Werner Goldmann ist der Trainer von Robert
Harting. Der 59 Jahre alte Berliner betreute in der DDR den Weltrekord-Kugelstoßer Ulf Timmermann. Im vergangenen Jahr machte der ehemalige Kugelstoßer Gerd Jacobs bekannt, dass Goldmann ihm in der DDR das Doping-Mittel Oral-Turinabol verabreicht habe, und forderte seinen Ausschluss aus dem Sport. Im FAZ.NET-Interview spricht Goldmann über seinen Schützling Harting und Doping.
Goldmann prozessierte mit dem Deutschen Leichtathletik-Verband um die Verlängerung seines seit 19 Jahren immer neu geschlossenen Zeitvertrages. Beide Parteien sind dabei, sich zu vergleichen.
Wie es Franka Dietzsch gesagt hat: Er wirkt wie ein ungehobelter Klotz, aber er hat sehr sensible Seiten. Die will er nicht zeigen. Er ist bei weitem besser als das, was die Presse ihm anzuhängen versucht. Der ist schon in Ordnung, der Junge.
Die braven sind selten die erfolgreichen Athleten. Man braucht schon eine extreme Bereitschaft, sich den Belastungen des Spitzensports zu stellen. Er ist sehr emotional, und er ist ein Kämpfer, wie man sehen konnte.
Spitzensportler sind vor einem Weltmeisterschaftsfinale extrem erregbar. Dieser Zustand ist notwendig, um die Leistung zu bringen. Wenn es da eine Störung gibt, hält Robert dagegen.
Ich war genauso erbost wie alle anderen. Das ging rum wie ein Lauffeuer. Ich musste erst mal mit Robert sprechen, und die Leitung hat das auch getan. Danach sah die Welt ein wenig anders aus als das, was über die Medien kam. Da war er ein Verbrecher, der in Handschellen aus dem Mannschaftshotel abgeführt werden sollte.
Wir haben in Kienbaum im Internet gelesen, dass auf der Pressekonferenz der Doping-Opfer in der vergangenen Woche gefordert wurde, Robert aus der Mannschaft auszuschließen. Eine Entgleisung wie diese ist damit nicht zu entschuldigen. Sie ist bedauerlich. Aber nehmen sie mal diese Brillen...
Das richtet sich doch auch gegen saubere Athleten. Für die ist es ein Schlag ins Gesicht. Es fehlt die Differenzierung.
Das kennen Sie doch alles. Darüber brauchen wir nicht zu sprechen.
Ich habe keine Lust und keinen Bedarf, über die Vergangenheit zu reden. Es gibt genügend Literatur zu dem Thema. Ich empfinde es als respektlos gegenüber dem Athleten, der gerade Weltmeister geworden ist, dass Sie nicht nach seinem Wettkampf fragen, den er sensationell beendet hat, sondern nach einer Zeit, zu der er nicht einmal geboren war.
Ich glaube ja. Wir gingen nicht immer konform. Aber in den vergangenen Monaten sind wir es geworden; das war sehr leistungsfördernd. Es hatte eine Reihe Probleme gegeben, die hatten nicht nur wir miteinander. Es spielt auch das Umfeld eine Rolle. Er ist wegen mir derart angegriffen worden! Auf seiner Internetseite hat es Einträge gegeben, die ich für justitiabel halte.
Sie könnten auch viele andere Sachen lesen. Es gibt ja nicht nur das DDR-System.
Ich werde mich dazu nicht äußern.
Das ist dreißig Jahre her. Herr Franke sagt, DDR-Trainer hätten eine andere Mentalität und dopten immer. Ich stehe seit zwanzig Jahren für einen sauberen Sport. Ich stehe auf dem Standpunkt, dass man Menschen nicht vorwerfen kann, in welches System sie geboren wurden, und dass man ihnen die Chance geben muss, sich zu entwickeln. Ein Mensch muss doch nicht nach dem beurteilt werden, was er sagt, sondern man muss fragen: Was ist das für einer, wofür steht er, wie arbeitet er?
Über mich ist in den letzten Jahren so viel spekuliert worden, das macht mir auch nichts mehr. Schauen Sie, ich bin auch ein sensibler Mensch. Das vergangene Jahr war das härteste meines Lebens. Ich habe es trotzdem geschafft, mit meinen Leuten zu arbeiten. Das macht mich stolz.
Das kann man nicht. Man hört es und man sieht es, und alles andere wird einem zugetragen. Das wünscht man seinem ärgsten Feind nicht. Probleme kann man nicht ausblenden, man muss sie lösen.
Ich interessiere mich nicht mehr dafür, was über mich veröffentlicht wird. Nur so kann ich für meine Athleten der Trainer sein, den sie brauchen.
Das können Sie glauben. Ich arbeite seit 19 Jahren in diesem Sportsystem. In der DDR war ich vorher 14 Jahre Trainer. Ich habe viel länger dieses System unterstützt; ich arbeite an vorderster Front. Doping wäre für mich ein Kündigungsgrund.
Fragen Sie mich über die Zukunft. Ich bin kein Wahrsager, aber ich habe meine Visionen.
Ja. Für mich war das eine Freude, so arbeiten zu können, da müssen wir nicht polemisieren.
Ich hoffe, dass endlich die Methoden greifen, dass es besser wird. Gleiche Chancen wird es nie geben, und gewonnen wird der Kampf gegen Doping schon gar nicht werden. Aber es kann trotzdem besser werden. Es ist auch schon besser geworden, es hat deutliche Veränderungen gegeben, seit Doping-Proben eingefroren werden.
Das macht mir Freude, dass es trotz der Schwierigkeiten weitergeht. Das hält mich am Leben. Das kann ich nicht aufgeben. Dafür bin ich Trainer. Ich mache das mit Leib und Seele, nicht weil ich damit Geld verdiene.
Mit vielen Athleten. Auch mit Robert. Das hat die Situation nicht leichter gemacht.

Das Gespräch führte Michael Reinsch.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa