Von Claudia Riedel

Jetzt singt sie auch noch für Chanel - Irina Lazareanu bei einer Modeschau in London Anfang Dezember
17. Dezember 2007 Das folgende Gespräch fand in Paris statt. Es wurde aufgezeichnet in der Limousine des Models auf dem Weg zum Hotel, in der Hotelbar und im Zimmer der Agentin. Im Auto sitzen vorne: Fred, der Fahrer, Irina, das Model; hinten: Sally, die Tourmanagerin von Pete Doherty, und ich. Irina trägt flache Räuberstiefel, ein viel zu großes Jackett, darüber eine Herrenweste und drunter einen Nietengürtel. Wir fahren die Champs-Élysées entlang.
Haben Sie Pete Doherty im Kofferraum versteckt?
Warum?
Weil seine Tourmanagerin hier im Auto sitzt.
Nein, diesmal begleitet Sally mich auf meiner Fashion-Tour. Wir sind gute Freundinnen.
Ihr Resümee für diese Saison?
Diese Saison bin ich 68 Shows gelaufen. Letzte Saison waren es 75, vorletzte 84 und 97 in meiner ersten Saison. Das macht insgesamt - keine Ahnung. Morgen gehe ich angeln. Wo sind die Zigaretten?
Irina dreht die Musik lauter, drückt auf die Rewind-Taste und fängt an, mitzusingen (wir hören zum dritten Mal den Smash-Hit einer britischen Band, die sich Cold War Kids nennt): Hang Me Up To Dry ... Hello Kate ...
Haben Sie gerade von Kate Moss gesungen?
(Dreht sich um und betrachtet das Aufnahmegerät.) Sie schneiden schon mit?
Ja, das war doch der Plan!?
Ach so, ja. Ich habe übrigens das gleiche!
Aufnahmegerät?
Ja. Damit nehme ich Songs auf.
Haben Sie damit auch Ihr Album aufgenommen, das demnächst erscheinen soll?
Nein, nur meine Skizzen. Das Album ist in New York in dem Studio entstanden, in dem John Lennon Double Fantasy produziert hat. Ich habe es diesen Sommer zusammen mit Sean [Sean Lennon, der Sohn von John Lennon und Yoko Ono, Anm. d. Red.] produziert und sozusagen im Studio gelebt.
Sie haben dort übernachtet?
Ja. Manchmal ging das nicht anders, wir wären sonst nicht fertig geworden. Es sollte ja schon vor einem Jahr rauskommen, aber die Aufnahmen wurden immer wieder verschoben. Fashion rocks, verstehen Sie? Ich musste zu viel arbeiten. Für Sean war es allerdings ein bisschen hart, dort zu leben, in dem Raum, den sein Vater als Letztes betreten hatte, kurz bevor er erschossen wurde.
Oh! Wie sind Sie überhaupt auf die Idee gekommen, ein Album aufzunehmen?
Diese Idee hatte ich schon lange. Als ich Sean getroffen habe, hat es sich endlich ergeben. Angefangen, Musik zu machen, habe ich vor ungefähr elf Jahren.
Mit Pete Doherty. Wo haben Sie den eigentlich kennengelernt? Sie waren damals vierzehn und besuchten die Royal Academy of Arts, um Ballerina zu werden.
Das war auf einer Party in East London. Da kam dieser merkwürdige Typ auf mich zu, und das Erste, was er sagte, nachdem er mir seinen Namen verraten hatte, war: Dich werde ich irgendwann heiraten. Na ja, dann waren wir zusammen, haben Musik gemacht, damals mit den Libertines, sind auf Tour gewesen et cetera. Er hat mir beigebracht, wie man Songs schreibt. Er meinte immer: Egal, ob du einen Film machst, ein Buch oder ein Lied schreibst, das Wichtigste ist, dass das, was du sagst, mit deinem Leben zu tun hat oder damit, was um dich herum passiert, und dass du nicht lügst.
Der Wagen hält vor dem Westminster Hotel. Alle steigen aus. In der Hotelbar wird ein Fußballspiel übertragen, es herrscht Fankurven-Stimmung. Es sind noch genau zwei Plätze frei, direkt unter dem Fernseher.
Sollen wir das Gespräch vielleicht auf Ihr Zimmer verlegen?
Ground control, können Sie mich hören?FRAGE: (Es klingelt, Irina schreit ins Telefon.) Ja? Bin hier unten mit Claudia, Klar, ich kann auch hier was essen! (Sie spricht mit ihrer Agentin, der Mann vom Nebentisch mit dem Fernseher:) Go, go, go! (Irina immer noch am Telefon:) Okay! (Zur Agentin:) Hast du Alkohol? Na gut. Dann kommen wir zu dir. Bis gleich! (Legt auf.) Neuer Plan: Wir besorgen ein paar Drinks und nehmen die mit nach oben.
Wollten Sie nicht auch etwas essen?
Ja. Wissen Sie, manchmal bin ich überfordert. Wie soll man das denn alles schaffen: trinken, essen, rauchen, Interviews geben, Fashion, Musik, ausgehen und telefonieren? Es gibt leider noch kein Buch, in dem steht, wie man das alles unter einen Hut kriegen soll.
Auf dem Weg ins Hotelzimmer erzählt sie, dass an diesem Abend das Konzert von The Kills stattfindet, dass sie aber nicht hingehen werde, weil sie keine Lust hat, Jamie Hince zu treffen, den Sänger, mit dem Kate Moss bereits eine Affäre hatte, als sie, Irina, noch mit ihm zusammen war - und das, nachdem Pete Doherty sie das erste Mal wegen Kate verlassen hatte. Es habe in ihrem Leben nur drei boyfriends gegeben. Zwei davon habe sie an Kate abgetreten, einen davon bereits zweimal. Im Zimmer lässt Irina sich neben dem Bett auf dem Boden nieder und beugt sich über ein Tablett mit Pommes. Das Telefon klingelt.
Okay. Ich glaub, ich muss Ihnen nicht mehr viel erzählen. Das ist mein Leben!
Ihr Job scheint anstrengend!
Ja. Aber verstehen Sie mich nicht falsch, es ist nur ein Job. Ich finde, man darf das alles nicht so ernst nehmen. Außerdem: Wir sind nur Erscheinungen in einer Phantasiewelt. Klar geht es um sehr viel Geld, aber eine Modenschau ist trotzdem kein OP-Saal. In Mailand bei den Proben von Burberry sind fünfzehn Leute in Ohnmacht gefallen, weil ein Schuh nicht passte. Ein Mädchen hatte ein Problem mit einem Pumps, und als dann schließlich der Strumpf abgeschnitten wurde, kippte die Hysterie in Panik um. Komischerweise war ich die Einzige, die das lustig fand.
Aber geht es nicht bei jeder Fashion-Show um Leben und Tod? Um Aufstieg und Fall von Gesichtern, möglichen It-bags, wer mit wem wo spricht und wie oft man fotografiert wird?
In einer materialistischen Gesellschaft geht es ständig um Leben oder Tod von It-bags, It-girls, i-Phones oder Sonnenbrillen-Kreationen - beziehungsweise um Celebrities, die ständig neue Lines launchen: Kate Moss für Top-Shop, Lindsay Lohan oder Victoria Beckham für was auch immer. Alle leben davon, irgendeinen Ramsch zu verkaufen oder Straftaten zu inszenieren, die in der Klatschpresse stehen, damit sie mehr verkaufen. Manchmal kommt mir das alles vor wie ein Witz über Leben und Tod.
Wie gehen Sie damit um?
Wenn man so mitkriegt, was sonst noch so los ist auf der Welt, möchte man manchmal wirklich lieber in einer Luftblase leben, in einem perfekt eingerichteten Apartment mit einem Berg aus so vielen Handtaschen wie möglich und Heften, in denen man lesen kann, wie oft Britney Spears sich den Kopf rasiert, und die Klappe halten. Ich habe streng genommen nichts zu sagen, muss einfach nur gut aussehen, aber wenn ich die Gelegenheit habe, kann ich mir aussuchen, ob ich über Candys, meine Figur oder über Burma und die Menschenrechte rede.
Was haben Sie in Ihrem Beruf gelernt?
Ich hatte immer sehr viel Angst. Als Model habe ich gelernt zu sagen: Geh weg, Angst.
Angst wovor?
Angst davor, anders zu sein, nicht genug zu wissen, Gefühle zu haben, die nicht verstanden werden. Das fing damit an, dass ich in einer Umgebung aufgewachsen bin, die mir nicht vertraut war, dass ich nie die gleichen Sprachen sprach wie die Kinder um mich herum. Ich war immer das merkwürdige Immigrantenkind. Vielleicht mag ich deshalb Leute, die anders sind, und Freaks, weil sie auf bestimmte Art frei sind. Ich erinnere mich an alle Bücher, die mein Vater mir vorgelesen hat, von Platon bis William Blake. Wirklich gelernt habe ich erst von Charles Bukowski, zum Beispiel, dass du den Mut nicht verlieren darfst, wenn dich keiner versteht. Man muss seine eigene Wahrheit nur lange genug wiederholen und die Angst überwinden, dann kann man alles machen. Ich habe keine perfekte Stimme und kann gerade mal so Gitarre spielen, drei Akkorde und einen Satz schreiben oder auch zwei. Trotzdem habe ich ein Album aufgenommen. Es gibt Momente im Leben, die man nicht vergisst, die erst später ein Bild ergeben, zusammen mit anderen Puzzleteilen. Bukowski war so einer. Danke, Charles.
Ikonen in der Mode verändern sich schneller als in der Kunst. Anfang der Neunziger, als die letzten Supermodels wie Linda Evangelista verkündeten, dass sie für weniger als 10000 Dollar Gage am Tag nicht aufstehen würden, gab es plötzlich einen Gegenentwurf: Realismus und ein Model, das weder perfekt noch dekadent war: Kate Moss.
Ja, mit der Calvin-Klein-Kampagne zerfielen die Bilder von diesen absolut perfekten Supergirls. Ich war damals ein Kind und habe mir die Fotos genau angeschaut. Es war freaky. Dieser kleine Alien aus England hat nicht nur die Mode verändert und das American Supermodel abgeschafft, sondern stand auch für eine neue Jugendbewegung. Irgendwie war das vergleichbar mit dem, was vorher mit Punk passiert ist: Rebellion. Kate war Teil davon. Sie war zu klein, trug kein Make-up, eine Jeans und ein weißes T-Shirt, sonst nichts, selbst ihre Haare waren nicht perfekt, meist ungewaschen und zerzaust. Zehn Jahre später der Kokainskandal. Ich habe ihr sehr viel zu verdanken. Sie war eine echte Freundin. Aber ...
Aber?
Ach, nichts.
In der Mode löst eine Wiederbelebung von Bewegungen, Trends, Codes und Gesichtern die andere ab. Als Sie mit Ihrer Ponyfrisur auftauchten, gab es den Return of Bangs. Ein Magersuchtskandal folgt dem anderen, trotzdem werden die Models nicht dicker, im Gegenteil. Fällt Ihnen vielleicht ein Revival ein, das es noch nicht gab, etwas wirklich Neues?
Keine Ahnung. Ich? Nein, eine Freundin meinte: Vor einigen Saisons sahen alle noch normal aus. Dann kamst du! Aber eigentlich dürfte ich gar kein Model sein. Ich bin zu dünn - obwohl ich noch nie freiwillig auf eine Mahlzeit verzichtet habe, und Sie haben ja gerade gesehen, wie ich gegessen habe, oder?
Allerdings!
Außerdem sehe ich seltsam aus, meine Nase ist krumm, ich habe zu viel Haar und bin verrückt. Sogar im Artikel in der amerikanischen Vogue über Sean (Lennon) und mich, hieß es, er sei der logic und ich die loony.
Trägt man als zeitgenössische Ikone eigentlich auch irgendeine Form von Verantwortung mit sich herum?
Ja! Wissen Sie, ich riskiere meinen Kopf für das, was ich hier sage: Designer betrügen die Menschen sozusagen, indem sie ihre Ideen an uns präsentieren und so tun, als wären ihre Kleider auf ein normales Körpermaß zugeschnitten. Alle fünfzehnjährigen Mädchen wollen so sein wie wir. Da trägt man natürlich Verantwortung, hat aber auch die Möglichkeit, das System, in dem man sich bewegt, zu benutzen, um bestimmte Dinge zu kritisieren.
Wogegen gehen Sie auf die Straße?
Zum Beispiel mit Amnesty International gegen Kinderprostitution in Afrika. Das ist nur ein Beispiel. Darüber habe ich aber auch einen Song geschrieben: Für alle, die so tun, als sei nichts gewesen, und nichts sagen, aber mit Aktenkoffern und Blick nach unten die Park Avenue auf und ab schleichen.
Was machen Sie morgen?
Morgen bin ich weg, off! No more high-heels. Auszeit mit Gitarre, Stift und Zettel. Macht es Ihnen etwas aus, wenn ich meine Haare wasche? Steht auf, stolpert über ein leeres Whiskeyglas ins Badezimmer und stellt sich vor den Spiegel. Oh my god! Ich sehe ja aus wie Dorothy Parker auf Crack!
Sind wir schon fertig?
Ja.
Während Irina ihren Kopf unter die Dusche hält, trällert sie ihr für heute wohl letztes Lied, dann tänzelt sie mit nassen Haaren aus dem Badezimmer, setzt eine Sonnenbrille auf und verkündet: Wir können ausgehen. Nur: Wo ist mein Schmuck? Ach, den trägt wahrscheinlich meine Agentin. Zwei Minuten später stehen wir im Aufzug. Sally trägt ein Discokugel-Oberteil, eine aufwendige Föhnfrisur und lackiert sich den letzten Fingernagel. Irina, die ihren Räuberstiefel-Look nicht verändert hat bis auf die Sonnenbrille und ein Stirnband, das ihre nassen Haare zusammenhält, sieht aus wie ein Pirat. Irina: Hey, Sally: Wo ist mein Kopf? Sally: Alles in Ordnung. Du hast dein Telefon, ich habe deine Karten, deinen Pass. Deine Agentin hat deinen Schmuck. Den Rest lassen wir hier.
Irina Lazareanu
am 8. Juni 1982 in Rumänien geboren, wächst in Saint-Hubert, Quebec, in Kanada auf, wohin ihre Eltern aus politischen Gründen geflohen sind.
Mit dreizehn geht sie nach London und studiert Ballett an der Royal Academy of Arts, muss die Ausbildung aber wegen einer Knieverletzung beenden. Als sie fünfzehn ist, lernt sie den Musiker Pete Doherty kennen, wird seine Muse, geht 2004 mit seiner Band Babyshambles auf Tour und wird später auch seine Freundin - im Oktober 2007, nach Dohertys Trennung von Kate Moss, verloben sich die beiden, trennen sich aber bald wieder.
Irina Lazareanus Modelkarriere beginnt, als Kate Moss, Gastredakteurin der französischen Vogue, sie in der Dezember/Januar 2005/06-Ausgabe groß im Magazin präsentiert. Wenig später läuft sie für zahlreiche Topdesigner über den Laufsteg, darunter Chanel, Versace, Balenciaga, Alexander McQueen. 2006 stellt sie einen Rekord auf, als sie in einer Saison auf so vielen Schauen läuft wie kein Modell vor ihr: Sie kommt auf 97 Auftritte.
Im März 2007 wird Irina Lazareanu von Kate Moss als das Model für ihre neue Topshop Linie ausgewählt. Gerade hat sie eine Folkplatte mit Sean Lennon aufgenommen. Sie lebt in Paris und New York.
Text: F.A.Z., 15.12.2007, Nr. 292 / Seite Z6
Bildmaterial: AFP, AP, REUTERS