Von Michael Hierholzer
21. Oktober 2007 Privattheater müssen knapp kalkulieren. Unerwartete Ausfälle können sie leicht ins Trudeln bringen. Umsichtige Bühnenleiter versuchen, die Zeichen der Zeit zu deuten und ihre Spielpläne danach auszurichten. Nicht immer gelingt die Korrektur. Dann müssen andere eingreifen. Mäzene, Sponsoren, die Stadt. Dass Frankfurt sein Volkstheater für unentbehrlich hält, hat das einst von Liesel Christ gegründete Haus bisher vor größeren Turbulenzen bewahrt.
Selbst das TAT wurde geopfert, als Frankfurt finanziell an den Abgrund geriet. Offenbar verbinden sich mit dem Volkstheater tiefergreifende Emotionen, die in der Stadtgesellschaft bis hin zum Römer ihre Wirkung entfalten. Das Erbe der einzigen Volksschauspielerin von Rang, die Frankfurt hervorgebracht hat, stand nie zur Disposition. Und daran darf sich auch nichts ändern.
Lust am fröhlichen Schwank
Allerdings: Den Volkstheatern droht überall im Land das Volk abhandenzukommen. Dieses schwer zu fassende Wesen, dem sie im besten Fall aufs Maul geschaut, aber nicht nach dem Munde geredet haben, hat seine Lust am fröhlichen Schwank, am herzhaften Klamauk, an durchgedrehten Kleinbürgern, die auf der Bühne dann aber doch irgendwann zur Räson gebracht werden, offenbar verloren. Und amüsiert sich lieber bei viertklassigen Fernsehsendern oder in knallbunten Vergnügungsparks. An Stücken, die mit mundartlichem Wortwitz glänzen, haben, so scheint es, allenfalls noch die älteren Semester ihre reine Freude.
Aber es fehlt auch an Autoren. In den siebziger Jahren hatten Schriftsteller wie Fitzgerald Kusz oder Wolfgang Deichsel das Subversive in der Mundart entdeckt. Zudem kamen Geschichten von den kleinen Leuten“ in Schwang. Ihnen wurde viel Dumpfes, aber auch viel Komisches und Widerborstiges auf die Zunge gelegt. Das Volkstheater erlaubte einen Blick in die Mitte der Gesellschaft“. Mit gutem Grund werden die epochemachenden Stücke von Kusz und Deichsel auch heute noch immer wieder gerne auf die Bühne gebracht. Sie haben Maßstäbe gesetzt.
Der Rest ist Kabarett. Und Comedy“. Hier immerhin werden Deutschlands Dialekte unverdrossen gepflegt. Und auch ein ganz junges Publikum lacht sich scheckig. Warum nicht auch im Volkstheater? Nein, es soll sich keineswegs auf die Pfade derer begeben, die Mundart allein als Mittel nutzen, um groteske Effekte zu erzielen. Aber sich neuen theatralischen Formen zu öffnen, einen frecheren Zugriff auf die Tradition zu wagen, sich wegzubewegen vom engen Kanon der Dialektstücke: Das könnte nicht schaden.
Text: F.A.Z.
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