Von Katharina Iskandar
22. Juni 2008 Wenn man schon jetzt eine Bilanz über den Verlauf der Fußball-Europameisterschaft in Frankfurt zöge, so fiele einem als Erstes ein, dass sich die Stadt gegenüber feiernden Fans äußerst tolerant gezeigt hat. Sie durften stundenlang die Hauptwache besetzen und mit Autokorsos den Verkehr zum Erliegen bringen. Sie durften Raketen steigen lassen, bengalische Feuer zünden, sich bis zur Besinnungslosigkeit betrinken und grölend durch die Straßen ziehen bis spät in die Nacht.
Schon während der Vorrundenspiele haben Bürger zu Recht moniert, dass so mancher seinen Nationalstolz ein wenig zu maßlos zur Schau getragen hat. Und dies gilt erst recht seit Freitagnacht, als sich türkische und kroatische Fans auf der Zeil zu einer Massenprügelei hinreißen ließen. Es waren unschöne Szenen, die vor allem zeigten, wie unreif einige Fans sind. Statt sich über den Sieg ihrer Mannschaft zu freuen oder die Niederlage mit Fassung zu tragen, ließen sie sich provozieren.
Home Viewing ist auch schön
Die Stadt muss sich überlegen, wie viel Raum sie diesen Fans am Mittwoch geben will, wenn die Türkei gegen Deutschland spielt. Sicherlich hat die Tourismus + Congress GmbH recht, wenn sie sagt, dass es in der Arena selbst bislang keine Auseinandersetzungen gegeben hat. Doch scheint die Arena an diesem zentralen Ort der Stadt für viele eine Art Sprungbrett zu sein: Schon vor dem Spiel steht für sie fest, nach dem Spiel mit Krawall auf die Hauptwache zu ziehen. Schon nach ihrer Vorrundenniederlage hatten zudem Anhänger der türkischen Mannschaft auf der Zeil randaliert. Aufgrund dieser Vorgeschichte ist die Gefahr nicht von der Hand zu weisen, dass gewaltbereite Gruppen beider Seiten das Halbfinale zum Anlass nehmen werden, den sportlichen Wettstreit in Basel mit anderen Mitteln in Frankfurt fortzusetzen.
Das sollte die Stadt, die mit dem Public Viewing“ Werbung für sich machen will, nicht riskieren. Nicht zu vergessen, dass die Einsätze für die Polizisten eine Zumutung sind. Immer wieder beklagen die Beamten, dass die Situation wegen der hohen Emotionalität einiger Fans nur schwer zu handhaben ist.
Käme die Polizei heute bei der Ausarbeitung ihrer neuen Strategie zu dem Ergebnis, dass der Frieden auf dem Roßmarkt nur durch ein Großaufgebot sicherzustellen ist, sollte man das Spektakel lieber absagen. Das gute alte Home Viewing“ ist auch schön.
Text: F.A.Z.