Kommentar

Ein bisschen Leitkultur

Von Michael Hierholzer

30. August 2007 Er steht endlich wieder am rechten Ort. Dort, wo er hingehört. Mitten in der Stadt. Auf dem Platz, der seinen Namen trägt. Nahe der Stelle, wo er nach langem Hin und Her vor 163 Jahren aufgestellt worden war. Denn die Frankfurter, die schon zu Lebzeiten dem Dichterfürsten mit einer Statue huldigen wollten, stritten sich damals erbittert über das Wo und Wie der Goethe-Ehrung im öffentlichen Raum. Heine spottete 1821 über die Pläne: „Ihr Handelsherrn! Behaltet euer Geld! / Ein Denkmal hat sich Goethe selbst gesetzt.“

Der längst nach Weimar entflohene Meister bat, als er von den Plänen erfuhr, auf der Maininsel einen Tempel zu errichten, von einer solchen „architektonischen Prachtmasse“ Abstand zu nehmen. Ein Monument, das seine unerbittliche Verehrerin Bettine von Arnim vorschlug, nannte er „das wunderlichste Ding von der Welt“. Nach seinem Ableben zankten sich die Bürger weiter. Schopenhauer plädierte gegen eine „Zierpuppe“ und für eine Büste. Die Frage, ob Goethe sitzend oder stehend dargestellt werden solle, entzweite das Komitee. Auf einen Bildhauer konnte man sich zunächst auch nicht einigen.

„Denkmalspest“ des 19. Jahrhunderts

Die Wiederaufstellung des restaurierten bronzenen Goethe, ein Werk Ludwig von Schwanthalers, war dagegen von keinerlei Debatten begleitet. Die Freude über den neu-alten Standort des Denkmals für den bedeutendsten Frankfurter aller Zeiten scheint ungetrübt. Das verwundert insofern, als der Geist des Kulturbürgertums, das seine Heroen einst auf den Sockel setzte und damit sich selbst feierte, längst verweht ist. Die Kunstgeschichte spricht von der flächendeckenden „Denkmalspest“ des 19. Jahrhunderts, als das Bedürfnis von Kaufleuten, Fabrikbesitzern, Bankiers nicht zu bremsen war, Musiker und Dichter aufs Postament zu heben, um das Selbstbewusstsein und die Unabhängigkeit der eigenen Schicht zur Schau zu stellen.

Mittlerweile aber ist sowohl das Bedürfnis des bürgerlichen Zeitalters, Weihestätten zu schaffen, als auch die Kritik am Denkmal als hohler Pathosformel geschwunden. Man kann über den stattlichen Herrn in Bronze gelassen schmunzeln. Und in Zeiten kultureller Orientierungslosigkeit sowie der gänzlich geistverlassenen Superstar-Euphorie schadet es auch nicht, zu jemandem aufzuschauen, der es verdient. Auf die Dauer wird sich die Stadt allerdings etwas einfallen lassen müssen, um ihre Straßen und Plätze attraktiver zu gestalten. Mit erneuerten Denkmälern allein ist es nicht getan. Ein Konzept für die Kunst im urbanen Raum ist seit Jahren, seit Jahrzehnten überfällig.



Text: F.A.Z.

 

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