Es ist sehr begrüßenswert, wenn jemand neue Gesichtspunkte zu uralten Themen bringt. Ich muß das alles nochmal in Ruhe durchlesen. Interessant wird die Stellungnahme der Fachwelt sein. Der Hinweis eines Lesers auf die vergleichbaren merkwürdigen neuen Erkenntnisse zu den Nibelungen erscheint mir sehr angebracht.
Nur eine Anmerkung: Schliemann (bekanntermaßen ein ignoranter Laie, aber merkwürdigerweise ein überaus erfolgreicher Archäologe) fand Troja, weil er die Geländebeschreibungen Homers wörtlich nahm. Vielleicht hat er eine andere Ausgabe der Ilias gelesen als Schrott.
Ein Schelm, wer Arges dabei denkt!
Aber lassen wir solche die Kommerzialisierung anprangernden Ansätze und wenden uns dem Thema zu: Wie kommt es, dass ein völliger Laie und Schriftsteller solch revolutionäre Thesen völlig alleine entwickelt und nun stolz und glücklich der erstaunten Welt verkündet, er habe jahrtausende alte Rätsel gelöst? Ich bin kein Freund der reinen Fachwissenschaft, die jede Quereinstieg und jedes unorthodoxes Hinterfragen verwirft, aber der vorliegende Fall wirft doch einige Fragen auf; sprachlich wird jener Schriftsteller wohl kaum der altehrwürdigen Version von J.H. Voß das Wasser reichen können, also muss sein Werk auf andere Art und Weise angepriesen werden, da bietet sich doch eine solch kontroverse und provozierende Hypothese gerade zu an... auch hier ein Schelm, wer Arges dabei denkt!
Leser Hampels Hinweis bezüglich der orientalischen Einflüsse (Assyrien, Urartu u.a.) auf die griechische Kultur möchte mit einem konkreten Hinweis unterstreichen wie erweitern.
Walter Burkert ist in seinem epochalen "The Orientalizing Revolution - Near Eastern Influence on Greek Culture in the Early Archaic Age", Harvard University Press, 1992, detailliert darauf eingegangen. Parallelen zu Ilias und Odyssee sind dort ebenso zu finden wie die von Schrott vorgeschlagene (übernommene?) Datierung ins 7. Jh. v. Chr.
Kantian
Wer den Ausblick vom Hügel von Hisarlik auf die Dardanellen persönlich kennt (strategische Lage!), fragt sich schon, warum alle Griechen (mythisch) zur Burg von Karatepe aufbrechen sollten ? Warum listet ein ionischer Schreiber in Kilikien den Schiffskatalog des Mutterlandes für einen eher regionalen (mythischen) Konflikt ? Raoul Schrott war wohl auch nicht überall: ich bin einen Tag durch das Ida-Gebirge gewandert - es ist wild (es gibt dort Bären), hat Täler und Gipfel. Das vermeintliche Vorbild des Gilgamesch-Epos für die Ilias überzeugt mich nicht über die Ähnlichkeit von Helden-Epen in der Bronzezeit hinaus. Schrott wirft allerdings viele bemerkenswerte Thesen und topografische und etymologische Bezüge auf im immer klareren Kontext griechischer Ursprünge zum Nahen Osten (Städel-Ausstellung 2005/6). Die großsprecherische Schlagzeile ("Geheimnis ist gelüftet") habe ich überlesen, das interessierte Publikum kann sich 2008 auf eine muntere wissenschaftliche Debatte freuen.
Ach, man weiss über Homer also nichts? Wir dagegen wissen seit unserer Lukian-Lektüre in Jugendzeiten ziemlich genau, dass Homer weder blind war, noch Homer hiess, sondern Tigranes und aus Babylonien stammte. Womit auch die Frage der Assyrisch-Kenntnisse gelöst wäre. Manch einer mag das unglaublich finden, aber schliesslich hat Homer selbst dies alles dem Autor der Wahren Geschichten be-
richtet.
wenn sich mal jemand die Mühe macht die unerklärlichen Brüche aufzuzeigen.
Schon fast unglaublich, dass im 8. (also einem dunklen) Jahrhundert jemand über ein 400 Jahre zurückliegendes Ereignis schreibt. Wer hat dem das Schreiben beigebracht? Woher hat er davon gewusst? Die handelnden Völker (Mykener usw.) waren jedenfalls schon ausgestorben und Bibliotheken oder Wikipedia gab es da nicht. Und selbst wenn (Wunder gibt es immer wieder) er es im 8. Jh. geschrieben hat, wie hat das Werk die dunklen Jahrhunderte überdauert? Und wo? Schier unglaublich, dass die Analphabeten sich die Mühe gemacht haben.
Jedenfalls passt hinten und vorne nichts zusammen.
Bei Schrott jedoch schon.
650 v.Chr. (also am Beginn der klassisch-antiken Kultur), das hat Hand und Fuß. Und dass Troja (das keiner mehr kannte) nicht gemeint sein kann ist dann auch logisch.
Finde ich gut. Und finde auch gut, dass wir das zu lesen kriegen.
Ich bin verwundert, zu einem so vielbehandelten Thema einen derartigen Titel lesen zu dürfen: "Homers Geheimnis ist gelüftet". Hatten zahlreiche Generationen zuvor nicht größere Demut in der Bedeutung ihrer Forschungsergebnisse.
Nach der Lektüre zeigt sich, dass es dem Autor und vielleicht auch der FAZ nicht an Selbstüberschätzung mangelt. Es drängt sich unweigerlich die Frage, warum. Hier will wohl ein Schriftsteller den Lohn für seine Arbeit maximieren, er will verkaufen - hätten wir sonst in der FAZ auf vier Seiten von der neuen Übersetzung der antiken Epen erfahren?
Es bleibt das FAZit: schlechter Stil, den man sonst vom Enthüllungsjournalismus gewohnt ist, lediglich der Inhalt lässt eine gewisse Tiefe erkennen.
PS. Herr Schrott, vielleicht könnten Sie Ihr Buch auch noch bei "Kerner" oder "Wetten, dass..." vorstellen, um mehr Menschen an Ihrer "Sensation" teilhaben zu lassen.
Am Beispiel der Studien zur Nibelungensage, die soweit gehen in Siegfried den bekannten Cheruskerfürsten Armin zu vermuten und dem Lindwurm, den dieser erschlug und damit in Wirklichkeit die römischen Legionen Varus eliminierte, machen deutlich wie weit antike Fantasie aber auch moderne Interpretationen zu gehen vermögen. Vergessen wir aber doch bitte nicht, dass wir es hier wie dort mit Mythen und nicht mit Geschichte zu tun haben. Bekanntlich erfanden sich die Griechen mit den Danaiden als Abkömmlinge ägyptisch/assyrischer Prinzen- und Prinzessinnen, obwohl doch anzunehmen ist, dass sie einem Strom indogermanischer Völkerwanderung entsprangen. Man muss unterscheiden zwischen der antizipierten geistigen und der wirklichen Herkunft. Letztere dürfte schon den griechischen Historikern nicht mehr wirklich geläufig gewesen sein und Homers Dichtung verdunkelte definitiv jeden Zugang zu einer wahren Erkenntnis, und man sollte daher auf seiner semantischen Spur und nicht einer „historischen“ auf den Fersen bleiben
Schrotts Beobachtungen und Erklärungen sind faszinierend. Sie bestätigen, was ohnehin in den letzten Jahrzehnten immer deutlicher herausgearbeitet worden ist: Die Blüte der griechischen Kultur im ersten Jahrtausend v.d.Z., die mit Homer einsetzte, nährte sich aus ganz unterschiedlichen Quellen, die jedoch fast ausschließlich in dem Gebiet liegen, das wir heute als Naher und Mittlerer Osten bezeichnen. Dazu gehört im weiteren Sinne auch Ägypten. Etwa ein Dutzend asiatischer Hochkulturen scheinen von den “Hellenen” produktiv aufgenommen und umgeformt worden zu sein. Europa ist also ein Abkömmling Asiens. Ist diese Einsicht so brandneu? Nein, bereits der antike Mythos von Europa hatte sie. Löst Schrott das Rätsel Homers? Einige Rätsel löst er wohl, andere schafft er neu. Ist es denn so entscheidend, die Frage zu beantworten, quis erit, cui debuerit? Oder: Woher habt ihrs genommen, wie konnt es zu euch kommen? Johannes Hampel, Berlin
...sollte man die "Ilias", schreibt Herr Schrott zwar, aber dann tut er es leider selbst. Wie in einem Baedeker versucht er mittels des (zugegebenermaßen fiktiven) Texts, die topologischen und geographischen Details auszumachen. Sein Unternehmen erinnert an den englischen Forscher, der vor Jahren zu beweisen suchte, dass der Autor der Ilias überhaupt nicht Homer war, sondern ein ganz anderer blinder Poet, der zufällig auch Homer hieß.