Nacht gespielt, habe mich dabei erwischt, wie ich im Internet nach den besten Talentverteilungssystemen für einen Paladin recherchiere, habe Hustenbonbon zu einem Duell herausgefordert und es gewonnen. So viele Möglichkeiten. Und ein möglicher Abgrund: davon nicht wegkommen.

Wieder zu Hause. Die meisten Spieler nun auf der neuen Insel, im Auktionshaus neue Waffen, Helme, Kochrezepte. Ich - in den Dämmerwald. Auf einem Friedhof mit Riesenspinnen und Skelettmagiern begegne ich einer Priesterin, die seltsamerweise keine Waffen bei sich trägt. „hi“, sage ich. „hallo“, sagt sie. „wie ausgestorben hier, was? lol.“ „hehe“ „was machst so?“ „ich hab grad meine ganzen chars gelöscht, vier 70er. jetzt ist die kleene noch dran“ „was? warum das denn?“ „privater kram, familie und so. ging nimma in letzter zeit zu viel“ „was zu viel?“ „das halt. hab ein bisschen übertrieben. krieg ich nicht gut hin beides. stress zuhaus mit den kindern, ach lange geschichte.“ „wenn du lange genug in den abgrund blickst . . .“ „was?“ „nietzsche“ „achso“ „und jetzt“ „jetzt begrab ich auch die“ „mach doch noch eine spinne tot. so mit nackten händen!“ „haha, ok. machst du mit?“ „killen oder löschen?“ „jo killen“ „jo killen.“

Nach dem Kampf steht die Priesterin vor mir. Sie winkt und verblasst und verschwindet. Ich loote die Spinne. Ich bekomme ein „klebriges Spinnenbein“.

Der Schriftsteller Sasa Stanisic veröffentlichte 2006 den Roman „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ und erhielt 2008 den Adalbert-von-Chamisso-Preis.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Blizzard Entertainment

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