Kommentar

Kein Verständnis

Von Eva-Maria Magel

21. Juni 2006 So weit können Wahrnehmungen auseinanderliegen: Nur positive Reaktionen bekämen die Studenten bei Märschen wie in der Frankfurter Innenstadt von Passanten, sogar die Fußballfans hätten die Informationsblätter der Studenten entgegengenommen, sagt der Vorsitzende des Frankfurter AStA, Amin Benaissa. „Wunderbar“ laufe der Protest gegen die geplanten allgemeinen Studiengebühren.

Daß der S-Bahn-Verkehr durch die Demonstranten für einige Zeit lahmgelegt wurde, ist etwa für den Frankfurter AStA-Vorsitzenden nicht mehr als das Ergebnis eines „kleinen Spiels“ mit der Polizei gewesen. Mittlerweile herrscht bei dem Protest gegen das Hessische Gebührengesetz ein klassenkämpferischer Ton vor, in dem sich linke Parolen mit der Jugendsprache von heute mischen - genauso wie in dem Eiertanz zwischen legalem Protest und radikalen Aktionen kleinerer Gruppen, die auch wieder stattfanden. Einerseits, so wurde stets beteuert, rufe man zu derlei nicht auf. Andererseits versichert man gern, „jede Form von Widerstand“ werde begrüßt.

„Kick it like Frankreich“

Was die Akteure erhoffen, ist deutlich: „Kick it like Frankreich“ nannte sich die Demonstration. Von den französischen Studenten will man siegen lernen. Die Weltmeisterschaft soll als Plattform dienen. Und demonstriert werde erst recht, wenn das Gesetz zu den Studiengebühren den Landtag passiert hat - so lange, bis es fällt.

Für die nächsten Wochen verspricht sich der Teil der Studenten, der demonstriert, noch mehr Zulauf, vor allem aus Schüler-, Lehrer- und Gewerkschaftskreisen. Ob diese Rechnung aufgeht, wird sich weisen. Die Zahl der tatsächlichen Demonstranten gestern spricht zwar eher dafür, daß die Masse sich mit dem notwendigen Übel der Studiengebühren zu arrangieren beginnt. Doch die Auseinandersetzung spitzt sich zu.

Es ist vor allem der harmlose Ton der Jungakademiker, der dabei irritiert: Wenn der Hauptbahnhof einer Großstadt wegen einiger Protestler vorübergehend geschlossen wird, ist das kein „Dummejungenstreich“. Solche Aktionen empören nicht nur diejenigen, die direkt von den Verspätungen betroffen sind. Sondern auch diejenigen, die geneigt sind, die Sorgen der Studenten ernst zu nehmen und sich für eine möglichst gerechte Verteilung der Lasten einzusetzen. Wenn ein Polizeiaufgebot sich damit beschäftigen muß, renitente Studenten von Straßen und Bahngleisen zu klauben, mögen hessische Studenten von Frankreich träumen. Die Masse von Frankfurtern, Pendlern und vor allem der zahlreichen Fußballfans, die ratlos an den Bahnsteigen standen, machte ihrem Ärger Luft - von Verständnis, gar Sympathie für die Studenten war da nichts zu hören.

Text: F.A.Z., 22.06.2006

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