17. September 2008 Diese Paralympischen Spiele haben das Zeug, lange nachzuwirken. Nicht allein, weil es die größten oder die spektakulärsten Spiele in der Geschichte des Behindertensports gewesen sind (siehe: Ende der Paralympics: Spektakulär bis zum Schluss). Größe macht noch kein Format, Spektakel kein Erlebnis. Und so sollte man zuallererst auf das Urteil der Sportler hören, ob Peking das gewaltige Versprechen, das es gegeben hatte, auch wirklich eingelöst hat (siehe: Interview zu den Paralympics: Peking ist ein kleiner Durchbruch“).
Spiele mit demselben Glanz wie ein paar Wochen zuvor bei Olympia sollten es werden. Für die 4000 Athleten hat sich das auf eindrückliche Art bewahrheitet. Wen man auch fragte – es gab niemanden, der ein schlechtes Wort verloren hätte. In Sachen Organisation und Effizienz hatte man den Chinesen nach den ersten Festspielen des Sommers ohnehin alles zugetraut.
Dass jeden Abend 90.000 kamen, gab Anlass zur Hoffnung
Dass die Paralympics aber auch mit großer Herzlichkeit und vor allem von einem begeisterungsfähigen Publikum angenommen würden – das war alles andere als selbstverständlich. Der alltägliche Umgang mit Behinderung galt als heikles Thema in einem Land, das mit 83 Millionen so viele behinderte Menschen hat wie Deutschland Bürger. Und man wäre naiv zu glauben, dass deren Situation in China von heute auf morgen umschlägt: von Ausgrenzung und Stigmatisierung zu einem rücksichts- und respektvollen Miteinander (siehe: Paralympics: China feiert seine Behindertensportler ).
Dass aber bei diesen Paralympics an jedem Abend 90.000 Menschen ins Vogelnest“ kamen und die Sportler feierten, dass die Medien in gewaltigem Umfang berichteten, dass sich die politische Führung für die Sache stark machte – das alles gab Grund zu hoffen, dass von den Spielen mehr als nur ein bisschen behindertengerechte Kosmetik im Stadtbild von Peking bleibt.
Die dünne Infrastruktur des IPC stieß an seine Grenzen
Für China, den Gastgeber und Ausrichter, hatten die zwölf Tage somit auch den erhofften Werbeeffekt in eigener Sache. Das ließ sich für die Herren und Lizenzgeber der Spiele, das Internationale Paralympische Komitee (IPC), nicht im selben Maße sagen. Mehr als einmal wurde offensichtlich, dass die Verpackung nicht mehr zusammenhält, was alles in sie hineingezwängt werden soll. Dass zweimal Medaillen verliehen wurden, obwohl noch Proteste liefen, und die vermeintlichen Gewinner die kostbaren Stücke zurückgeben mussten, zeigt, wie überkomplex die Spiele mit all den Sportarten und Startklassen sind.
Die vergleichsweise dünne Infrastruktur des IPC stößt da an ihre Grenzen. Den Sportlern, von denen sich viele inzwischen hochprofessionell auf die Paralympics vorbereiten, ist so etwas nicht zuzumuten. Zudem klagten sie über teils undurchsichtige Kriterien bei der Klassifizierung, was auch die Zuschauer hinter manches Ergebnis ein Fragezeichen setzen ließ.
Bis London soll abgespeckt werden
Bis 2012 in London soll das Programm um ein paar Prozent abgespeckt werden. Das klingt nach Korrekturen, nicht aber nach dem großen Wurf. Es dürfte unmöglich sein, die Paralympics in ihrer Breite – mitsamt Wettkämpfen für Schwerstbehinderte – zu erhalten und sie zugleich in der Spitze noch näher an Olympia heranzuführen. Auf welche Weise der Sache der behinderten Menschen mehr gedient wird, ist die Frage, die es nach den glanzvollen Tagen von Peking zu beantworten gilt.
Auch die Paralympics
waren für China die
erhoffte Werbung in
eigener Sache.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa