Von Frank Schätzing
Stiefelabdrücke zu hinterlassen, gehörte zu den Privilegien der Pioniere, was dem Typus des Verwalters komfortable Optionen einräumte. Er kannte die Risiken, ohne ihnen ausgesetzt gewesen zu sein. Er war vertraut mit Naturerscheinungen, Appetit und Bewaffnung der ansässigen Flora und Fauna, wusste sich auf die Renitenz der Ureinwohner einzustellen. Seine Kenntnis verdankte sich der fiebrigen, potenziell selbstmörderischen Neugier des Entdeckertypus, der nicht anders konnte und wollte, als sein Leben auf dem schmalen Grat zwischen Triumph und Tod zu verbringen. Schon beim Vorgängermodell des Homo erectus, dessen waren sich die Anthroposophen sicher, hatte die Menschheit Tendenzen zur Aufspaltung in eine verwaltende Majorität sowie eine kleine Gruppe solcher gezeigt, die nicht still sitzen konnten. Letztere verfügten über ein spezielles Gen, bekannt als Kolumbus-Gen, Novelty-Seeking-Gene oder schlicht D4DR in verlängerter Version, codierend für die außergewöhnliche Bereitschaft, Grenzen zu überschreiten und Risiken einzugehen. Zur Kultivierung der eroberten Gebiete eignete sich der Haufen Draufgänger naturgemäß weniger. Lieber erschlossen sie weiße Flecken, ließen sich von neuartigem Getier beißen und schufen überhaupt erst die Voraussetzungen dafür, dass der konservativ veranlagte Teil nachrücken konnte. Sie waren die ewigen Scouts, denen ein Fußabdruck in Terra incognita alles galt. Umgekehrt entsprach es der Natur des Verwalters, Lehm, Sumpf, Sand, Kies, Schlick und was es sonst an amorpher Unberührtheit gab, dem Diktat geebneter Flächen zu unterwerfen, sodass Evelyn Chambers, als sie, von Ehrfurcht durchloht, die Gangway der CHARON herabschritt und erstmals Mondboden betrat, keinen bleibenden Eindruck hinterließ, sondern sich auf solidem Beton wiederfand.
Für die Dauer einer Sekunde war sie enttäuscht. Auch andere schauten reflexartig auf ihre Füße, als sei das Betreten des Mondes untrennbar mit dem Stempeln des Regoliths verbunden.
»Ihr werdet noch früh genug Abdrücke hinterlassen«, sagte Julians Stimme, in alle Helme geschaltet.
Einige lachten. Der Moment verfehlter Erwartungen verging und machte ungläubigem Erstaunen Platz. Sie tat einen zögerlichen Schritt, noch einen, federte ab - und wurde kraft ihrer Wadenmuskulatur über einen Meter in die Höhe getragen.
Unglaublich! Absolut unglaublich!
Nach über fünf Tagen in der Schwerelosigkeit spürte sie die vertraute Bürde ihres Gewichts und spürte sie doch nicht. Eher, als habe eine ominöse Comicheftchenstrahlung sie mit Superkräften ausgestattet. Überall um sie herum gerieten wilde Hopsereien in Gang. Black scharwenzelte mit seiner Kamera zwischen ihnen umher und hielt drauf.
»Wo ist das Sternenbanner?«, dröhnte Donoghue. »Ich will es in den Boden rammen!«
»Da kommen Sie 56 Jahre zu spät«, lachte Ögi. »Die Schweizer Flagge allerdings -«
»Imperialisten«, seufzte Heidrun.
»Keine Chance«, sagte Julian. »Es sei denn, ihr wollt eure Flaggen in den Boden sprengen.«
»Hey, seht euch das an«, rief Rebecca Hsu.
Ihre füllige Gestalt schoss über die Köpfe der anderen hinaus, windmühlenflügelartig ruderte sie mit den Armen. Wenn es Hsu war. So genau ließ sich das nicht feststellen. Durch die spiegelnden Visiere konnte man Gesichter kaum erkennen, nur der Aufdruck auf dem Brustpanzer verriet die Identität seines Trägers.
»Na los«, lachte Julian. »Traut euch!«
Chambers nahm Anlauf, vollführte eine Reihe ungelenker Sprünge, schnellte erneut in die Höhe und drehte sich trunken vor Übermut um ihre eigene Achse, wobei sie das Gleichgewicht verlor und in meditativem Sinkflug zu Boden ging. Sie konnte nicht anders, als in albernes Kichern auszubrechen, während sie weich auf ihrem Hintern landete. Entzückt blieb sie sitzen, um das surreale Schauspiel zu genießen, das sich ihr bot. Binnen Sekunden hatte sich die arrivierte Gesellschaft in eine Horde Erstklässler verwandelt, außer Rand und Band geratene Spielkameraden. Wie von selber kam sie wieder auf die Beine.
»Gut«, lobte Julian, »sehr gut. Das Bolschoi-Ballett ist ein Haufen Tölpel gegen euch, allerdings müssen wir die Leibesübungen vorübergehend unterbrechen. Es geht weiter ins Hotel, also schenkt jetzt bitte wieder Nina und Peter euer Ohr.«
Es war, als habe er auf falscher Frequenz gesendet. Mit dem Trotz zum Essen gerufener Kinder ließen sie sich bitten, kamen endlich angetröpfelt und scharten sich um ihre Reiseleiter. Das Rabaukenhafte wich dem Bild einer geheimen Bruderschaft, wie sie dort standen, Gralssucher vor dem Panorama fliegender Burgen. Chambers ließ den Blick schweifen. Von der Basis war so gut wie nichts zu sehen. Einzig die Plattform des Bahnhofs ragte wuchtig ins Innere das Landefelds hinein, errichtet auf fünfzehn Meter hohen Pfeilern, wie Hedegaard erklärte. Metallstiegen und ein offener Fahrstuhl führten zu den Gleisen, Kugeltanks stapelten sich ringsum. Zwei Manipulatoren hockten wie jurassische Vögel am Plattformrand, hummerartigen Maschinen mit mehrgelenkigen Greifern und großen Ladeflächen zugewandt. Chambers schätzte, dass ihre Aufgabe darin bestand, Frachtgut von den Manipulatoren entgegenzunehmen oder zu ihnen hinaufzureichen, je nachdem, ob Güter angeliefert oder auf die Schiene gesetzt wurden.
Sie versuchte, ihren Atem zu beruhigen. Die Enge im Landemodul war ihr zuletzt unerträglich geworden. In der Nacht zuvor hatte sie wild geträumt. Höhere Mächte hatten die CHARON mittels eines gigantischen Dosenöffners aufgebogen und ihre Insassen dem Vakuum ausgesetzt, das sich jedoch als hereingaffende Menge entfernt menschenähnlicher Kreaturen entpuppte, und sie splitternackt, nun ja, dummes Zeug, dennoch! Blaugrün schillernd hatte sich Miranda Winters Ferse in ihrer Hüfte verewigt, sie hatte die Schnauze voll. Umso mehr verblüffte es sie, wie groß das gelandete Schiff tatsächlich war, als sie es jetzt in der Weite des Flugfelds aufragen sah. Ein imposanter Turm auf kräftigen Teleskopbeinen, beinahe ein kleines Hochhaus. Weitere Raumschiffe standen über das Feld verteilt, teils mit geöffneten Luken und klaffend leerem Inneren, augenscheinlich zur Aufnahme von Frachtgut bestimmt. Einige kleinere Maschinen spreizten ihre Spinnenbeine und starrten aus gläsernen Augen vor sich hin. Chambers dachte an Insektenspray.
»Sehen Sie es den Bewohnern der Basis nach, dass niemand kommt, um Hände zu schütteln«, sagte Black. »Hier geht man nur nach draußen, wenn es unbedingt erforderlich ist. Im Gegensatz zu Ihnen verbringen die Leute sechs Monate auf dem Mond. Eine Woche kosmischer Strahlung kann Ihnen nichts anhaben, sofern Sie nicht ungeschützt in einen Sonnensturm geraten. Langzeitaufenthalte stehen auf einem anderen Blatt. Da wir die Basis erst am Tag unseres Abflugs besichtigen werden, gibt es heute also kein Empfangskomitee.«
Einer der hummerartigen Roboter setzte sich wie von Geisterhand in Bewegung, steuerte zur CHARON und entnahm ihrem Frachtraum große, weiße Container.
»Ihr Gepäck«, erklärte Hedegaard, »ist hier oben erstmals dem Vakuum ausgesetzt, aber keine Angst, die Container sind druckbeaufschlagt. Andernfalls würde sich Ihre Nachtcreme in ein Monster verwandeln und über Ihre T-Shirts herfallen. Kommen Sie.«
Es war, als ginge man unter Wasser, nur ohne den dort herrschenden Umgebungsdruck. Aufgeregt machte Chambers sich klar, keine 66 Kilo mehr zu wiegen, sondern nur noch elf, was die Versechsfachung ihrer Körperkraft verhieß. Leicht wie eine Dreijährige, stark wie Superwoman, getragen von einer Woge kindischen Glücks, folgte sie Black zum Fahrstuhl, hopste in den geräumigen Käfig und sah die Habite der Basis wieder auftauchen, als sie über den Rand der Abschirmung hinausfuhren und die Bahnhofsplattform betraten. Gleich mehrere Gleisstränge verliefen hier oben. Ein beleuchteter, leerer Zug erwartete sie, einer irdischen Magnetbahn nicht unähnlich, nur weniger windschnittig geformt, wodurch er auf eigentümliche Weise altmodisch wirkte. Wozu auch? Es gab keinen Wind hier oben. Es gab ja nicht mal Luft.
Sie schaute in die Ferne.
Überfallartig bestürmten sie Eindrücke. Große Teile der Umgebung ließen sich von hier oben überblicken. Ein Hochland. Hügel und Grate, der Scherenschnitt langer Schatten. Krater wie Becken voll schwarzer Tinte. Eine weiß gleißende, tief stehende Sonne löste die Konturen des Horizonts auf, kulissenartig stach die Landschaft gegen den Weltraum ab. Kein Dunst, keine Atmosphäre streute das Licht, alles erschien ungeachtet seiner tatsächlichen Entfernung zum Greifen nahe, scharf konturiert. Jenseits des Flugfelds wanden sich die Gleise der Magnetbahn in ein mit Schwärze ausgegossenes Tal, behaupteten sich dank der Höhe ihrer Pfeiler eine Weile gegen die Dunkelheit und wurden übergangslos von ihr verschluckt.
»Wir befinden uns hier keine 15 Kilometer vom geografischen Nordpol des Mondes entfernt«, sagte Black. »Auf einer Hochebene am nordwestlichen Rand des Kraters Peary, wo dieser an seinen Nachbarn Hermite grenzt. Die Region trägt den Beinamen ›Berge des ewigen Lichts‹. Hat jemand eine Idee, warum?«
»Erklär's einfach, Peter«, sagte Julian milde.
»Nun, Anfang der Neunziger begann man sich in besonderer Weise für die Pole zu interessieren, nachdem feststand, dass einzelne Kraterränder und Gipfel dort fortgesetzt im Sonnenlicht lagen. Das Problem einer bemannten Mondbasis war von jeher die Energieversorgung, und man wollte vermeiden, mit Kernreaktoren zu arbeiten. Schon auf der Erde gab es massenweise Initiativen dagegen, weil man fürchtete, ein Raumschiff mit so einem Reaktor an Bord könne abstürzen und auf besiedeltes Gebiet fallen. Als die Station geplant wurde, war Helium-3 noch eine vage Option, also setzte man wie gewohnt auf Sonnenenergie. Bloß, Sonnenkollektoren sind eine prima Sache, leider aber vollkommen nutzlos bei Nacht. Einige Stunden lassen sich mit Batterien überbrücken, doch die Mondnacht dauert 14 Tage, und so gerieten die Pole ins Visier. Zwar ist die Lichtausbeute hier etwas geringer als am Äquator, weil die Sonnenstrahlen extrem schräg einfallen, dafür hat man sie ununterbrochen zur Verfügung. Wenn Sie Ihren Blick auf die Anhöhen lenken, sehen Sie ganze Felder von Kollektoren, die ihre Position ständig dem Sonnenstand angleichen.«
Black machte eine Pause und ließ sie die Hügel nach den Kollektoren absuchen.
»Trotzdem stellen die Pole nicht eben die Traumposition für eine Basis dar. Extrem schräger Sonnenstand, wie schon gesagt, ziemlich weitab vom Schuss, und das Mondteleskop hätte man lieber auf der Rückseite gehabt. Kritiker bemängeln zudem, unmittelbar vor Baubeginn sei die Nutzung von Helium-3 in greifbare Nähe gerückt, sodass man die Pläne über den Haufen hätte werfen und die Basis dort bauen sollen, wo man sie am liebsten gehabt hätte, rund um die Uhr versorgt von einem Fusionsreaktor. Tatsächlich klingt es paradox, dass Helium-3 ausgerechnet auf dem Mond nicht zum Einsatz gelangt, trotzdem verfolgte man die ursprünglichen Pläne weiter. Es gibt nämlich einen anderen Grund, der für die Pole spricht. Die Temperatur. Für Mondverhältnisse ist sie hier geradezu moderat, konstante 40 bis 60 Grad in der Sonne, während sie am Äquator zur vollen Mittagszeit weit über 100 Grad beträgt. Nachts hingegen sinkt das Thermometer auf minus 180 Grad. Kein Baumaterial liebt auf Dauer solche Schwankungen, es muss sich wie verrückt ausdehnen und zusammenziehen, wird brüchig und leck. Und noch eine Überlegung begünstigte die Pole. Wo die Sonne so dicht über den Horizont dahinkroch, musste es da nicht auch Regionen geben, die nie von ihr beschienen wurden? Falls ja, bestand die Aussicht, dort etwas zu finden, das es auf dem Mond eigentlich nicht geben konnte: Wasser.«
»Und warum kann es das hier nicht geben?«, fragte Winter. »Warum nicht wenigstens einen Fluss oder einen kleinen See?«
»Weil es in der Sonne sofort verdampfen und in den offenen Weltraum entweichen würde. Die Mondschwerkraft reicht nicht aus, flüchtige Gase an sich zu binden, einer der Gründe, warum der Mond keine Atmosphäre hat. Nur in ewiger Dunkelheit war mit gefrorenem Wasser zu rechnen, molekular im Mondstaub gebunden, hergelangt durch Meteoriten. Das Vorhandensein solcher permanent beschatteten Abgründe konnte schnell nachgewiesen werden, Einschlaglöcher am Grund des Peary-Kraters etwa, also gleich um die Ecke. Und tatsächlich schienen Messungen das Vorhandensein von Wasser zu bestätigen, was den Aufbau einer komplexen Infrastruktur enorm begünstigt hätte. Die Alternative hieß, es von der Erde hochzuschießen, schon aus Kostengründen der reine Wahnsinn.«
»Und hat man Wasser gefunden?«, fragte Rogaschow.
»Bislang nicht. Große Mengen eingelagerten Wasserstoffs zwar, aber kein Wasser. Trotzdem wurde die Basis hier errichtet, weil sich der Transport von der Erde dank Weltraumfahrstuhl einfacher und preiswerter gestaltete als gedacht. Jetzt gelangt es in Tanks zur OSS, und ab da spielt Masse ohnehin keine Rolle mehr. Aber natürlich sucht man weiterhin fieberhaft nach Spuren von H2O, außerdem -«, Black wies in die Ferne zu dem tonnenförmigen Gebilde, »- hat man nun doch mit dem Bau eines kleinen Helium-3-Reaktors begonnen, als Reserve für den stetig steigenden Energiebedarf der Basis.«
»Also, ehrlich gesagt«, bemerkte Momoka Omura nörgelig. »Ich hatte mir eine Mondbasis irgendwie imposanter vorgestellt.«
»Ich finde sie sehr imposant«, sagte Hanna.
»Ich auch«, rief Winter.
»Absolut«, bekräftigte Nair und lachte. »Ich kann immer noch nicht glauben, dass ich auf dem Mond bin, dass hier Menschen leben! Es ist einzigartig.«
»Wartet, bis ihr das GAIA seht«, sagte Lynn geheimnisvoll. »Wahrscheinlich wollt ihr dann gar nicht mehr weg.«
»Wenn es so aussieht wie der Haufen Plunder da unten, will ich sofort wieder weg«, schnaubte Omura.
»Baby«, sagte Locatelli schärfer als gewohnt. »Du beleidigst die Gastgeber.«
»Wieso? Ich habe lediglich -«
»Es gibt Gelegenheiten, da solltest selbst du mal die Klappe halten, findest du nicht?«
»Wie bitte? Halt sie doch selber!«
»Das Hotel wird dir gefallen, Momoka«, fuhr Lynn eilig dazwischen. »Sehr sogar! Und nein, es sieht nicht aus wie die Mondbasis.«
Chambers grinste. Von Berufs wegen erfreuten sie Kleinkriege wie diese, zumal Locatelli und seine japanische Muse üblicherweise Einigkeit an den Tag legten, wenn es darum ging, andere vor den Kopf zu stoßen. Ohnehin hatte sie vorgehabt, Locatelli in eine ihrer nächsten Sendungen zu bitten, die sie unter das Motto »Krieg der Weltenretter« zu stellen gedachte: »Wie das Aus der Ölbranche unter den Anbietern alternativer Energien Machtkämpfe schürt«. Vielleicht ließ sich die eine oder andere private Frage in den Zopf der Konversation flechten.
Bester Laune folgte sie Black.
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