Von Sascha Zoske
30. März 2006 Primaballerina, Klaviervirtuose oder Großschauspieler werden, in vollbesetzten Häusern die Ovationen des Publikums entgegennehmen, fürstliche Gagen kassieren - davon träumt so manches Jungtalent nach bestandener Aufnahmeprüfung für die Kunsthochschule. Doch der Wunsch wird nur selten Wirklichkeit: Gerade mal einer von 5000 Studenten könne sich Hoffnung auf eine Solistenkarriere machen, sagt Thomas Rietschel, Präsident der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst.
Wozu dann die aufwendige Ausbildung? Braucht ein junger Mensch Einzelunterricht, wenn seine Begabung aller Voraussicht nach nie ausreichen wird, um alleine auf der Bühne zu stehen? Rietschel kennt diese Fragen, und er setzt sich mit ihnen konstruktiv auseinander. In den zwei Jahren, in denen er an der Spitze der Einrichtung steht, hat er deutlich gemacht, daß er deren Aufgabe vor allem in der Heranbildung von Praktikern sieht, die als Lehrer oder Ensemblekünstler in vielen Funktionen ihr Auskommen finden können. Nicht allen gefällt dieser Kurs; nahe liegt der Vorwurf, die Hochschule degeneriere auf diese Weise zur Produktionsstätte für Schulmeister und Aushilfsinstrumentalisten.
Elitenförderung
Aber Rietschel hat keine Schwierigkeiten damit, das Wort Exzellenz in den Mund zu nehmen. Projekte wie der Masterstudiengang Zeitgenössische Musik in Zusammenarbeit mit dem renommierten Ensemble Modern zeigen, daß er den Anspruch auf Elitenförderung nicht aufgegeben hat. Solches Bemühen auf die Felder zu konzentrieren, auf denen die Hochschule schon starke Fundamente gelegt hat, zeugt von gesundem Realitätssinn.
Ebenfalls nachvollziehbar ist Rietschels Ansinnen, von der Universität die Fächer Musikwissenschaft und Musikpädagogik zu übernehmen - können doch vom engen Miteinander Theorie und Praxis gleichermaßen profitieren. Wenig überzeugend wirkt das Argument der Kritiker dieses Vorhabens, mit der Verlagerung würden die vielfältigen Kontakte zwischen beiden Disziplinen und anderen geisteswissenschaftlichen Fächern gefährdet. Die Schnittmengen mit dem Tun der ausübenden Musiker dürften allemal größer sein, und in räumlicher Hinsicht ist der Umzug ohnehin bedeutungslos: Zwischen IG-Farben-Haus und Musikhochschul-Campus liegen zwei U-Bahn-Stationen.
Stargeigerin als Professorin
So wichtig musikwissenschaftliche Forschung auch ist - für die Wahrnehmung der Musikhochschule in der Öffentlichkeit zählt anderes. Neben der Präsenz von Studenten und Dozenten im Kulturleben der Stadt ist das die Prominenz des Lehrpersonals. Daß Künstler wie Marie-Luise Neunecker, Isabel Mundry und Tabea Zimmermann Frankfurt den Rücken gekehrt haben, ist zu Recht beklagt worden. Die kürzlich bekanntgegebene Verpflichtung von Stargeigerin Julia Fischer als Professorin macht jedoch deutlich, daß man an der Musikhochschule nach wie vor um die Bedeutung großer Namen weiß. Jene, die mit ihrem Talent unter Tausenden herausragen, werden dort auch künftig ihren Platz haben - als Lehrer und als Studenten.
Text: F.A.Z., 31.03.2006
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