Kommentar

Thorsten Schäfer-Wiebitte?

Von Peter Lückemeier

09. November 2008 Man reibt sich die Augen: Der Mann, den die ehedem staatstragende hessische Sozialdemokratie – sie stellte in der Nachkriegsgeschichte 48 Jahre lang den Ministerpräsidenten – an die Spitze des Landes gewählt sehen möchte, heißt Thorsten Schäfer-Gümbel. So also möchte die SPD ihren Ruhmeskranz fortflechten: Georg August Zinn, Albert Osswald, Holger Börner, Hans Eichel, Thorsten Schäfer-Gümbel, herzlichen Glückwunsch.

Man tritt dem Mann aus Gießen, der sich gern mit dem Thema „ländlicher Raum“ beschäftigt, sicherlich nicht zu nahe, wenn man ihn als sachlichen, fleißigen Hinterbänkler bezeichnet. Warum aber glaubt die SPD, ausgerechnet mit jemandem punkten zu können, der im Wahlvolk nur als Thorsten Schäfer-Wiebitte gehandelt wird und im Landtag nur den Bestinformierten auffiel? Weil die Personaldecke der SPD inzwischen so klein geworden ist, als wollte sich jemand in nächtlicher Kälte mit einem Textil in der Größe einer Zeitung zudecken. Weil der wahrscheinlichste Kandidat, der Nordhesse Schaub, erfahren genug ist, sich nicht als Spitzenkandidat von Ypsilantis Gnaden ohne Machtbasis als Partei- oder Fraktionsvorsitzender verheizen zu lassen, um sich hernach zum Wundenlecken auf seinen Bürgermeisterstuhl in Baunatal zurückzuziehen.

Ypsilanti behält den Einfluss der Partei

Nein, wer Andrea Ypsilantis Willen zur Macht bisher unterschätzte, sieht sich eines Besseren belehrt: Sie behält den Einfluss der Partei und die Macht- (und Einkommens-)Basis der Fraktionsvorsitzenden und schickt einen Mann ihres Vertrauens ins Rennen gegen Koch. Verliert Schäfer-Gümbel im Januar 2009, ist über Ypsilantis zweimalige Schmach vielleicht so viel Gras gewachsen, dass sie sich abermals als Hoffnungsträgerin präsentieren kann, die immerhin beinahe Roland Koch geschlagen hätte – insgesamt machtpolitisch nicht schlecht gemacht.

Inhaltlich betrachtet aber heißt die Gleichung: Wo Schäfer-Gümbel draufsteht, steckt Ypsilanti drin. Der Kandidat wird die Zusammenarbeit mit der Linken von vornherein nicht ausschließen. Ein Wahlversprechen würde er also im Falle eines Falles nicht brechen. Aber unterm Strich bliebe die Option, dass sich die Sozialdemokraten von der SED-Nachfolgepartei abhängig machten, und das ist für Hessen nach wie vor nicht gut.

Thorsten Schäfer-Gümbel also heißt die überraschendste Volte dieses aufregenden politischen Jahres. Man staunt. Man ist gespannt. Eines Tages können wir alle sagen: Wir sind dabei gewesen.

Text: F.A.Z.

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