07. September 2008 Für ein paar verstörende Augenblicke waren sie wieder da: die Erinnerungen an das große Thema der Olympischen Spiele. Über Wochen hatten Diskussionen um Menschenrechte in China alles andere überlagert – bis der Sport und mit ihm die Doping-Frage doch noch in den Vordergrund rückten. Als dann am Samstagabend, bei der Eröffnungsfeier der Paralympics in Peking, eine Frau versuchte, in den Innenraum des Nationalstadions einzudringen, und von Ordnern überwältigt wurde, lag mit einem Mal wieder ein Hauch von Subversion in der Luft.
Daran änderte auch nichts, dass die Organisatoren noch am selben Abend erklärten, die Frau habe mentale Probleme und befinde sich in psychiatrischer Behandlung. Ob das die Wahrheit war oder nur die chinesische Art, die Politik von den Paralympics fernzuhalten, spielte keine Rolle. Vor allem nämlich führte der Vorfall vor Augen, wie sehr die noch im August so brennenden Themen jetzt, bei den Spielen der Körperbehinderten, aus dem Blickfeld verschwunden sind.
Was soll sich geändert haben seit Olympia?
Die Paralympics haben – zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung – in völliger Harmonie begonnen. Dazu passten auch die freundlichen Töne, die Bundespräsident Horst Köhler am Sonntag nach einem Treffen mit dem chinesischen Staats- und Parteichef Hu Jintao anschlug. Köhler sprach von einer erstaunlichen Offenheit der chinesischen Führung in Menschenrechtsfragen – eine Einschätzung, die noch während der Olympischen Spiele im August unvorstellbar gewesen wäre.
Was aber soll sich geändert haben seitdem? Auch die Paralympics sind eine Massenveranstaltung: 4200 Sportler treten an, rund 2000 Journalisten sind akkreditiert. Und auch die Paralympics sind ein chinesisches Prestigeprojekt, bei dem es um (Selbst-)Darstellung geht. Hat sich also das Thema einfach abgenutzt? Wird nicht mehr so genau hingeschaut? Oder hat die plötzliche Zurückhaltung vielleicht auch etwas mit dem eigenen Charakter der Spiele zu tun? Es ist wohl von allem etwas.
Das eigene Thema steht mehr im Vordergrund
Abgefrühstückt sei das Thema, sagt der Aktivensprecher der deutschen Teams, der Tischtennisspieler Rainer Schmidt. Damit meint er vor allem, dass sich die Sportler angesichts der bevorstehenden Wettkämpfe nicht mehr auf Dinge außerhalb des Sports konzentrieren könnten. Ein bisschen sei es auch so, dass für die behinderten Athleten – stärker noch als für ihre olympischen Kollegen – das eigene Thema, das besondere Erlebnis bei den Spielen, im Vordergrund stehe.
Doch dann berichtet Schmidt auch von einer eigenen Erfahrung, die er als Skandal bezeichnet: Er glaubt, dass seine Website und die dreier Teamkollegen für den Zugriff von China aus gesperrt worden seien. Eine Erklärung dafür hat er nicht. Der evangelische Pastor ist zwar vor den Spielen des Öfteren zur Lage der Behinderten in China befragt worden. In dem Blog auf seiner Seite aber gebe es keine verwerflichen Inhalte. Verboten sind Blogs den Sportlern nicht – der Präsident der Internationalen Paralympischen Komitees (IPC), Sir Philip Craven, betreibt selbst einen. Das IPC kündigte an, den Fall zu beobachten, und leitete eine entsprechende Anfrage an das Organisationskomitee Bocog weiter.
Einstellungen in größerem Zusammenhang ändern
Bei den offiziellen Terminen von Bocog und IPC ist das Thema Politik bislang kaum angesprochen worden. Und wenn, dann gibt man sich verständnisvoll, aber unverbindlich. Die drei Protestparks, die es schon während Olympia gab, seien noch nicht geschlossen, sagte Bocog-Vizepräsident Wang Wei. Und fügte gleich hinzu, dass man Probleme in China eher durch Gesetze als durch Proteste zu lösen pflege.
Es wird ihn nicht gestört haben, dass IPC-Präsident Craven neben ihm keine Veranlassung sah, sich in diese Debatte einzumischen. Ich werde es dem Organisationskomitee überlassen, sich um solche Dinge zu kümmern. Für das IPC sei es wichtig, sich dieser Fragen bewusst zu sein – noch wichtiger sei aber etwas anderes: Die Einstellungen in einem größeren Zusammenhang zu ändern: den 83 Millionen behinderten Chinesen eine größere Chance zu geben, ihr eigenes Leben zu leben.
Manche E-Mail-Konten sind nicht zu erreichen
Die Haltung, wonach die Spiele in Peking auf diese Art und Weise einen Fortschritt bedeuten, teilt man auch an der Spitze der deutschen Delegation. Karl Quade, der Chef de Mission, geht davon aus, dass die Paralympics für Behinderte in China eine weitere Aufwärtsentwicklung bedeuten werden. Deswegen sind die Spiele zu Recht hier. Über die eine oder andere Einschränkung im Internet – auch E-Mail-Konten bei Freenet sind nicht zu erreichen – kann er sich nicht groß aufregen.
Vielleicht ist es ja wirklich so, dass die Paralympics nicht mehr der richtige Anlass sind, um diese Diskussion zu führen. Dass man die Spiele und ihre großen Momente den Sportlern überlassen sollte, ohne ihnen noch eine politische Last aufzubürden. Eines aber ist klar. Falls sich doch ein Athlet entschlösse, die Paralympics zu einem öffentlichen Protest zu nutzen, würde er nicht schonender behandelt als ein olympischer Kollege auch. Dann, sagte Quade, wird wohl ganz schnell Tabula rasa gemacht.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP