Gabriel García Márquez

Erzählen, dass der Boden bebt

Von Paul Ingendaay, Madrid

06. März 2007 Jede Minute, sagt Gabriel García Márquez gern, wird irgendwo in der Welt ein Buch von ihm verkauft. Das klingt toll. Bis man nachrechnet und auf 1440 Stück am Tag oder eine gute halbe Million Exemplare im Jahr kommt, was nur eine gehörige Untertreibung sein kann. Aber so ist das, wenn man in allem herausragend ist - der populärste lateinamerikanische Schriftsteller unserer Tage, geliebt, verehrt, einer der wirklich unanfechtbaren Literaturnobelpreisträger des letzten halben Jahrhunderts: Gabriel García Márquez kann den eigenen Erfolg hinter einer Prahlerei verstecken, die sich bei näherem Hinsehen als Understatement erweist.

Über die tatsächlichen Dimensionen seines weltweiten Ruhms in rund vierzig Sprachen bewahrt Carmen Balcells, die Big Mama des spanischen Agentenwesens, eisernes Schweigen. Bärbel Flad dagegen, die sein Werk bei Kiepenheuer & Witsch betreut, scheut sich nicht davor, konkret zu werden. Danach ist „Die Liebe in den Zeiten der Cholera“ im deutschsprachigen Raum in rund 1,4 Millionen Stück verbreitet („weil im Titel das Wort ,Liebe' vorkommt“), „Hundert Jahre Einsamkeit“ in 1,2 Millionen, und „Chronik eines angekündigten Todes“ fand bis heute mehr als sechshunderttausend Käufer.

Unglaubliche Zahlen

Für ernsthafte Literatur sind das unglaubliche Zahlen. In Lateinamerika, mit seinen kleinen Auflagen, schwierigen Vertriebswegen und weitverstreuten intellektuellen Eliten, hatte es dergleichen ohnehin noch nie gegeben. Der Schriftsteller Hugo Loetscher, der den Roman, mit dem alles begann, bei Erscheinen der deutschen Übersetzung 1970 in der „Zeit“ rezensierte, erklärte bündig, worin erst der Affront, dann die Befreiung bestand: „Der Autor deklarierte den Abenteuer- und Ritterroman zum Vorbild. Und dies einer Kritik gegenüber, die sich stets bemühte, den nouveau roman oder das absurde Theater oder strukturalistische Probleme mit gleicher Sachkenntnis und Promptheit zu diskutieren wie in New York oder Paris.“

Wenn sich schon das lateinamerikanische Publikum von García Márquez so animieren ließ, dass die Erstausgabe von „Cien años de soledad“ zwischen 1967 und 1976 zwei Millionen Käufer fand, denen bis 1987 angeblich dreihundertfünfzig weitere Millionen folgten, wie musste ein solcher Befreiungsschlag erst auf europäische Leser wirken. Und wie erst auf deutsche! Nichts gegen Beckett oder Nathalie Sarraute. Unser Fluch - neben der landläufigen deutschen Innerlichkeitsprosa - waren nur die hundert kleinen Becketts und tausend kleinen Sarrautes: all die kurzen Sätze und tristen Gefühle in sehr epigonalen, luftigen Büchern, deren Handlung man vergessen hatte, sobald die letzte Seite umgeblättert war. Höchste Zeit, dass sich wieder jemand traute, als souveräner Erzähler aufzutreten, um nicht die Begrenztheit, sondern die Universalität seiner Geschichten zu demonstrieren.

Ein Kuhdorf namens Macondo

Das war der Augenblick von Gabriel García Márquez. Schon der Titel, unter dem das Wunder in die Welt trat, klang so rätselhaft wie verführerisch: „Hundert Jahre Einsamkeit“. Von nun an gehörten Zahlenmystik, unerhörte Begebenheiten, dampfende Vegetation und sintflutartige Regenfälle in einem Kuhdorf namens Macondo zum Inventar dessen, was das Etikett des „Magischen Realismus“ (der in den Augen des Autors ja der Wirklichkeit der kolumbianischen Karibikküste entsprach) zu verheißen schien - nicht als Dekor, sondern als Spiegelung eines stolzen, leidenschaftlichen Menschenbildes. Es gibt keine zäheren, besesseneren Figuren als bei García Márquez, keine verbohrteren und verrückteren. Während seine Kollegen oft zergrübelte Einzelgänger und kleinlaute Verlierer zeichneten, stellte der Kolumbianer seine Figuren mit solcher Macht auf die Füße, dass der Boden bebte. Einmal steigt eine schöne Frau bei ihm leibhaftig in den Himmel auf. Große Gefühle und große Taten gehören hier endlich wieder zusammen.

Daher seine schamlosen Übertreibungen: Die Anforderungen müssen gewaltig sein, an denen seine Helden sich bewähren. Und oft verwirren uns die Wunder der sichtbaren und unsichtbaren Welt die Sinne. Siebzehn Söhne zeugt Oberst Aureliano Buendía - und nennt sie alle Aureliano. Das siebzehnte Kind wird mit einem Schweineschwanz geboren, und am Ende des Romans, während ein apokalyptischer Sturm das Dach abdeckt, die Türen aus den Angeln reißt und schließlich das ganze Dorf hinwegfegt, liest der letzte Nachfahre des Buendía-Clans auf pergamentenen Seiten, dass das Schicksal der Sippe aus Macondo seit langem vorherbestimmt ist und sich durch die Lektüre jedes Einzelnen von uns buchstabengetreu vollzieht. Was bei Imitatoren wie Isabel Allende zur Importware eines marktgängigen Exotismus verkam, hat in diesem Buch noch den Zauber des ersten Mals. Wären alle Leser dieser Welt aufgefordert, den repräsentativen Roman des zwanzigsten Jahrhunderts zu küren, die Wahl würde möglicherweise - trotz Proust, Joyce oder Nabokov - auf das Hauptwerk von Gabriel García Márquez fallen. Oder gleich auf „Harry Potter“.

Es durfte wieder erzählt werden

Dass es bei einem solchen Plebiszit, käme es zustande, nicht nur um Geschmacksurteile zu gehen hätte, sondern um Paradigmen unserer Wahrnehmung von Literatur, auch daran hat García Márquez seinen gehörigen Anteil. Denn während die Verkaufszahlen bedeutender Schriftsteller bis dahin nur für sie selbst von Interesse waren, doch wenig in das Bild eingingen, das sich die Öffentlichkeit von ihnen machte, spielten Massenwirkung und kommerzieller Erfolg bei der Rezeption des lateinamerikanischen „Booms“, den García Márquez und seine Agentin wesentlich befeuerten, von Anfang an eine Rolle. „Es darf wieder erzählt werden“ hieß die Losung, die sich im Lauf der Jahre nicht nur auf dem Buchmarkt, sondern auch in Seminarräumen gegen die dünnblütigere Literatur der Europäer und Nordamerikaner durchzusetzen begann. Dabei ist es nicht ohne Ironie, dass Lateinamerika mit Jorge Luis Borges den intellektuellsten und mit Gabriel García Márquez den instinktivsten der großen Autoren des vergangenen Jahrhunderts stellt, als hätte die Generalüberholung unseres Literaturbegriffs nur von den südlichen Rändern der kulturellen Landkarte ausgehen können.

„Tatsache ist, dass jeder Schriftsteller seine Vorläufer erschafft“, schrieb Borges 1951 in einem berühmt gewordenen Essay. Er meinte damit, dass die Strahlkraft der Literatur auch in die Vergangenheit zurückreicht, weil sie unseren Traditionsbegriff verändert. Im selben Jahr, in dem Borges diesen Satz schrieb, saß der dreiundzwanzigjährige Gabriel García Márquez in der Redaktionsstube der Zeitung „El Heraldo“ in Barranquillas und war damit beschäftigt, sich im kolumbianischen Journalismus einen Namen zu machen.

Das Recht, verrückt zu werden

Wie selbstbewusst er darin war, zeigt ein achthundertseitiger Band mit Artikeln von 1948 bis 1952, der vor anderthalb Jahren auch auf Deutsch erschien. „Gabo“, wie seine Freunde ihn nennen, erzieht sich von Anfang an zum Allroundkönner. Er schreibt präzise und farbig, macht trotz der Zensur im Land keinen Hehl aus seiner politischen Meinung und beherrscht bei alledem die Kunst, aus dem Nichts der täglichen Routine plauderige Glossen zu produzieren. Unter dem Pseudonym „Die Giraffe“ philosophiert er etwa über die „Verteidigung der Särge“, „Gründe, ein Hund zu sein“ oder „Das Recht, verrückt zu werden“. Schon in diesen Jahren nennen ihn Freunde einen „großen Erzähler“. Wenig später, in seinen Reportagen, tritt er den Beweis dafür an.

Die Linien des späteren Werks scheinen auf, sobald sich der junge Journalist über Literatur äußert. Die ungebändigte Romanwelt von William Faulkner, dem „Meister“, ist in den fünfziger Jahren sein ständiger Referenzpunkt, dahinter folgen Kafka, Virginia Woolf und Aldous Huxley. Eine Erzählung von Truman Capote lobt García Márquez 1950 mit den Begriffen „Realismus des Irrealen“ und „allzu menschliche Unwirklichkeit“. Nicht der Feuilletonist, sondern der künftige Erzähler schreibt hier an seinem Programm. Ein halbes Jahrhundert darauf hat der Mann aus dem Karibikdorf Aracataca seinen Lehrmeister Faulkner im Bewusstsein der lesenden Öffentlichkeit verdrängt.

Die Demut des Reporters

Liest man heute noch einmal García Márquez' frühes Glanzstück „Der Oberst hat niemand, der ihm schreibt“ (1961), eine Apotheose menschlicher Beharrungskräfte, erkennt man die Nähe zu Hemingways „Der alte Mann und das Meer“ (1952). Sein eigenes Meerbuch hatte er 1955 mit den Reportagen über Luis Alejandro Velasco geschrieben, aus denen der „Bericht eines Schiffbrüchigen“ hervorging. Auch die „Chronik eines angekündigten Todes“ (1982), die Novelle um eine gnadenlos exerzierte Blutrache, kombiniert die Tugenden des Reporters mit denen des Prosakünstlers: „High Noon“ fürs Provinzblatt. Man tut García Márquez also Unrecht, wenn man seine Spezialität im Füllen großer Leinwände vermutet. Es ist immer der Stoff, der den Platz fordert, nicht aufgepumpter Stil. Bekannte spanische Autoren wie Javier Marías und Rafael Chirbes sehen in den kürzeren Büchern den Höhepunkt seines Werks.

Doch auch ein Gabriel García Márquez ist nicht davor gefeit, sich bei Stoff oder Methode zu vergreifen. Sowohl bei seinem Roman „Der General in seinem Labyrinth“ (1989) als auch bei der langen Reportage „Nachricht von einer Entführung“ (1996) war die Aufarbeitung der Fakten mühsam und zeitraubend. Das Ergebnis setzt den Autor nur zum Teil ins Recht. Denn der Roman, der sich von der historischen Recherche nicht befreien kann, wird am Ende von ihr erdrückt; die Reportage dagegen profitiert von der Demut, mit der sich García Márquez in den Dienst der wahrheitsgemäß erzählten Geschichte stellt.

Das geheime Zentrum

Seitdem sind die kreativen Kräfte wahrnehmbar erlahmt, und 2005, nach der missglückten Novelle „Erinnerung an meine traurigen Huren“, gönnte sich der Autor eine Schreibpause. Das fulminante Eingangskapitel seiner Autobiographie „Leben, um davon zu erzählen“ (2002) ist wohl das Beste, was von ihm in den letzten zehn Jahren zu lesen war. Fraglich ist, ob die ursprünglich geplanten Bände zwei und drei überhaupt noch geschrieben werden. Fast möchte man García Márquez davon abraten, seine Begegnungen mit politischen Führern, die er schon in mäßig prickelnden Reportagen geschildert hat, noch einmal aufzugießen.

Das geheime Zentrum seines politischen Denkens, seiner Visionen und Loyalitäten aber heißt Fidel Castro. Ob der Schriftsteller den kubanischen Staatschef eher mit dem 1997 verfassten hagiographischen Zeitungsporträt „Mein Freund Castro“ oder mit seinem Diktatorenroman „Der Herbst des Patriarchen“ charakterisiert hat, ist dabei eine müßige Frage. Gabriel García Márquez hat sich nie als engagierten Intellektuellen mit Sicherheitsabstand empfunden, sondern seine politischen Sympathien früh verteilt - und danach nie mehr widerrufen. Bis zum Ende wird der Schriftsteller an Fidels Seite sein und der Idee der kubanischen Revolution die Treue halten. Manche seiner Figuren sind für geringere Missionen gestorben.



Text: F.A.Z., 03.03.2007, Nr. 53 / Seite Z3
Bildmaterial: AFP, AP, CINETEXT, picture-alliance / dpa, REUTERS

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