Von Felicitas von Lovenberg
23. April 2008 Im Haus in der Frankfurter Klettenbergstraße, das sie mit Siegfried Unseld bewohnte, duftet es nach Lilien. Ulla Unseld-Berkéwicz hat Heuschnupfen, was aber die Konzentration und Ernsthaftigkeit, mit der sie spricht, nicht beeinträchtigt.
Überlebnis ist, anders als viele erwarten werden, kein Schlüsselroman. Auch haben Sie das Buch nicht als Gelegenheit benutzt, um mit den Angriffen, die Ihnen nach dem Tod Ihres Mannes begegnet sind, abzurechnen. Wie gehen Sie mit der Beobachtung um, unter der Sie und der Suhrkamp Verlag stehen?
Dass alles, was bei Suhrkamp passiert, in der Öffentlichkeit breitgetreten wird, habe ich in den sechzehn Jahren, die ich mit Siegfried Unseld gelebt habe, schon erlebt. Es gab von Anfang an Leute, die mein Recht bestritten haben, das zu tun, was Siegfried Unseld mich zu tun geheißen hat. Sie wollten ans Erbe, und da es kein Zeugnis gibt, weder mündlich noch schriftlich, dass Siegfried Unseld sie ans Erbe lassen wollte, können sie nur eins tun: Ihr Anspruch ist nicht zu begründen, also muss meiner untergraben werden. Von Hexerei und von Inszenierung war die Rede - das sind uralte Männerphantasien. Die sind öffentlich und nichtöffentlich verbreitet worden als Zermürbungsoffensive, per SMS, Brief, Gerücht, mit den Waffen derer, die angreifen wollen und nicht aus der Deckung kommen. In Wahrheit geht es aber nur um die große und wichtige Sache des Verlages. Darauf ist meine Konzentration gerichtet. Das ist das eine. Das andere ist das Buch. Dessen Thema, nämlich die Liebe und der Tod, ist so wichtig für mich, dass ich nie zulassen würde, dass es mit solchem Zeug belastet wird, das nicht in ein Buch gehört.
Siegfried Unseld ist vor fünfeinhalb Jahren gestorben. Brauchten Sie diese Zeit, um Ihren Mann, den die Öffentlichkeit stets für sich reklamiert hat, auf privater Ebene für sich zurückzugewinnen?
Ich habe mir, was den Verlag angeht unzulässigerweise, ein ganzes Trauerjahr genommen. Habe mich nach Siegfried Unselds Tod in eine Situation begeben, von der ich wünschen würde, dass sie institutionalisiert wird. Man sollte Siedlungen für Trauernde bauen, damit sie nicht auch noch unter den Erbärmlichkeiten und Erbarmungslosigkeiten anderer Leute leiden müssen. Trauern ist ein Bestandteil des Lebens wie Verliebtsein. Trauern macht unverwundbar. Es wird irgendwann als große Menschenkraft gelten, rückhaltlos trauern zu können, ohne nach Ablenkung zu suchen, nach Linderung der Schmerzwucht und der Verlassenheit. Solche, die trauern, können sowieso nur reden mit solchen, die Trauer kennen. Also sollte man ihnen Schutz gewähren vor der Angstaggression der Gesellschaft. Die Angst ist eine Heidenangst. Der Glaube an die Unsterblichkeit ist uns abhanden gekommen, deshalb können wir dem Tod nicht ins Gesicht sehen. Die Rituale sind abgeschafft, also finden die Gefühle, die die gewohnten Grenzen überschreiten, keinen Ausdruck oder einen falschen. Chinesische Spaßmauern werden kreuz und quer durch die Welt gezogen. Der Weltzustand der Verzweiflung, den Walter Benjamin prophezeit, er ist mit Hilfe unserer Angst- und Spaßgesellschaft erreicht.
Holen Sie mit Überlebnis, diesem Buch, das eher persönlich als autobiographisch anmutet, die Trauer nach?
Wenn jemand stirbt, mit dem man leben wollte, solange es geht, wird mehr angegriffen als ein gemeinsamer Vorsatz. Das erschüttert die Ordnungen, die das Leben überhaupt ausmachen. Literatur besteht aus dem Ineinandergreifen lebendiger Ordnungen, ist also eine der wenigen Waffen, die wir gegen solche Erlebnisse haben. Der Titel spricht vom Erlebnis und vom Überleben, das ist ein Portmanteau-Wort, es ist der Versuch, das, was sprachlos macht, in die Sprache heimzuholen. Und für die, die da spricht, ist es ein Versuch, zurückzukehren in die Ordnung. Sie haben das Wort autobiographisch benutzt. Ich meine, dass oft, zumal in Zusammenhang mit der Literatur, nicht so recht gewusst wird, was das bedeuten kann beziehungsweise nicht bedeuten kann. Was ist autobiographisch? Was habe ich erlebt? Das Erlebte? Meine Wahrnehmung davon? Meine Vorstellung? Die Vorstellung, die wir uns machen, erzeugt doch dauernd individuelle Wirklichkeit. Be-wirkt Wirklichkeit. Wer bitte kann behaupten, er kenne den Unterschied zwischen Wahrnehmung und Vorstellung? Wenn von Liebe und Tod erzählt wird, und davon handelt mein Buch, von der Liebe so sehr wie vom Tod, und von dem Spalt, der aufreißt, vom einen wie vom andern, und den Blick öffnet für das, was über uns hinausgeht, kann das letztendlich nur ein poetisches Unterfangen sein, auf einer unmöblierten Bühne, wie die der attischen Tragödie, dort wo es von Aischylos bis Euripides spricht und spricht: Wer weiß, ob das Leben nicht eigentlich das Sterben ist und das Sterben nicht eigentlich das Leben.
Wie meinen Sie das?
Die Erlebnisse, die einer macht, die Erkenntnisse, die einer bekommt in Zusammenhang mit dem Liebes- und Todeserleben, passen nicht in unsere Konzepte und Bilder. Die Konzepte muss man in dem Zusammenhang dann eh vergessen und Bilder muss man finden, die solche Erlebnisse und Erkenntnisse aushalten. Die alten Worte muss man suchen, um die neuen zu finden. Was ich nicht dulden darf ist doch eben, dass das Abstrakte und Gültige, das Geistige und Kunstfähige an dem, was ich erleben und begleiten, auch ertragen durfte, auf dieser Ebene verkommt, in diese verschwitzte Konkretion gezerrt wird. Also begebe ich mich mit meiner Version des Hergangs, der Katastrophe und des Wunders, auf eine Ebene, die andere Kriterien und Gültigkeiten beansprucht, die der Literatur.
Es geht ja auch um mehr als Ihre eigene Erfahrung: um Sterben schlechthin, um den Modellfall Tod - und nicht um Siegfried Unseld als Person, wie man ihn zu kennen meinte. Oder?
So ist es. Es geht darum, dass die alten Wildheits- und Grausamkeitsvorstellungen unter der Maske der medizinischen Technik wieder wüten, und es geht darum, wie richtig gelebt werden soll, wenn so falsch gestorben wird. Es geht um die Angst zu vergessen, und es geht darum, dass am Ende das Staunen steht genauso wie am Anfang, dass der Todesmoment alle Vorstellung übertrifft und dass bei uns, die wir das miterleben, überleben, ein großes Staunen einsetzt, das nie wieder aussetzt. Es geht darum, dass wir anders leben müssen, um zu verstehen, was der Tod ist, was mit den Toten geschieht. Religion und Naturwissenschaft geben uns die Hinweise.
Was sagt die Naturwissenschaft denn?
Ohne Metaphysik gibt es keine Kultur. Und die Kultur ist da am stärksten, wo es um die Idee der Unsterblichkeit der Seele geht. Dann gibt es die Idee von der Auferstehung des Körpers, auf die ich mir nie einen Reim machen konnte. Und da habe ich bei den Physikern was Interessantes gefunden: Elektronen zum Beispiel sind unzerstörbar und existieren von Anbeginn. Wolfgang Pauli fand in den zwanziger Jahren heraus, dass diese winzigen Teile Wissensspeicherchen haben, die wissen, ob sie einander schon mal begegnet sind. Und das lässt dann zum Beispiel den Schluss zu, dass die Elektronen eines Körpers nach dessen Auflösung wieder zusammenfinden könnten durch irgendein Signal vielleicht, vielleicht das Blasen des Schofars am Tag, wenn der Messias kommt.
Vergessen und Erinnern waren für Rishis, Ägypter, Kabbalisten, Talmudisten etcetera Gleichnis für Tod und Auferstehung. Die Bruderschaften des Orpheus und Pythagoras, Talmudisten, Kabbalisten, Katharer usw. wussten: Auferstehung heißt, das Muster dessen, was da tot liegt und vergangen in der Materie, wiederherzustellen und es in seine Schwingung zu versetzen. Auch die großen Kybernetiker Norbert Wiener und John von Neumann gingen seinerzeit von der Annahme aus, dass alle Lebewesen Muster seien, übertragbare Botschaften, die sich für immer selbst erhielten. Die Thesen der neuen Mystiker, Mathematiker und Physiker wie Hans Peter Moravec und F. J. Tipler gipfeln darin, dass die Auferstehung nichts anderes bedeute, als die Stimulierung der Replik unserer selbst im Geiste der Computer einer fernen Zukunft. Maschinengeisterchen, die Menschenmustern ihren Weg in die Unsterblichkeit bereiten.
Wenn man sich auf so vielen Ebenen mit ihm beschäftigt, macht einem der Tod dann vielleicht weniger Angst?
Es ist wahr, dass ich als Kind schon wissen wollte, was das ist, der Tod. Weil ich mehr dahinter vermutet habe als das Nichts, eher das Alles. Je mehr Tod ich erlebt habe, desto weniger Angst habe ich davor. Aber rasende Angst habe ich vor dem Tod derer, die ich liebe. Und rasende Angst habe ich davor, in irgendwelchen Krankenhäusern, in denen uns das Zivilisationsunheil des Maschinenunwesens widerfährt, zugrunde zu gehen. Für spätere Gesellschaften wird es unvorstellbar sein, dass diese versucht, den Tod aus dem Leben zu vergessen. Wir werden denen vorkommen wie die plattesten Käfer. Der Tod stirbt nicht, heißt es im Rig-Veda, denn er lebt in der Mitte der Unsterblichkeit.
Haben Sie mit Ihrem Mann viel über diese Themen geredet?
Viel, ganz viel! Bis zum Schluss.
Es wurde verschiedentlich behauptet, Sie hätten Kontakt mit Geistern, würden beispielsweise mit Ihrem verstorbenen Mann sprechen. Was hat es damit auf sich?
Küchenquatsch. Es ist doch so: Wenn ich mit Ihnen rede, dann sehe ich Sie und höre Sie, aber ich sehe nicht Ihre geistige Person, die sich hier ausdrückt. Wenn jemand gestorben ist, nehme ich diese Ausdruckserscheinungen nicht mehr wahr, eben weil ich kein Geisterhörer oder -seher bin. Was aber mit Sicherheit nur bedeutet, dass ich die Person nicht mehr verstehen kann, nicht aber, dass sie nicht da ist. Im Menschenhirn sind viele Areale ungenutzt, was darauf deutet, dass unserer Evolution ein langfristiger Plan zugrunde liegt, dessen Erfüllung zur längsten Frist noch vor uns liegt.
Wie schaffen Sie sich neben der Verlagsarbeit die Freiräume, um zu schreiben?
Ich habe ja fünf Jahre für dieses Buch gebraucht, jedes Wort gedreht und gewendet wie für ein Gedicht. Die Schreibbedingungen sind natürlich denkbar schlecht, denn der Verlag hat Priorität. In dem Moment, wo ich mich dazu entschlossen habe, hieß das für mich, dass ich alles andere zurückstellen muss und dass es in erster Linie darum gehen muss, diesem Verlag - und ich sage das jetzt ganz bewusst pathetisch - zu dienen. Das heißt aber für mich nicht nicht schreiben, denn ohne Schreiben bin ich nicht.
Als Suhrkamp-Chefin verlegen Sie ja auch Ihre eigenen Bücher, während etwa die Werke des Hanser-Verlegers Michael Krüger in Ihrem Haus erscheinen. Haben Sie in den letzten Jahren je überlegt, Ihre Bücher zu einem anderen Verlag zu geben?
Das war immer eine Überlegung, auch zu Zeiten, als Siegfried Unseld noch gelebt hat. Mein erstes Buch ist im Suhrkamp Verlag erschienen, und als wir zusammenkamen, waren es schon vier. Auch Siegfried Unselds Bücher sind im Suhrkamp Verlag erschienen. Außerdem inszenieren Intendanten auch an ihren eigenen Theatern. Michael Krüger ist zwar Suhrkamp-Autor, aber auch bei uns ist er immer der Verleger des Hanser Verlages. Man entkommt dem nicht, wo immer man hingeht. Ich bin nun mal in diesem Haus groß geworden, kenne natürlich jedes und alles hier und liebe diesen Verlag. Und ich denke, ich muss auf so vieles verzichten, darauf nicht auch noch. (lacht)
Nicht nur ist das Buch keine Abrechnung mit Ihren Kritikern, sondern Sie unterlaufen auch jede Erwartung, damit etwa Ihren Anspruch auf den Verlag zu untermauern.
Es wird der Zeitpunkt kommen, wo die Dinge, von denen eingangs die Rede war, klar, deutlich und gerecht entschieden sind. Jetzt aber geht es um mein Buch, und darin eben nicht darum, Anteilnahme zu erzeugen, um daraus Munition zu machen. Es geht um die literarisch verfasste Wahrheit, die zunächst mal einen fast protokollarischen Ansatz verlangt, und diese Art Prosa wird dann auf einer zweiten Stufe plötzlich wieder Gedicht, aber ein geläutertes, der Entwurf einer anderen Art Pathos, das nicht angedreht wird, kein fabriziertes, sondern eins, in dem die Situation selber davon spricht, was sie leidet.
Bei Suhrkamp gibt es viele neue Entwicklungen, insbesondere beim Sachbuch und in den Geisteswissenschaften - der Verlag der Weltreligionen, die Zusammenarbeit mit der Stanford University, die Edition Unseld . . . Haben Sie den Eindruck, dass diese Disziplinen uns unsere Zeit besser erklären als die Literatur?
Wahre Literatur ist immer dazu geeignet, die Welt besser zu begreifen. Nur glaube ich, dass dieser ganze Schrott, der in den letzten fünfzehn, zwanzig Jahren wie Literatur behandelt wurde, gerade alt geworden ist. Wenn wirkliche Erzähler sich mit den großen Themen unserer Zeit beschäftigen - und das ist nun mal der Glaube, bis hin zu seinem fundamentalistischen Wahnsinnstreiben, das sind die Naturwissenschaften, die mit ihren Theorien seit Giordano Bruno, Schrödinger und Co. oftmals die Glaubensthesen in den Schatten stellen, und das ist die Beschäftigung mit unserer Endlichkeit respektive Nichtendlichkeit -, dann ist das wunderbar. Phantastisch ist das dann, weil die Disziplinen einander brauchen. Deshalb haben wir eine neue Reihe erfunden, die edition unseld, wo der Diskurs zwischen der Philosophie und der Literatur mit der Naturwissenschaft stattfinden wird. Eine solche dritte Wissenskultur muss entstehen, sonst werden wir die Welt in einigen Jahren nicht mehr begreifen. Denn der Unterschied zwischen dem Verständnis des Neuen, was da durch die naturwissenschaftliche Entwicklung über uns kommt, und dem Selbstverständnis dessen, aus dem wir kommen, war noch nie größer.
Zur Person
Ulla Unseld-Berkéwicz wird als Ursula Schmidt am 5. November 1951 in Gießen geboren. Die Tochter der Schauspielerin Herta Staepel und des Arztes und Autors Werner Schmidt nimmt später den Namen Berkéwicz an, eine Ableitung von Berkowitz, dem Namen ihrer jüdischen Großmutter.
Nach dem Schauspiel- und Gesangsstudium an der Frankfurter Hochschule für Musik beginnt sie ihre Karriere 1970 als Schauspielerin am Staatstheater Stuttgart. Engagements führen sie nach München, Köln, Hamburg, Bochum und West-Berlin. Daneben übersetzt sie Stücke von Calderón, Shakespeare, Synge.
1980 lässt sie sich als freie Schriftstellerin in Frankfurt nieder. 1982 erscheint mit der Erzählung Josef stirbt ihr vielbeachtetes Debüt, es folgen Michel, sag ich dir (1984), Adam (1987) und Maria Maria (1988).
Nach einer ersten Ehe mit dem Bühnenbildner und Regisseur Wilfried Minks heiratet sie 1990 den Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld. 1992 erscheint, von heftigsten Kritiken begleitet, ihr erster Roman, Engel sind schwarz und weiß. Es folgen mehrere Erzählungen, der Roman Ich weiß, dass du weißt (1999) und der Essay Vielleicht werden wir ja verrückt. Eine Orientierung im vergleichenden Fanatismus (2002).
Nach Siegfried Unselds Tod im Jahr 2002 tritt Ulla Unseld-Berkéwicz in die Geschäftsführung des Suhrkamp Verlags ein, seit Oktober 2003 leitet sie den Verlag.
Am kommenden Montag erscheint ihr Buch Überlebnis im Suhrkamp Verlag (138 S., geb., 14,80 Euro).
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.-Burkhard Neie
