Von Helmut Schwan
20. Juni 2008 Samstag, 21. Juni 2008, könnte ein Datum sein, das später in eine Erinnerungstafel eingemeißelt wird. Mit diesem Tag jedenfalls ist amtlich, was manche unter den Gegnern des Flughafenausbaus immer noch nicht wahrhaben wollen. Die Vorbereitungen für das größte Infrastrukturprojekt in Deutschland sind auch außerhalb des Flughafens angelaufen.
Was immer man gegen das bisherige Prozedere einwenden könnte: Dass irgendwelche Rechtsmittel nicht ausgeschöpft worden seien, gehört nicht dazu. Wenn Beauftragte des Flughafenbetreibers nun tatsächlich heute früh mit Messgeräten und Notizblöcken bewaffnet in den Kelsterbacher Wald eindringen, so war auch dieser Akt bis zur letzten Verästelung umkämpft.
Die Proben im Grund der geplanten Landebahn haben eine aufwendige juristische Vorgeschichte: Die Fraport AG musste sich zu Beginn eines langwierigen Enteignungsverfahrens gegen die Stadt Kelsterbach „vorläufig den Besitz einweisen“ lassen. Grundlage bietet die ministerielle Erlaubnis zur Erweiterung des Frankfurter Flughafens, der 2500 Seiten starke Planfeststellungsbeschluss. Weil der zwar „sofort vollziehbar“, aber mit Eilanträgen beim Hessischen Verwaltungsgerichtshof angegriffen ist, gilt der Kompromiss, bis zum ersten Spruch der Richter keine „vollendeten Tatsachen“ zu schaffen.
Es hätte überrascht, wäre nicht auch dieser Begriff Anlass für weiteren Streit gewesen. Er reicht bis zu Ameisenhaufen und bis ins Wurzelwerk von Eichen, wo die Larven des vom Aussterben bedrohten Hirschkäfers leben. Ihnen soll in benachbarten Wäldern eine neue Existenz geschaffen werden, lange bevor die Bagger tatsächlich anrollen. Für die Tiere sei ein solcher Umzug endgültig, sagen Naturschützer, drangen damit aber bei Gericht nicht durch.
Der Disput geht weiter, die Zeichen stehen aber nicht auf Sturm, selbst wenn die Polizei heute vorsorglich präsent sein wird. Zu idyllisch muten das Dorf der Waldbesetzer mit Fahrradladen und veganischem Speiseangebot, das kleine Floß mit einem Protestbanner auf dem benachbarten Mönchwaldsee an, als dass eine ähnliche Eskalation wie vor 27 Jahren zu befürchten wäre. Man darf sich sicher sein: Aus den schweren Krawallen, die sich einst nach der Räumung des Hüttendorfes auf dem Gelände für die Startbahn West entwickelten, haben alle gelernt.
Text: F.A.Z.