17. Juni 2007 Die hessische SPD hat sich lange durch ein Tal der Tränen geschleppt. Der Machtverlust an die Koch-Regierung, das Hadern mit Schröders Agenda-Politik und der Verlust etwa der Hälfte der Mitglieder seit Anfang der achtziger Jahre haben die Partei in tiefe Selbstzweifel gestürzt. Jetzt, ein halbes Jahr vor der Landtagswahl, ist die Hoffnung zu den Sozialdemokraten zurückgekehrt.
Auf dem Parteitag des Landesbezirks Hessen-Süd war eine gewisse Siegeszuversicht zu spüren – bei den Funktionären zumindest. Zwar geht der Optimismus nicht so weit, dass man fest daran glaubt, die CDU-Landesregierung ablösen zu können. Doch die Genossen um Andrea Ypsilanti wittern zumindest eine Chance. Die Wechselstimmung im Lande, die Ypsilanti zu verspüren glaubt, ist derzeit wohl mehr ein Produkt von Autosuggestion. Doch dass die Frau, die die erste Ministerpräsidentin Hessens werden möchte, mittlerweile auch die Zweifler für sich gewonnen hat und der Partei Mut geben kann, hat jeder auf dem Parteitag in Flörsheim erkennen können.
SPD feiert den Sonnenkönig Hermann Scheer
Mehr noch als die Spitzenkandidatin hat aber Hermann Scheer, der Träger des alternativen Nobelpreises“, die Delegierten begeistert. Der Sonnenkönig“ mit seinem Plan einer Energiewende“ vermittelte den südhessischen Sozialdemokraten das Gefühl, endlich wieder einmal dort zu stehen, wo sie sich in glorreichen früheren Tagen immer zu befinden glaubten – an der Spitze des gesellschaftlichen Fortschritts. Ein dezentrales, auf vielen Kleinkraftwerken beruhendes Energiesystem, das sich von Kohle, Gas und Öl abwendet und ganz auf erneuerbare Ressourcen baut, soll die Großkraftwerke und natürlich auch die Atommeiler in Biblis ersetzen. Und 100.000 neue Jobs im Lande schaffen. Mit diesem ambitionierten Konzept geben sich die Sozialdemokraten grüner als die Grünen.
Die südhessischen Sozialdemokraten haben Scheer gefeiert. Denn er hat ihnen gegeben, was sie schon immer geliebt haben – die Utopie. Hessen mit der SPD wieder vorne, an ihrer Energiewende“ soll die Welt genesen und vor der Klimakatastrophe gerettet werden. Ob der Funke wohl überspringt auf die SPD-Basis, gar auf die Wählerschaft? Die Menschen“, von denen auf dem Parteitag so viel gesprochen wurde, werden ausrechnen, welche Auswirkungen es auf ihre Firma, ihren Job, ihre Zukunft haben wird, wenn eine SPD-geführte Regierung den Bau neuer Großkraftwerke verhindert und den Ausstieg aus der Atomenergie konsequent weiterbetreibt. Sie werden im Einzelnen dargelegt wissen wollen, ob Sonnenkollektoren, Windräder oder Anlagen zur Kraft-Wärme-Koppelung wirklich ausreichen, um ihre Region, ihr Unternehmen, ihre Wohnung versorgen zu können.
Freilich: Die Lichter werden auch unter einer Ministerpräsidentin Ypsilanti in Hessen nicht ausgehen. Schließlich gibt es den europäischen Stromverbund. Und im Notfall kann man ja immer noch Atomstrom aus Frankreich kaufen.
Text: F.A.Z.
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