08. Januar 2006 Die Arbeit hat Vorrang - so lautete vor kurzer Zeit die Erkenntnis eines jener "Trendbüros", die es sich zur Aufgabe gemacht haben, der Zukunft ein paar Gramm Gewißheit abzuringen. Gemeint war die Tendenz, daß vielen Menschen ihre Arbeit allmählich wichtiger wird als ihr Privatleben. Ein Indiz dafür kann man darin sehen, daß immer mehr Paare getrennte, oft weit auseinander liegende Wohnsitze in Kauf nehmen, um weiterhin in den Genuß hochwertiger Arbeitsplätze zu kommen. Sie wohnt dann in Hamburg, er in Köln, das Eheleben spielt sich an den Wochenenden, im Urlaub und am Telefon ab. Auch der Limburger Bischof Franz Kamphaus hat bei seiner Ansprache auf dem Neujahrsempfang des Frankfurter Gewerkschaftsbundes am Samstag von der Bedeutung der Arbeit gesprochen, aber vorrangig etwas anderes gemeint. Kamphaus sprach vom Vorrang der Arbeit vor Sozialleistung.
Es ist gut, daß er das tat. Denn bei allen Diskussionen um Hartz IV, um Kombi-Löhne, um steigende Aktienkurse, wenn wieder einmal Entlassungen verkündet werden, ist es wichtig, daran zu erinnern, daß Arbeit jenseits des rein Ökonomischen einen Wert in sich darstellt, Anerkennung und Freude verschafft, Teilhabe ermöglicht und Augenblicke der Erfüllung erlaubt. Der Bischof hat das so ausgedrückt: "Aus ethischer Sicht fällt besonders ins Gewicht, daß die Teilnahme am Erwerbsleben nicht nur für den Lebensunterhalt entscheidend ist, sondern auch für die Wertschätzung und die Entfaltung der Person in Gesellschaft und Kultur."
Nein, es schadet nicht, daran zu erinnern, daß fast jeder Arbeitslose, der schuldlos von betriebsbedingter Kündigung getroffen wurde, so etwas wie Schuldgefühle entwickelt; daß auch Intellektuelle, die nach dem Rauswurf doch eigentlich Sprachen erlernen, an der Universität ein Zweitstudium ablegen oder sich ehrenamtlich im Altenzentrum betätigen könnten, in das Arbeitslosensyndrom aus Untätigkeit und Schwermut verfallen; daß es Arbeitslose gibt, die zur gewohnten Zeit morgens das Haus verlassen und zur Feierabendzeit heimkehren, nur um vor den Nachbarn den Schein zu wahren.
Und da könnte die Kirche ansetzen, daß sie mit den ihr (noch) zu Gebote stehenden Mitteln ein Bewußtsein dafür schafft, daß Arbeit auch etwas Janusköpfiges hat, daß ein Mensch ohne - wie das Wort beziehungsreich heißt - "Beschäftigungsverhältnis" seinen Wert nicht verliert. Und daß vor allem Arbeit nicht immer und unter allen Umständen in Euro und Cent übersetzt werden muß, um wertvoll zu sein. PETER LÜCKEMEIER
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