Immer wieder erstaunt mich der schnöde Blick, mit dem gerade die "klugen Köpfe" die Literatur so abschätzen. Wie kann man so töricht sein, Beckett mit Márquez vergleichen zu wollen? Wie kann man das Erbe Baudelaires oder Valérys, Musils oder Joyces mit den Bedingungen vergleichen, unter denen die neue lateinamerikanische Literatur entstand (auch wenn Europa große Bedeutung für diese hatte und hat)? Als verkleinere der "Nouveau Roman" gewissermaßen die Literatur, erzeuge nur 1000 kleine Epigonen, während vollsaftiges, pralles Erzählen unter südlicher Sonne lebensbejahend, aufbauend, sozusagen gesünder sei. Was für eine elend kleinkarierte Vereinnahmung des Werkes von Márquez! Welche Ignoranz auch gegenüber einem Onetti oder einer Lispector! Als sei der Gedanke unerträglich, daß Literatur aus gänzlich unterschiedlichen Haltungen entsteht. Auch gibt es sicher ebensoviele "kleine" Márquez' wie "kleine Becketts" oder Rilkes. Lesen Sie die "Wahlverwandschaften", und Sie werden sehen, daß es in deutscher Sprache nun einmal eine lange Geschichte der experimentellen, auch spröden Handlungskonstruktion gibt, und das, obwohl es zweihundert Jahre später einen gewissen Ingendaay gibt, der dann ganz genau wissen wird, was wahre Größe ist.
