Von Frank Schirrmacher
17. Mai 2008 Unter der Überschrift Warum schweigt Heidegger verteidigt Karl Korn den H. So nennt er ihn. Manchmal zumindest. Er kämpft für ihn. Der Mann, ein Philosoph, kein Journalist, ist fast eine Art Mitarbeiter. Er will ihn schützen. Gegen die Vorwürfe der Infamie, Unredlichkeit, Gehässigkeit, Verfolgungssucht und - o besonderer Schreck - des Marxismus. Das schreibt am 14. August 1953 Karl Korn - oder besser: K.K., wie er seine Texte oft zeichnete - in dieser Zeitung: H. ist Student der Philosophie in Bonn bei Erich Rothacker und 24 Jahre alt . . . Mag sein, dass dem großen Heidegger ein kleiner unbekannter Student nicht Anlass genug ist, sich zu äußern. Wir jedenfalls glauben, dass der Student H. nicht nur seinen Überdruss, sondern die Ungeduld seiner Generation ausgesprochen hat. H. ist der Welt mittlerweile unter seinem bürgerlichen Namen Jürgen Habermas sehr bekannt geworden, und der Text, um den es hier geht, wurde legendär. Er markiert das Datum, an dem die politische Auseinandersetzung der jüngeren Generation mit Martin Heidegger begann. Korn war auf der Seite der Jungen.
K.K., der wie ein Setzer in der Mettage das kleine H gegen das große H setzt und damit, wie wir heute wissen, ein abgeschlossen geglaubtes Kapitel der Philosophiegeschichte weiterschreibt - dergleichen auch nur einmal im Jahrzehnt zu bewerkstelligen, ist der Traum des Feuilletonredakteurs. Wo Punkt war, soll Komma werden, wo Abschluss war, soll's weitergehen, und zwar erst klein und unbekannt, dann groß und populär. Darum all die Revisionen, Jahrestage, Wiederaufnahmen, die zum Alltag des Kritikers und Feuilletonisten gehören. Das Feuilleton ist kein Gefäß, es ist Energie, nicht romantisches Gefühl, sondern romantische Produktivität, zugegeben fast immer nur auf der Ebene der Satzzeichen, aber wäre es anders, wäre der Redakteur auch kein Redakteur, sondern Schriftsteller geworden.
Feuilletonistischer Instinkt
Nicht der Name Karl Korn, der in diesem spezifischen Zusammenhang bald vergessen wurde, sondern der von Jürgen Habermas markiert die Zäsur. Aber Korn war es, der aus dem fetten Schlusspunkt, der hinter Heidegger gesetzt war, zum Komma machte, indem er in der Zeitung den Beitrag eines vierundzwanzigjährigen Studenten der Philosophie mit der Frage druckte: Sollte der Faschismus mit deutscher Überlieferung vielleicht doch mehr zu tun haben, als man gemeinhin gerne wahrhaben möchte?
Noch wer Korn im hohen Alter erlebte, sah diese blitzende journalistische Leidenschaft, die handwerkliche Freude, mit der er neue Gedanken ausmaß, zuschnitt und polierte.
Das war das eine: der große Entdecker und Durchsetzer, befeuert von einem fast wild zu nennenden feuilletonistischen Instinkt, der, wie er selbst vermerkte, immer nur aus großer innerer Liberalität erwachsen kann. Korn entdeckte Künstler, Schriftsteller, Kritiker und eine ganze Generation von Journalisten von Karl Heinz Bohrer über Maria Frisé bis Eduard Beaucamp, die bis heute das Land prägen.
Misstrauen gegenüber der eigenen Bildungsgeschichte
Das andere war jener Bruch, der ihn zeitlebens traumatisierte und der in seinem Fall auf einen Artikel und ein Datum zu reduzieren ist. Dreizehn Jahre vor Habermas' Intervention, im September 1940, hatte Joseph Goebbels die Weisung ausgegeben, dass jeder Feuilletonchef Veit Harlans antisemitischen Film Jud Süß zu besprechen habe. Auch Korn, bis zu seinem Rausschmiss - er wurde wegen einer Kunstkritik entlassen und erhielt Berufsverbot - fünf Monate lang Kulturchef der Wochenzeitung Das Reich, schrieb eine Kritik. Sie ist ein trauriges Dokument der Anpassung und wie man leider hinzufügen muss, des Übereifers. Carl Linfert hatte in der Frankfurter Zeitung ebenfalls eine Rezension veröffentlicht, die durch konsequent indirekte Rede die Botschaft des Films erkennbar zu dem machte, was sie war: eine irrwitzige Lüge des Dritten Reichs.
Wir waren, heißt es in Korns Autobiographie Lange Lehrzeit, alles andere als Helden. Wir haben gelebt, oft voller Bitterkeit, oft leichtfertig und vergessend, oft gleichgültig und abgestumpft, aber uns doch immer wieder aufraffend. Der junge Habermas beargwöhnte die Überlieferung, also: die Bücher. Karl Korn muss, wie so viele seiner Generation, seiner Bildungsgeschichte misstraut haben, also: sich selbst. Auf Fotos glaubt man diesem bodenständigen Hünen die Bitterkeit darüber anzusehen, seine eigenen Ideale gekränkt zu haben. Doch begegnete man ihn, beseitigte seine in ausladenden Gesten Raum greifende Vitalität den Eindruck des Gebrochenseins.
Für einen europäischen Kulturbegriff
Gottfried Benn, älter und tiefer verstrickt als Korn, hatte die Parole ausgegeben, trotz aller Irrtümer weiterhin der eigenen inneren Stimme zu trauen. Korn, so jedenfalls lässt sich sein journalistisches und feuilletonistisches Wirken nach 1945 verstehen, wollte diese Stimme ersetzen und einen neuen inneren Stimmenchor zur Sprache bringen: von Habermas bis Alfred Andersch und Heinrich Böll, von Claude Chabrol bis Ingmar Bergman.
Schon als er 1949 ins Herausgebergremium dieser Zeitung berufen wurde, hatte er für dieses Kollektiv den Namen Europa. Ihm ist zu danken, dass in dieser Zeitung europäische Kulturkorrespondenzen eingerichtet wurden, überhaupt dass sie von Anfang an einen europäischen Kulturbegriff verfolgte. Sein Hauptinteresse galt dem deutsch-französischen Austausch. Die Herkunft aus Wiesbaden, wo er in einem katholischen Elternhaus am 20. Mai 1908 geboren wurde, und die Nähe zum Rheingau, zu Eltville und Bingen hatten schon früh das Romanische in ihm geweckt. 1917, so berichtet er in einem seiner autobiographischen Bücher, habe ihn der Onkel auf einen Weinberg am Niederwald geführt. Schweigend habe man auf einen Ton gehört, der wie entferntes Orgeln klang, in Wahrheit aber das Geschützfeuer von Verdun gewesen sei.
Der Gegenspieler Friedrich Sieburg
Sein großes Buch über Zola, seine Essays zu Sartre (Zeigt Sartre einen Ausweg?), Louis Malle, Truffaut, sein Eintreten für die Gruppe 47 - das alles macht diesen Journalisten paradoxerweise zu einem Nachfolger des Thomas- Mannschen Zivilisationsliteraten, zu einem Settembrini, einem Heinrich Mann. Ein Settembrini freilich, der erleben musste, das nicht nur der abstrakte Geist, sondern die eigene Vernunft kompromittiert werden konnte, ein Aufklärer nach dem Selbst-Verrat an der eigenen Aufklärung. Er war empfindsamer in diesen Fragen als Friedrich Sieburg, sein Gegenspieler im eigenen Hause.
Sieburg war schärfer, kaustischer, böser, auch frecher als Korn, vielleicht auch deshalb, weil man ihm den Sündenfall nicht vorhalten konnte. Korn fühlte sich verführt, wie Leverkühn im Thomas-Mannschen Faustus; Sieburg interessierte mehr die Beredsamkeit des Mephisto. Karl Korn konnte einen Reiseblattartikel aus dem Jahre 1953 über einen Urlaub in Tirol mit den Sätzen beginnen: Wie angenehm zu hören, man warte auf die deutschen Gäste! Das . . . war Musik für unser schüchternes Europäerohr. Dagegen Friedrich Sieburg fast aus dem gleichen Jahr: Die Welt oder wenigstens den Menschen an den Abgrund zu führen, war von jeher die Sache der Deutschen. Was diese Gegenüberstellung lehrt? Wer wirklich Faustus war, schrieb lieber über Tirol als über die Dämonie.
Emphatisch und polternd
Vielleicht ist es dies, was Karl Korn am meisten zu danken ist. Er hat den falschen Tiefsinn aus dem Feuilleton vertrieben, nicht nur die Wesenart und das Eigentliche, sondern auch das Genie und dessen Furien. Der Kulturkonservatismus der fünfziger Jahre fand denn auch in Korn keinen Mitstreiter. Im Gegenteil: Gerade aus den Kreisen der kompromittierten, aber uneinsichtigen Intelligenz schlug ihm elementarer, bis zum Rufmord treibender Hass entgegen.
Die ihn als Herausgeber erlebten, schildern ihn als emphatisch und polternd - und ungemein inspirierend. Er muss immer etwas vom Schreiber und Setzer, vom Denker und Bauer gehabt haben, und blickt man in die Korrespondenz, erkennt man, dass das kulturelle Leben bis 1968 durch ihn als eine zentrale Hintergrundfigur belebt wurde. Heinrich Böll war es, der, durch Katholizismus und sogar Gesinnung mit Korn verbunden, dessen Erinnerungen mit einem Gebet an den Gott in Frankreich krönte: Warum hast du so wenig Urbanität und Gelassenheit für uns Allemands übriggelassen, so wenig Möglichkeit, beides zu sein: konservativ und links, ländlich und städtisch, gebildet und vital.
Kein letztes Wort
Es bedurfte eines Konservativen, um das Widerspenstige durchzusetzen oder besser: um das Reaktionäre abzuwehren. Das konnte das vorgeblich Neueste sein, und das erledigt sich durch den Mut zum Wort Unsinn: Dalí im schwarzweißgestreiften seidenen Empirefrack, so schreibt er in einem seiner letzten Artikel als Herausgeber, unter einem riesigen Mao-Foto, den schieren Unsinn redend. Die Frustration der Arena wuchs, weil alle Schreie den Maler nicht dazu bringen konnten, dass er aufhörte.
Dass es aufhören möge, war freilich, unter dem Eindruck von 1968, auch sein Wunsch. Die Extremismen der Studenten verstörten ihn, der einst Adorno mit der Zeitung verbunden hatte. Er begriff, dass der Zivilisationsbruch, den Hitler in der deutschen Geschichte bedeutet, unüberschreitbar bleibt. Für ihn, so hat er selbst vermerkt, gibt es kein letztes Wort und keine Lösung. Nur immer wieder Anläufe des Verstehens. Für die gibt es Feuilletons, zumindest unter anderem. Korn hat aus dem Feuilleton eine Kraft-, Wut-, Liebes- und Leidenschaftsapparatur gebaut.
Was allein in Frankfurt sich abspielte: Eine noch zu schreibende Geschichte des kulturellen Lebens der Nachkriegszeit würde ihn zeigen, wie er den jungen H. ins Blatt hebt und kurz darauf mit Sieburg sich streitet. Dolf Sternberger, fast gleichalt, auch aus Wiesbaden, verkörpert die Synthese von politischem und feuilletonistischem Denken und stellt sein Wörterbuch des Unmenschen zusammen, in Hamburg sitzt Marion Gräfin Dönhoff, in München Wilhelm Emanuel Süskind. Dann, vor fast auf den Tag genau fünfzig Jahren, betritt ein Unbekannter die Redaktion der Frankfurter Allgemeinen. Er bietet Rezensionen an. Später wird er gefürchtet sein. K.K. weiß nicht, dass dieser Unbekannte die nächste Phase des Feuilletons einleiten wird, als er einige Jahre später auf einem Briefbogen drei Buchstaben notiert, die ein neues Kapitel eröffnen: kommt MRR.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ASSOCIATED PRESS, dpa
