07. August 2003 Wie bitte? Magnus Gäfgen hat ein Interview gegeben? Der geständige und zu lebenslanger Haftstrafe verurteilte Mörder Jakob von Metzlers gewährt huldreich einer deutschen Tageszeitung Einblick in seine Gedankenwelt? Wie nett von ihm! Und wie freundlich von der Berliner Tageszeitung "Der Tagesspiegel", ihn nach seiner Befindlichkeit zu befragen. Richter Hans Bachl hatte - warum eigentlich? - das Interview gewährt. Es fand schriftlich statt. Die Zeitung, beileibe kein Revolverblatt, sieht sich deshalb auch zu dem Hinweis bemüßigt, spontane Einwendungen als Korrekturen zu den Äußerungen Gäfgens seien nicht möglich gewesen. Dennoch hat sie das Interview gedruckt.
Liest man es, erfaßt selbst gemäßigte Naturen das Grauen. Gäfgen wird Gelegenheit gegeben, sich mal zerknirscht, mal weinerlich zu geben. Über das Ende des Prozesses: "Es ist nicht leicht, dort immer von Kameras umzingelt zu sein, die auf die kleinste Reaktion lauern, um sie auszuschlachten." Mag wohl sein. Aber ist es für eine Familie leichter, tagelang auf das kleinste Lebenszeichen eines entführten Kindes zu warten, das man liebt? Fühlt sich Gäfgen in der Haft durch andere Gefangene bedroht? Ja. "Durch die Medien weiß ja jeder hier, wer ich bin und was ich getan habe, und gerade durch einen Teil der Frankfurter Medien ist der Haß ja massiv geschürt und die Hetzjagd angetrieben worden." Ah ja, so war das also: Die Medien schüren den Haß, nicht die Tat ruft ihn hervor. Im übrigen macht es den Kindesmörder "schon traurig, daß man sich auf das Bild festlegt, daß ich ein Monster sein muß". Soll das heißen, die Ermordung des Kindes sei ein Akt der Humanität gewesen?
Es kommt einem die Galle hoch. Aber nicht nur wegen der quengeligen Einlassungen eines Mörders, sondern auch wegen der Unverfrorenheit, ein solches "Interview", das ohne Gegen-rede ja keines ist, zu veröffentlichen. "Der Tagesspiegel" hat beziehungsreich darauf verwiesen, Gäfgens Anwalt habe Revision gegen das Urteil angekündigt. Was wohl andeuten soll, der Fall sei nicht ausgestanden. Moralisch ist er es längst.
In einem Rechtsstaat ist der Ort des Verhandelns von Untaten der Prozeß. In Zeitungen hat man Mördern kein Forum zu bieten. Damit verhöhnt man das Opfer.
PETER LÜCKEMEIER
Die Bayern-Krise: Lahm muss mit Rekordgeldstrafe ![]()
Der Herr Franz und der Mythos der Opelaner
Machtkampf in der SPD: Bauern, Bonzen und Weicheier
Lothar Natthäus: „Deutschland muss sich schämen“
Fußballautor Hanns Leske im Gespräch: Das Volk hatte von Manipulationen die Schnauze voll“