03. Juli 2006 Zu den ärgerlichen Charakterzügen der Deutschen zählt, daß sie besonders dann zu voller Form auflaufen, wenn sie anderen etwas vorschreiben können. Das dürfte der Ursprung von allerhand Nachbarschaftsstreitigkeiten sein, doch der verbreitete Hang zur Pädagogik schimmert auch in der aktuellen Debatte um Rauchverbote durch und selbst bei der um den Ladenschluß. Die Frage, wann in Deutschland die Geschäfte geöffnet sind, ist zwar nicht jene, mit der über Wohl und Wehe des Landes entschieden wird, aber es ist auch so eine, bei der viel Bevormundung im Spiel ist - nach dem Grundsatz: Ich habe keine Lust, abends einzukaufen, also will ich auch nicht, daß du es darfst.
Erfreulicherweise schickt sich die hessische Landesregierung an, die Entscheidung über die Einkaufszeiten künftig den Bürgern zu überlassen. Sobald wie möglich will die Regierung einen Gesetzentwurf vorlegen, der das Einkaufen unter der Woche rund um die Uhr zuläßt. Die Reaktionen sind so, wie sie bei diesem Thema seit längerem sind: Die Gewerkschaften sind dagegen (wiewohl von den Mitarbeitern selbst noch selten Protest zu hören war), und den Einzelhandelsverband befällt geradezu eine spezielle Art der Torschlußpanik, wie an den aufgeregten Reaktionen abzulesen ist (wiewohl manche Geschäfte den neuen Möglichkeiten durchaus etwas abgewinnen können). Die Kirchen müssen diesmal nicht aufschreien. Weil die Regierungspartei eine christliche ist, bleibt es an Sonntagen bei der bisherigen restriktiven Regelung.
Kein Anlaß für pädagogische Politik
Die probeweise Aufhebung des Ladenschlusses während der WM belegt sowieso auf das schönste, daß auch in der Politik nichts so heiß gegessen wird wie gekocht. Viele haben es genossen, daß sich auf der Zeil wie auch in einigen Einkaufszentren nicht um 20 Uhr die Ladentüren schlossen, doch es war nun wirklich nicht so, daß die Menschen in Scharen noch in den Abendstunden Anzüge, DVD-Recorder oder auch nur Tomaten kaufen wollten. So könnte es gut sein, daß auch in Zukunft die meisten Geschäfte spätestens zur Tagesschau schließen, die Grundversorgung für diejenigen, die von der Spätschicht kommen, aber nicht mehr alleine Sache der überteuerten Tankstellen ist, sondern auch einiger Großmärkte, und außerdem dann und wann Stadt- oder Einkaufszentren mit gehörigem Werbeaufwand zum Mitternachts-Shopping locken, wie man so etwas wohl heutzutage nennt.
In einer Freizeitgesellschaft, in der sich das Leben ohnedies mehr und mehr in den Abend verlagert, ist das nur folgerichtig. Die Welt geht von alledem nicht unter. Kein Anlaß jedenfalls für pädagogische Politik, die Deutschland auch sonst eigentlich nicht braucht.
Text: F.A.Z., 04.06.2006
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