26. März 2007 Verabschiedet hat sie sich mit einem Coup. Am Ende des letzten Bandes Harry Potter und der Halbblutprinz mutet Joanne K. Rowling dem schwer schluckenden Leser das folgende Szenario zu: Auf der Plattform des Hogwartschen Astrologieturms, über dem grünlich fahl das Dunkle Mal leuchtet, steht der entwaffnete und wehrlose Albus Dumbledore, umringt von Voldemort-Anhängern, die sich darum streiten, wer ihn töten darf, weil ihr Anführer Draco Malfoy noch etwas zögert. Harry Potter, unsichtbar unter seinem Tarnmantel und, durch einen schützenden Gedankenfluch Dumbledores gelähmt, muss ohnmächtig mit ansehen, was geschieht. Die Tür zum Turm springt auf und mit gezücktem Zauberstab erscheint Harrys Feind und Dumbledores Freund, der frühere Voldemort-Anhänger Severus Snape. Mit einem Blick erfasst er die Lage und handelt.
,Wir haben ein Problem, Snape', sagte der schwerfällige Amycus, Augen und Zauberstab gleichermaßen auf Dumbledore gerichtet, ,der Junge ist offenbar nicht fähig -'
Doch noch jemand hatte Snapes Namen ausgesprochen, ganz leise. ,Severus . . .'
Dieser Laut jagte Harry mehr Angst ein als alles, was er den ganzen Abend über erlebt hatte. Es war das erste Mal, dass Dumbledore flehte.
Snape sagte nichts, sondern trat vor und stieß Malfoy grob aus dem Weg. Die drei Todesser wichen wortlos zurück. Selbst der Werwolf wirkte eingeschüchtert.
Snape starrte Dumbledore einen Moment lang an, und Abscheu und Hass zeichneten sich auf den harten Zügen seines Gesichts ab.
,Severus . . . bitte . . .'
Snape hob seinen Zauberstab und richtete ihn direkt auf Dumbledore.
,Avada Kedavra!'
Ein Strahl grünen Lichts schoss aus der Spitze von Snapes Zauberstab und traf Dumbledore mitten in die Brust.
Von dieser kurzen Szene hängt alles ab. Sieben Bände, Trillionen Leser - alles hängt am Seidenfaden dieser zwanzig Zeilen.
Dichte Beweisketten
Sie sind so gebaut, dass sie nicht einmal einen Spalt für abweichende Deutungen zu erlauben scheinen. Severus Snape hat genau das getan, was er im zweiten Kapitel versprochen hat. Dort legt er vor der bösen Malfoy-Gattin einen Unbrechbaren Schwur ab, auf dessen Missachtung der Tod steht. Der Schwur sieht vor, dass er über ihren Sohn Draco wacht. Draco ist etwas überfordert mit einem Spezialauftrag des dunklen Lords. Wie soll ein Jugendlicher auch mit dem Rektor von Hogwarts fertig werden, dem mächtigsten weißen Zauberer der Welt? Snape schwört, dass er Draco im Notfall unter die Arme greifen und selbst handeln wird.
Dieser Fall ist jetzt eingetroffen. Draco richtet zwar seinen Zauberstab auf den entwaffneten Dumbledore, aber er zaudert und zittert bedenklich - er hat doch noch ein Herz in der Brust. Damit tritt der dritte Paragraph des Unbrechbaren Schwurs in Kraft. Unter Harrys entsetzten Blicken ermordet Snape seinen Meister, und im Moment der Tat bricht der lang verborgen gehaltene Hass aus ihm heraus. Der allzu gutmütige Dumbledore ist auf den Todesser hereingefallen, er hat sich von seinen Krokodilstränen über vergangene Fehler täuschen lassen, wie Harry schon immer befürchtet hat, und nun ist es endgültig zu spät.
Alles spricht für diese Version. Die Beweisketten sind so schwer und dicht geschmiedet, dass J. K. Rowling sich als Mrs Houdini erweisen müsste, wollte sie sich daraus befreien.
Eine zweite Lesart
Aber genau darin liegt der Spaß. Sie wäre nicht ebendiese Entfesselungskünstlerin und Meisterin des Bluffs, wenn sie nicht auch dieser eindeutigen Szene die Möglichkeit einer zweiten Lesart eingeritzt hätte. Nach dieser zweiten Deutung würde Dumbledore seinen getreuesten Freund anflehen, das zuvor Verabredete zu tun, und Snape würde nicht ihn, sondern sich selbst dafür hassen, die schreckliche, aber unvermeidliche Tat begehen zu müssen.
Was spricht für diese exotische Lesart? Wenn man genauer hinsieht, eine ganze Menge. Kleinigkeiten: Snape laviert im Gespräch mit den Malfoy-Damen und zuckt sichtbar zusammen, bevor er den schlimmsten Teil des Schwurs über die Lippen bringt. Er weiß nichts vom Eintreffen der Todesser auf Hogwarts und muss erst darüber unterrichtet werden. Als Harry ihm nach vollbrachter Tat hassglühend hinterherrennt, wehrt er nur dessen Flüche ab, greift ihn aber selbst nicht an. Die anderen Todesser hält er mit der durchsichtigsten aller Ausreden - der Lord habe ihn für sich persönlich reserviert - davon ab, Potter endlich zu erledigen.
Eine Art Judas
Dumbledore selbst klang schon länger alt, müde und bereit fürs letzte Abenteuer. Als Harry ihm auf der Insel im Inferi-See Voldemorts schrecklichen Trank einflößen muss, äußert er genau die Bitte, die ihm Snape kurz darauf erfüllen wird; er fleht: Töte mich! Noch bevor der Kedavra-Fluch ihn trifft, sackt er an der Turmmauer zusammen, als liege er schon im Sterben. Vielleicht wusste er von seinem bevorstehenden Ende. Snape verhindert durch den verabredeten Mord, dass seine Deckung auffliegt, und kann weiter als Maulwurf bei Voldemort spionieren.
Das genügt nicht als Grund; es muss noch etwas anderes und Zwingendes hinzukommen, von dem wir nichts wissen. Aber dass Joanne K. Rowling wenig frisson daraus zöge, einen Charakter sechs Bände lang als fiesen Knochen vorzuführen, um dann im siebten zu enthüllen, dass er ein wirklich fieser Knochen ist - diese Vermutung darf man bei einer Autorin, der nicht nur der Schalk, sondern ein Haufen Kobolde im Nacken sitzt, auch ohne Kristallkugel riskieren.
Am bezeichnendsten ist eine letzte Kleinigkeit. Snape rastet aus, als Harry ihn einen Feigling nennt. Wir ahnen: Er erregt sich zu Recht. Der kluge Severus hat den schwierigsten und undankbarsten (und literarisch reizvollsten) Part des ganzen Zyklus - womöglich ist er eine Art Judas, der mit Jesus' geheimem Einverständnis den Heilsweg eröffnen hilft. Vielleicht eine zu hochgestochene Deutung. Seine Überlebenschancen sind jedenfalls gering.
Weiter mit: Dumbledore, verewigt
Bildmaterial: Cinetext Bildarchiv
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