Kommentar

Auch die Firmen sind gefordert

Von Thorsten Winter

20. April 2006 Es ist schon auffällig: In diesen Wochen scheinen Unternehmer und andere Wirtschaftsvertreter den Sozialpolitikern in der Diskussion um den Mangel an Kindern und an Familienfreundlichkeit in Deutschland den Rang ablaufen zu wollen. Das gilt auch und gerade für das Rhein-Main-Gebiet.

Da lädt der Arbeitgeberverband der Chemieindustrie zur Tagung „Kinderlärm ist Zukunftsmusik“ und bringt ein Buch dazu heraus, nachdem er im Herbst vergangenen Jahres schon seine „Frankfurter Erklärung“ verlautbart und darin unter anderem die steuerliche Absetzbarkeit von Kindergartengebühren gefordert hatte. Nun hat die Industrie- und Handelskammer Frankfurt den ersten Familienatlas zur Familienfreundlichkeit in Kommunen vorgelegt und den Städten und Gemeinden mit Ausnahme von Eschborn einigen Nachholbedarf bescheinigt (siehe: Kinderbetreuung: Es mangelt nicht nur an Krippenplätzen).

Ohne Kinder keine Zukunft

In beiden Fällen ist das Engagement eher wirtschafts- als sozialpolitisch unterfüttert: Die Chemieverband verweist wie die Kammer auf den Mangel an fachlich qualifizierten Bewerbern für Arbeitsplätze - der im übrigen trotz der Heerscharen an Erwerbslosen nicht nur als Drohkulisse erscheint, sondern in einigen Regionen wie Nordhessen schon Wirklichkeit ist, wie es bei Hessen-Chemie heißt.

Der Wirtschaft angesichts dessen aber nur eigennützige Absichten vorzuhalten, ginge fehl: ohne Kinder keine Zukunft. Auch wäre es nicht ratsam, den Familienatlas der Kammer ungelesen beiseite zu legen, nur weil darin verarbeitete amtliche Zahlen zu Kinderbetreuungsplätzen oder zum Frauenanteil an der arbeitenden Bevölkerung nicht taufrisch sind. Auch der Hinweis, die IHK habe private Betreuungsangebote nicht berücksichtigt, genügte nicht, um die Kritik beiseite zu wischen. Denn die Mängel sind offenbar, auch wenn sich Kommunen anstrengen und wie Bad Soden mehr Kindergartenplätze schaffen.

Ein Glücksspiel

Wer kleine Kinder hat und auf Arbeitseinkommen angewiesen ist, weiß es: Die Suche nach einem Betreuungsplatz gleicht bisweilen einem Glücksspiel. Und wenn ein Platz gefunden ist, müssen die Sorgen nicht aufhören. Vielfach passen die Öffnungszeiten von Kindergärten und, falls überhaupt im Angebot, Krippen nicht zu den Arbeitszeiten der Eltern, muß mithin noch eine Tagesmutter her, sofern das „Hotel Oma“ nicht verfügbar ist.

Wer aber wie Wirtschaftsvertreter auf andere zeigt, muß auch wissen, daß einige Finger auf ihn selbst deuten. Doch haben Unternehmen auch einiges zu bieten. Das muß nicht gleich ein Betriebskindergarten sein. Eine Kooperation mit einem Verein, bei dem Betreuungsplätze gebucht werden, ist auch schon ein Fortschritt.

Vielen Müttern und Vätern wäre schon mit flexiblen Arbeitszeiten oder der Erlaubnis geholfen, zeitweise im Homeoffice zu arbeiten. Sicher, alles muß in den Betriebsablauf passen. Unternehmen sollten sich gleichwohl fragen, ob sie ihr Potential in dieser Hinsicht ausgeschöpft haben.



Text: F.A.Z., 21.04.2006

 

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