Kommentar

Den Schaden hat die Stadt

Von Rainer Schulze

27. Juni 2008 Da mögen sich die Verantwortlichen im Eurotower noch so überrascht geben: Es kann nicht sein, dass die Europäische Zentralbank kalt erwischt wurde von der Tatsache, dass ihr kein Bauunternehmen für 850 Millionen Euro einen ebenso außergewöhnlichen wie aufwendigen Neubau ans östliche Mainufer setzen will. Sie sollte es zumindest nicht sein, denn dieses Ergebnis war absehbar. Wer die Entwicklung der Preise in der Bauindustrie in den vergangenen zwei Jahren einigermaßen aufmerksam verfolgt, weiß: Praktisch alle Projekte werden aufgrund kräftig steigender Baukosten und technischer Anforderungen viel teurer als ursprünglich geplant.

Dass die Bank nun die Notbremse zieht und eine Denkpause einlegt, kommt reichlich spät. Einige Fehler sind offenbar hausgemacht. Die Risiken, so heißt es, seien in der Ausschreibung einseitig auf die Bauunternehmen verteilt worden. Unter den heutigen Umständen mutet sich das kein Generalunternehmer mehr zu. Die Baubranche hat aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt und nimmt nicht mehr jeden Großauftrag an, um möglichst große Umsatzzahlen zu erreichen.

Notenbank könnte sich an Bau verheben

Sollte die kolportierte Summe von weit mehr als einer Milliarde Euro Baukosten zutreffen, steht sogar das ganze Neubauprojekt im Ostend in Frage. Die avantgardistische Architektur von Coop Himmelb(l)au droht so teuer zu werden, dass sich die qua Amt zur Sparsamkeit verpflichtete Notenbank an ihr überheben könnte. Das wäre jammerschade, denn Frankfurt entginge ein spektakuläres Bauwerk, das schon jetzt von sich reden macht. Gut möglich und wohl sogar wahrscheinlich, dass die EZB doch auf Dauer in der Innenstadt bleibt.

Besonders ärgerlich ist, dass die Versäumnisse der EZB auch die Stadt womöglich teuer zu stehen kommen. Der Zentralbank war eine vernünftige Verkehrsinfrastruktur versprochen worden. Die Stadt investiert viel Geld, um die Straßen rund um die Großmarkthalle zu sanieren. Eine Mainbrücke soll östlich der Halle über den Fluss führen – nicht nur, aber auch, um das Viertel auf den Umzug der EZB vorzubereiten.

Und nach der rasch erteilten Teilbaugenehmigung wurde im April schon, gebilligt vom Landesdenkmalamt, mit dem Abriss der Anbauten der geschützten Großmarkthalle begonnen, obwohl der EZB zu diesem Zeitpunkt schon klar gewesen sein muss, dass es mit der Ausschreibung Schwierigkeiten gibt. An dem herausragenden Bauwerk der klassischen Moderne wurden somit völlig übereilt vollendete Tatsachen geschaffen.

Text: F.A.Z.

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